Charlotte Gainsbourg

Dossier Sex

Das ist kein Skandalfilm

| Dieter Oßwald |
Charlotte Gainsbourg über „Nymphomaniac“, über ihre intensive Beziehung zu Lars von Trier und über Vaginal-Prothesen.

Sie ist die Tochter des französischen Künstlers Serge Gainsbourg und der britischen Schauspielerin Jane Birkin. Als 12-Jährige gab Charlotte Gainsbourg mit Duett zu dritt ihr Kinodebüt, zwei Jahre später wurde sie für Jacques Doillons Das freche Mädchen als beste Nachwuchsschauspielerin mit dem César ausgezeichnet. Für Aufsehen sorgte 1985 das Inzest-Drama Charlotte For Ever, in dem Vater Serge seine „Zuneigung“ zu seiner Teenager-Tochter inszenierte. 2008 begann die Zusammenarbeit mit Regisseur Lars von Trier. Für Antichrist bekam Gainsbourg die Goldene Palme in Cannes, für Melancholia wurde sie für den Europäischen Filmpreis nominiert. Nun folgt mit Nymphomaniac Von Triers neuer Film, der wegen seiner freizügigen Darstellung seit Wochen für Wirbel sorgt und nur in einer gekürzten Fassung in die Kinos kommt. Die unzensierte Version des Zweiteilers erlebt auf der Berlinale seine Weltpremiere. Erzählt wird in acht Kapiteln die Lebens- und Leidensgeschichte der Nymphomanin Joe.

Schon vor seinem Kinostart sorgt Nymphomaniac für Schlagzeilen – haben wir es mit einem Skandalfilm zu tun?
Charlotte Gainsbourg: Für mich ist das kein Skandalfilm! Mich hat keine einzige Szene darin schockiert. Der Film ist viel interessanter und tiefgründiger als all die Kommentare, die es vorab dazu gibt. Natürlich will Nymphomaniac auch provozieren. Aber das Provokative passiert mit viel Humor – jenem typischen Humor von Lars von Trier. Und natürlich kommt seine dunkle Seite auch zum Vorschein.

Sie wuchsen mit einem Vater auf, der stets provozierte. Hat Sie diese Jugend auf Lars von Trier vorbereitet?
Charlotte Gainsbourg: Möglicherweise ist das so. Die beiden sind sich im Grunde überhaupt nicht ähnlich, dennoch versuche ich immer wieder, Verbindungslinien zwischen ihnen zu entdecken. Was diesen Drang zur Provokation betrifft, gibt es allemal eine Schnittmenge zwischen meinem Vater und Lars.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit Von Trier aus?
Charlotte Gainsbourg: Lars erklärt nie etwas – jedenfalls nicht mir! Als ich ihn bei Antichrist zum ersten Mal traf, war er in keiner sehr guten Verfassung. Er hatte Panikattacken und litt sehr. Häufig sagte er, er wisse nicht, ob er am nächsten Drehtag überhaupt kommen könne. Bei Melancholia war sein Zustand sehr viel besser, das war ein ganz anderer Mensch. Auch jetzt, bei diesem Film, hatte ich den Eindruck, dass es ihm gut geht.

Wie gut kennen Sie sich?
Charlotte Gainsbourg: Ich glaube, dass ich Lars ein bisschen verstehe, aber „kennen“ wäre übertrieben. Während er umgekehrt wohl absolut alles über mich weiß und mich regelrecht lesen kann, worauf ich mich in seinem Fall auch gerne einlasse. Was unsere Arbeit betrifft, gab es eigentlich nie eine großartige Entwicklung. Unsere Basis ist vor allem sehr großes Vertrauen.

