Mit „The Mastermind“ gelingt Kelly Reichardt die höchst stimmige Studie eines Scheiterns mit Ansage.
Wie ein kriminelles Superhirn wirkt James Blaine Mooney (Josh O’Connor), der von allen J.B. genannt wird, wahrlich nicht. Mit seiner Frau Terri (Alana Haim) und den beiden Söhnen bewohnt er eines jener Einfamilienhäuser, die typisch für die US-amerikanische Mittelschicht sind. Und in der beschaulichen Kleinstadt in Massachusetts, in der Familie Mooney lebt, ist auch nur wenig von Umbruchstimmung zu spüren, die zu Beginn der siebziger Jahre die amerikanische Gesellschaft erfasst hat. Vielmehr driftet J.B., dessen Vater als Richter Respekt und Anerkennung genießt, irgendwie durchs Leben. Seinen Beruf als Tischler übt er nur gelegentlich aus, wenn das Geld knapp zu werden droht, muss seine Mutter mit einem privaten Darlehen aushelfen.
Doch dann glaubt J.B. einen Weg gefunden zu haben, der ihn seiner materiellen Sorgen entledigt. Ausgerechnet ein sorgsam orchestrierter Kunstdiebstahl soll die Lösung für alle seine Probleme sein. Ziel ist dabei das örtliche Kunstmuseum, wo J.B. und seine Truppe einige Gemälde von Arthur Dove (1880–1946), der als einer der ersten abstrakt malenden Künstler der Vereinigten Staaten gilt, entwenden wollen. Wobei der Plan keineswegs eine kriminelle Meisterleistung à la Rififi darstellt. J.B. hat bei den Besuchen mit seiner Familie im Museum schlichtweg beobachtet, dass die Museumsaufseher in schöner Regelmäßigkeit ein Schläfchen machen anstatt ein Auge auf die Kunstwerke zu haben. Der geniale Coup besteht schlichtweg darin, dass zwei Mitglieder der Truppe die Gemälde abhängen, an den dösenden Aufsehern vorbei aus dem Museum transportieren und die Beute in jenem Lieferwagen verstauen, hinter dessen Steuer J.B. abfahrbereit wartet. Der Raubzug geht noch einigermaßen leidlich über die Bühne, doch schon bald zeigt sich, dass der vermeintlich einfache Plan noch einiger Überarbeitung bedurft hätte. Wodurch J.B.s Leben tatsächlich eine andere Richtung bekommt, allerdings anders als es sich das „Mastermind“ erhofft hat.
Randlagen
Es dauert nicht allzu lang, bis The Mastermind offen legt, dass der Plot um einen Kunstraub bestenfalls im Ansatz der Zuschreibung „Heist-Movie“ gerecht wird. Was angesichts des bisherigen Œuvres von Kelly Reichardt wiederum keine besondere Überraschung ist. Reichardt zählt zu den profiliertesten Repräsentantinnen jenes Independent-Kinos, das einen treffsicheren, ungeschönten Blick auf die Lebensrealitäten der US-amerikanischen Gesellschaft wirft. Wiederholt greift Kelly Reichardt in ihren Regiearbeiten auf Genres als narrativen Ausgangspunkt zurück, um jedoch Genremuster und damit einhergehende traditionelle Kanonisierungen Stück für Stück zu dekonstruieren. River of Grass (1994), eine Mischung aus Krimi und Roadmovie, der Western Meek’s Cutoff (2010), der Thriller Night Moves oder die Tragikomödie Showing Up (2022) illustrieren auf wunderbare Weise Reichardts Strategie, tradierte erzählerische Vorgehensweisen mittels einer ganz eigenen Handschrift neu zu formen, um sich so sozialen Realitäten punktgenau anzunähern.
