Nomadland Goldener Löwe Venedig

Venedig 2020 | Blog 4

Ein Sieg für das Kino

| Pamela Jahn |
Es ist vollbracht. Venedig hat bewiesen, dass es wieder möglich ist, Filme im Großformat und als Massenevent zu präsentieren. Zu Ende ging das Festival mit dem Goldenen Löwen für den Top-Favoriten „Nomadland“ von Chloé Zhao.

Man weiß gar nicht, worüber man sich mehr freuen soll. Dass es bis zum letzten Festivaltag – zumindest offiziell – keine Infektionsfälle auf dem Lido zu verzeichnen gab. Oder darüber, dass der Goldene Löwe in diesem Jahr an das US-Drama Ein Sieg für das Kino der in China geborenen Independent-Regisseurin Chloé Zhao verliehen wurde. Letztere Meldung ist insofern weniger überraschend, als der Film, in dem Frances McDormand eine moderne Aussteigerin spielt, die in ihrem Bus durch das ländliche Nevada zieht, bereits im Vorfeld als großer Favorit des 77. Jahrgangs gehandelt wurde. Dass Zhao von der diesjährigen Wettbewerbsjury um Cate Blanchett am Ende tatsächlich den Hauptpreis verliehen bekam, lässt Erinnerungen an das noch Covid-freie Vorjahr aufkommen. Damals wurde Todd Phillips‘ Joker mit dem Hauptpreis geehrt, nachdem Kritik und Medien den ungewöhnlichen Psychothriller ebenfalls bereits lange vor seiner Premiere am Lido gefeiert hatten. Und ähnlich wie Joaquin Phoenix darin als psychopathischer Clown alles Interesse auf sich zieht, beweist sich auch McDormand in ihrem ersten Auftritt nach dem Oscar-Gewinn für Three Billboards Outside Ebbing, Missouri erneut als eine der spannendsten und charismatischsten Hauptdarstellerinnen ihrer Generation. Ein bisschen schade war es deshalb sicher schon, dass Regisseurin und Schauspielerin den Preis nicht persönlich entgegennehmen konnten, sondern ihre Dankesrede nur als Video-Nachricht im aufgrund der herrschenden Covid-Sicherheitsmaßnahmen lediglich halb ausgelasteten Auditorium der Sala Grande abgespielt wurde.

Die andere große Gewinnerin ist die 32-jährige Britin Vanessa Kirby, die mit gleich zwei herausragenden Rollen in diesem Wettbewerb sogar McDormand die Copa Volpi als beste Schauspielerin streitig machte. Ausgezeichnet wurde die bisher vor allem für ihre Darstellung der Königin-Schwester Prinzessin Margaret in dem Netflix-Hit The Crown bekannte Schauspielerin für ihre Verkörperung einer Mutter, die nur wenige Minuten nach der Geburt ihr Baby verliert, in dem ersten englischsprachigen Drama des ungarischen Regisseurs Kornél Mundruczó, Pieces of a Woman. Doch auch ihr Auftritt in Mona Fastvolds Historienfilm The World To Come in dem sie eine Farmersfrau spielt, die sich in eine Siedlerin (Katherine Waterston) verliebt, beeindruckte viele der Journalisten, die sich heuer zum Filmeschauen nach Venedig gewagt hatten.

Zhao, McDormand und Kirby – danach, so scheint es zumindest aus der Ferne, kam in diesem Jahr lange erst einmal nichts. Als bester Darsteller wurde der Italiener Pierfrancesco Favino für seine Rolle in Padrenostro ausgezeichnet, was von außen angesichts der mangelhaften Qualität der italienischen Produktionen in diesem Wettbewerb eher wie ein Verlegenheitspreis erscheint. Der Silberne Löwe für die beste Regie ging an den japanischen Veteranen und Venedig-Stammgast Kiyoshi Kurosawa für sein Historiendrama Wife of a Spy, während der Inder Chaitanya Tamhane den Drehbuchpreis für seinen Film The Disciple erhielt, bei dem er ebenfalls Regie führte. Der Mexikaner Michel Franco wurde für sein Dystopiendrama Nuevo orden mit dem Großen Preis der Jury geehrt, der zweitwichtigsten Auszeichnung am Lido. Und dass der mittlerweile 83-jährige Andrey Konchalovsky den Jury-Spezialpreis für Dear Comrades! entgegennehmen durfte, in dem er die brutale Niederschlagung eines Streiks durch die Sowjetarmee in den sechziger Jahren thematisiert, ist angesichts des hohen Alters des Regisseurs letztlich vielleicht auch einfach eine schöne Geste der Juroren wie des Festivals.

Nicht unerwähnt bleiben soll an dieser Stelle der Wettbewerbsbeitrag des aserbaidschanischen Regisseurs Hilal Baydarov, In Between Dying, der unter anderem von Danny Glover und Carlos Reygadas mitproduziert wurde. Baydarov, geschult am Blick von Béla Tarr, bei dem er studierte, verfilmt darin eine Selbstfindungsgeschichte als kunstvoll minimalistisch inszeniertes, metaphysisches Roadmovie, das in seiner Poetik und Bildgewalt ungeniert auf Vorbilder wie etwa Tarkowskij, Bergman oder Bresson verweist, und trotzdem in vielen Szenen und Einstellungen seine Eigenwilligkeit und Eigenständigkeit behaupten kann. Für einen Preis hat es am Ende in Baydarovs Fall nicht gereicht. Aber im Auge behalten sollte man den Regisseur zukünftig trotzdem.

Bleibt zu fragen, warum beispielsweise ein Löwen-Gewinner wie Lav Diaz in diesem ohnehin schmalen Wettbewerb nicht vertreten war und stattdessen mit seinem neuen zweieinhalbstündigen Werk Genus, Pan in die Reihe „Orizzonti“ abgeschoben wurde. Auch zwei herausragende iranische Beiträge, vielleicht sogar zwei der besten Filme dieses Festivals überhaupt, liefen dort: Shahram Mokris Careless Crime und The Wasteland von Ahmad Bahrami, der dafür zurecht den Hauptpreis der Sektion gewann, während Lav Diaz mit dem Regiepreis ausgezeichnet wurde.

Das war er also, dieser 77. Jahrgang von Venedig, in dem es eindeutig mehr um das Ereignis an sich und weniger um die insgesamt 18 Wettbewerbsbeiträge mit ihrem Fokus auf das europäische Arthouse-Kino ging. Von der entscheidenden Rolle, die sich das Festival in den letzten Jahren im Hinblick auf die Oscar-Saison schwer erarbeitet hatte, war heuer nichts zu spüren – auch deshalb ist der Sieg für Nomadland als dem einzigen, wenn auch unabhängigen Studiofilm im Programm vielleicht extra wichtig.

www.labiennale.org/en/cinema/2020