Wie groß war Ihr Vertrauen beim Sex vor der Kamera? Hatten Sie einen „Nacktszenen-Vertrag“ wie Ihre Kollegin Stacy Martin?
Charlotte Gainsbourg: Vielleicht gab es diesen Vertrag, aber darum habe ich mich nicht gekümmert. Nach Antichrist wusste ich, dass Lars ein sehr respektvoller Regisseur ist. Da die Nacktszenen erst in der Postproduktion entstanden, konnte ich beim Drehen immer bekleidet bleiben. Wobei ich viel weniger Sexszenen als Stacey habe. Ich bin einmal nackt vor diesen beiden Schwarzen, aber da gibt ebenso wenig Geschlechtsverkehr wie später bei den Masochismus-Szenen. Von daher war Nacktheit kein Problem für mich.

Immerhin sollen Sie eine Vaginal-Prothese getragen haben…
Charlotte Gainsbourg: Stimmt, ich habe diese Vaginal-Prothese – aber solche netten kleinen Dinge werden Sie erst in der ungeschnittenen Version zu sehen bekommen. Diese Prothese war kein unbedingtes Vergnügen: Morgens um acht ging ich in die Maske und es dauerte zwei Stunden, bis dieses Ding endlich passend angebracht war. Immerhin ist die Erinnerung daran rückblickend sehr lustig.

Klären Sie uns auf: Was hat die ungeschnittene Version mehr zu bieten als die Kinofassung?
Charlotte Gainsbourg: Von der fünfeinhalbstündigen Fassung war ich absolut begeistert, das war ein echter Energie-Kick. Die gekürzte Kinoversion fand ich enttäuschend, weil es eben nicht mehr die Version von Lars ist. Im zweiten Teil fehlt eine ganze Stunde, das betrifft nicht nur Großaufnahmen von Geschlechtsorganen, sondern auch ganze Passagen, die ich für meine Figur ganz wichtig fand. Aber man kann eben nicht alles haben.

Wenngleich die Sexszenen gedoubelt wurden und mit Computertricks entstanden, sieht man im Film intime Szenen einer nackten Frau mit Ihrem Gesicht. Haben Sie keine Angst um Ihr Image, dass diese Bilder Sie fortan im Internet auf ewig verfolgen werden?
Charlotte Gainsbourg:
Nein, absolut nicht. Ich weiß, was ich gemacht habe. Und was in der Nachbearbeitung mit den Szenen gemacht wurde – das Ergebnis sieht überzeugend aus.

Wie reagieren Ihre Kinder auf solch einen Film mit einer nackten Mutter?
Charlotte Gainsbourg: Ich habe mit ihnen darüber gesprochen und dass manche Leute glauben würden, ich hätte tatsächlich Sex in diesem Film. Französische Zeitungen hatten die Geschichte ja bereits auf den Titelseiten, aber darauf haben meine Kinder überhaupt nicht reagiert.

Welche Reaktionen des Publikums erwarten Sie?
Charlotte Gainsbourg: In Frankreich wurde bereits der Trailer als Provokation aufgefasst, was mich überrascht hat. Ich dachte, der Film könnte ganz normal in die Kinos kommen, aber das scheint nicht der Fall zu sein. Die Stimmung wird zunehmend moralischer, und die Zensur fängt immer früher an. Diese Entwicklung bedaure ich.

Wären die Reaktionen ähnlich, wenn diese Geschichte aus der Sicht eines Mannes erzählt worden wäre?
Charlotte Gainsbourg: Vermutlich nicht, was umso bedenklicher stimmt. Ich habe den Eindruck, wir bewegen uns gesellschaftlich rückwärts. In den siebziger Jahren gab es viel mehr Platz für wilde Ideen und größeren Mut für Dinge. Heute haben alle Angst. Umso mehr liebe ich Lars, der als wahrer Künstler keine Kompromisse macht.

Gibt es etwas, das Sie für diesen Regisseur nicht tun würden?
Charlotte Gainsbourg: Weil ich weiß, wie respektvoll Lars ist und weil ich ihm so sehr vertraue, kann ich mir alles vorstellen.