Im Mittelpunkt von River of Grass stehen eine Hausfrau und ein in den Tag hinein lebender Mann, ein höchst ungleiches Duo, das eher zufällig zusammenfindet. Frustriert von ihrem Dasein, versuchen die beiden, aus ihrem bisherigen Leben auszubrechen. Auf ihrem eingeschlagenen Weg begehen sie eine Reihe von Straftaten, die allerdings zumeist eher geringfügiger Natur sind. Der Plot von River of Grass basiert lose auf den Begebenheiten um Charles Starkweather und Caril Ann Fugate, einem jugendlichen Pärchen, das 1958 mit ihrem Amoklauf Nebraska und Wyoming in Angst und Schrecken versetzte. Die berüchtigte True-Crime-Geschichte war bereits die Vorlage für Terrence Malicks Badlands, auch wenn Malicks Fokus sich deutlich von jenem Reichardts unterscheidet.
Auch Meek’s Cutoff beruht auf einer wahren Begebenheit um eine Gruppe von Siedlern, die sich 1845 in der Hochwüste Oregons verirren. Grund dafür ist, dass die Kenntnisse des angeheuerten Scouts Stephen Meek über die Gegend nicht ganz so ausgeprägt sind wie gedacht. Als die Wasservorräte knapp zu werden drohen, entspinnt sich ein Konflikt, ob man einem Native American, den die Gruppe gefangen genommen hat, trauen und sich von ihm den richtigen Weg zeigen lassen kann.
Ähnlich wie River of Grass findet sich auch hier ein Motiv wieder, dass in Kelly Reichardts Filmen immer wieder auftaucht: Menschen, die einen Aufbruch wagen, doch auf dem Weg in eine erhoffte neue Existenz gehörig ins Straucheln geraten.
So ergeht es auch der von Michelle Williams verkörperten Wendy, der titelgebenden Protagonisten von Wendy and Lucy (2008), jenem Drama, das Reichardt als höchst präzise Beobachterin eines „Real America“ etablierte. Nachdem sie ihren bisherigen Fabriksjob verloren hat, befindet sich die junge Frau auf dem Weg nach Alaska, um dort Arbeit zu finden. Doch irgendwo mitten in Oregon gibt ihr altes Auto endgültig den Geist auf. Eine Reparatur kann sich Wendy nicht leisten, ihre finanzielle Lage ist mittlerweile so prekär, dass sie sich entschließt, Futter zu stehlen, um wenigstens ihre Hündin Lucy zu versorgen. Prompt wird Wendy bei diesem Diebstahl ertappt. Zwar wird sie nach kurzer Zeit wieder aus dem Polizeigewahrsam entlassen, doch Lucy ist nicht mehr auffindbar. Verzweifelt macht sich Wendy auf die Suche nach ihrer geliebten Lucy, dem einzigen Wesen, dass ihr noch ein wenig Halt im Leben gibt.
Die Protagonisten von Night Moves (2013) verlieren sich hingegen im übertragenen Sinn bei ihrer Suche nach einer neuen Richtung. Reichardts Inszenierung beobachtet das Abgleiten dreier Umwelt-Aktivisten (gespielt von Jesse Eisenberg, Dakota Fanning und Peter Saarsgard) in eine Form des Widerstands gegen bestimmte bestehende Verhältnisse, bei der Gewalt als Mittel akzeptiert wird. Dieses gewaltsame Vorgehen soll sich in der Vorstellung der drei auf Dinge wie einen Staudamm beschränken, den sie zu sprengen gedenken. Doch ganz so einfach lässt sich der neue moralische Kompass nicht kalibrieren, in die ursprünglich idealistischen Vorstellungen schleicht sich nach und nach eine geradezu jakobinische Unerbittlichkeit ein, die mörderische Konsequenzen hat. Eine höchst dramatische Wendung, der Kelly Reichardt jedoch mit einer betont unspektakulären Inszenierung begegnet. Überhaupt ist das betont ruhige, geradezu bedächtige Erzählen das typische Stilmittel der Filmemacherin Reichardt. Ein narrativer Kontrapunkt zu den oft durchaus heftigen Sujets, was jedoch als kongeniales Instrument für Kelly Reichardts präzisen Blick erscheint. Denn genau durch diesen unaufgeregten narrativen Modus beziehen ihre Regiearbeiten eine Intensität und vor allem Authentizität, die man im gegenwärtigen US-Kino nur selten findet.