Wie sehr hat der Skandal von Cannes vor zwei Jahren den Regisseur getroffen, als er mit unbedachten Nazi-Aussagen für Schlagzeilen sorgte und prompt Hausverbot für das Festival bekam?
Charlotte Gainsbourg: Ich kann nicht für Lars sprechen, aber ich weiß, dass ihn das sehr getroffen hat und er bis heute darunter leidet. Nicht umsonst hat er danach ja geschworen, nie wieder Pressekonferenzen oder Interviews zu geben.

In Nymphomaniac wird auch das Thema politischer Korrektheit und Meinungsfreiheit aufgegriffen. Ist das die Reaktion auf Cannes?
Charlotte Gainsbourg: Nein, Cannes war nicht der Auslöser für Nymphomaniac. Lars hatte damals ja bereits dort angekündigt, als nächstes Projekt einen Porno drehen zu wollen. Aber natürlich gibt es Anspielungen darauf, schließlich ist das ein Film nicht nur von, sondern vor allem auch über Lars von Trier. Diese beiden völlig gegensätzlichen Figuren des Films stehen im Grunde für die zwei Seiten von Lars.

Dreht Lars von Trier seine Filme zur Selbsttherapie?
Charlotte Gainsbourg: Therapie würde ich das nicht nennen. Aber er will sich mit seinen Filmen öffnen und preisgeben. Dabei finde ich ihn absolut ehrlich, er hat keine Angst davor, seine Verletzlichkeit und seine dunklen Seiten zur Schau zu stellen.

Der Film handelt nicht nur von Sex, sondern auch vom Fliegenfischen und von Bäumen. Sind Sie mit Lars von Trier angeln gegangen?
Charlotte Gainsbourg: Zum gemeinsamen Angeln ist es leider nicht gekommen. Aber Lars hat mir sehr viel über Bäume beigebracht. Er ist ein großer Naturliebhaber, was wohl mit seiner Kindheit zu tun hat – und damit, dass er Däne ist.

Wie bei Antichrist haben Sie wieder in Deutschland gedreht, wie waren Ihre Erfahrungen?
Charlotte Gainsbourg: Ich habe schöne Erinnerungen an Deutschland. Bei Antichrist hatten wir eine Stunde von Köln entfernt gedreht, diesmal waren wir mitten in der Stadt – was sehr angenehm war.

Was machen Sie als Nächstes?
Charlotte Gainsbourg: Ich drehe gerade eine Komödie mit den Machern von Ziemlich beste Freunde – das ist mein Urlaub von Nymphomaniac. Zudem möchte ich ein neues Album veröffentlichen, womit ich allerdings noch gar nicht beginnen konnte, weil mir einfach die Zeit fehlte. In den letzten vier Monaten habe ich vier Filme gedreht. So viel Arbeit hatte ich seit langem nicht.

Unter anderem drehen Sie aktuell mit Wim Wenders. Wie unterscheidet sich Wim Wenders von Lars von Trier?
Charlotte Gainsbourg: Die beiden arbeiten völlig unterschiedlich, schon allein deshalb, weil Wenders wieder in 3D dreht. Dieser ganze technische Aufwand ist für mich eine ganz neue Erfahrung. Gemeinsam ist beiden, dass sie immer wieder mit ihrem vertrauten Team arbeiten, was für eine sehr angenehme und familiäre Atmosphäre beim Dreh sorgt.

Wird es neue gemeinsame Filme von Lars von Trier und Ihnen geben?
Charlotte Gainsbourg: Ich habe Lars nicht danach gefragt. Ich fürchte, er wird mir keine weiteren Rollen anbieten. Er hat jetzt alles gesehen, was ich zeigen kann. Seine Erwartungen an mich könnten damit befriedigt sein – meine Erwartungen an ihn sind es noch lange nicht. Ich wäre glücklich, nochmals mit Lars zu arbeiten.