Stürmische Zeiten
Auch das an sich spektakuläre Element, das jedem anständigen Heist-Movie innewohnt, wird von Kelly Reichardt in The Mastermind nicht forciert. Stattdessen setzt sie dem einen bedächtigen Spannungsaufbau entgegen, der als geradezu prototypisch für ihre Arbeitsweise anmutet. Wobei es ohnehin mit der spektakulären Komponente nicht so weit her ist. Allein der Raubzug, der zumindest in J.B. Mooneys ursprünglicher Konzeption schon etwas für sich hat – vor allem, weil alles so einfach scheint – läuft auf beinahe tragikomische Weise ab. J.B.s Komplizen erweisen sich als ziemlich tolpatschige Figuren, die es kaum schaffen, die gestohlenen Gemälde unfallfrei aus dem Museum zu tragen. Bereits in dieser frühen Phase hat man das Gefühl, dass die Bande – allein diese Bezeichnung scheint für die Gelegenheitsdiebe hochgestochen – selbst ohne gröbere Widerstände mehr Glück als Verstand braucht, um den Coup über die Bühne zu bringen. Von ausgeprägten kriminellen Fähigkeiten kann da nicht die Rede sein. Da ist es keine ausgeprägte Überraschung, dass sich nach dem erfolgreichen Fischzug die Schwierigkeiten erst so richtig aufzutürmen beginnen.
Der Raub, der für J.B. Mooney eigentlich die Ausfahrt aus seinem eher durchwachsenen Leben sein sollte, mutiert zu einer Straße voller Schlaglöcher, denen das „Mastermind“ kaum noch auszuweichen vermag. Kelly Reichardt zeichnet ein Porträt des Protagonisten, der in eine Abwärtsspirale gerät, die sich zunächst langsam, beinahe unmerklich, in Bewegung setzt, aus der es jedoch kein Entkommen mehr gibt. Es ist ein schleichender Prozess, den J.B. dabei durchläuft, und spätestens hier macht Reichardts Inszenierung deutlich, dass der Kriminalfall nur der Ausgangspunkt für eine nuancierte Charakterstudie bildet.
Kelly Reichardt hat dafür auch ein spannendes Setting gewählt, spielt The Mastermind doch zu Beginn der siebziger Jahre, also in einer zeitgeschichtlichen Phase, in der die Stimmung in der US-amerikanischen Gesellschaft höchst konfrontativ war. Die gesellschaftlichen Umbrüche durch die Gegenkultur und vor allem der Vietnamkrieg sorgten für Gegensätze, die zusehends unüberbrückbar erschienen. Kameramann Christopher Blauvelt verwendet gedämpftes, sepiafarbenes Licht, wodurch die melancholische, tragikomische Grundstimmung von The Mastermind eine kongeniale visuelle Entsprechung findet. Reichardt und ihr Kameramann generieren dabei aber auch ein höchst stimmiges, atmosphärisch dichtes Period Piece. Die politischen Stürme, die in dieser Zeit vorherrschen, spielen in der zunächst beschaulichen Welt von J.B. Mooney keine Rolle. Erst als er feststellen muss, dass sein vermeintlich einfacher Plan ihn auf die andere Seite des Gesetzes gebracht hat – und er sich dabei von seiner Familie und seinem bisherigen Umfeld immer mehr entfernt –, beginnt J.B. gesellschaftliche Umbrüche so richtig wahrzunehmen. Doch da scheint sich das Superhirn schon ein gehöriges Stück weit selbst ausgetrickst zu haben.
