Das frisch renovierte Mumok in Wien hat jetzt auch ein Kino. Ein Lokalaugenschein mit den Gestaltern Michael Wallraff und Heimo Zobernig.
Die neue Leitung hat sich entschlossen, dort, wo sich früher einmal ein Depot des Mumok befand und später junge Künstler unter dem Titel „Factory“ nicht unbedingt die besten Ausstellungsflächen des Museums fanden, ein permanentes Kino einzurichten. Mit der Umsetzung wurden der Architekt Michael Wallraff und der Künstler Heimo Zobernig, die schon zuvor gemeinsame Projekte im musealen Kontext realisiert hatten, betraut. Ihrem Ansatz der formalen Reduktion treu bleibend, haben sie es geschafft, einen für dieses Vorhaben nicht unbedingt optimalen Raum in einer Form zu adaptieren, die den speziellen Anforderungen der Filmprojektion nachkommt, ohne dabei den Anschluss an den restlichen Museumsbetrieb zu verlieren. Bemerkenswert ist das deshalb, weil zwischen Kino und Museum zwangsläufig eine ganz grundsätzliche Spannung eingebaut ist. Immerhin verlangt Kino gemäß seinen strengen Definitionen nach einem abgeschotteten Raum, in dem Licht, das nicht vom Projektor stammt, unerwünscht ist. So haben denn auch Ausstellungsgestalter seit den sechziger Jahren, als Film- und später Videokunst zum fixen Bestandteil des Museumsbetriebs wurden, ihre liebe Not damit, Laufbilder in adäquater Form zu integrieren. Wer kennt sie schließlich nicht, die hellen, von Tageslicht durchfluteten Ausstellungsräume, in denen große, schwarze Monitore mit zwei – nicht selten defekten – Kopfhörern nicht unbedingt große Lust auf eine tiefere Auseinandersetzung mit dem audiovisuellen Inhalt machen. Dem gegenüber steht das andere Extrem des temporären Mikrokinos, also jene durch schwere Vorhänge abgedunkelten, aus Gipskartonplatten zusammengezimmerten Kästen, in denen sich Projektoren an Endlosschleifen abarbeiten. Beide Formen sind nicht unbedingt das Beste, was einem Ausstellungspublikum passieren kann. Nach einer geeigneten Form, in der Museum und Kino eine gelungene Symbiose eingehen, wird also weiterhin eifrig gesucht. Gut möglich, dass Michael Wallraff und Heimo Zobernig mit ihrem Beitrag diesem Ziel einen Schritt näher gekommen sind.
Schon beim Betreten des Raumes im Mumok wird klar, dass Kino hier nicht so streng dogmatisch gedacht wird, wie das beispielsweise in Kinematheken der Fall ist. Ein zur Mitte des Raumes hin aufsteigendes Podest mit teilweise freiliegenden Konstruktionselementen teilt den Raum in eine helle Lounge mit Foyer-Charakter und einen dunkel gehaltenen Kinosaal, der bis zu 110 Personen Platz bietet. Die beiden Räume treten in einen Dialog. Wichtig daran sei der Objektgedanke, so Wallraff: „Das Kino steht als Objekt in der Mitte des Raumes, ist aber nicht der Raum selbst.“ Auf die Möglichkeit, die beiden Räume komplett voneinander zu trennen, wurde deshalb bewusst verzichtet. Bei Veranstaltungen, die nicht explizit der Filmsichtung dienen, ist es aufgrund der guten akustischen Trennung dennoch möglich, die Räume gleichzeitig zu nutzen. Walraff betont, der helle Raum sei ganz bewusst nicht mit einer fixen Nutzungswidmung besetzt. Ein paar Quadratmeter, die vom Nutzer individuell erobert werden können, sind jedenfalls ein Luxus, den sich nur die wenigsten Gebäude leisten.
„Wäre es die Aufgabe gewesen, nur ein reines Kino zu bauen, wäre das Ergebnis vielleicht puristischer ausgefallen“, ergänzt Heimo Zobernig. „Es gab aber von Seiten der Museumsleitung den Wunsch, die Räume auch für Vorträge und andere Veranstaltungen nutzen zu können. Ein gewisser Pragmatismus war deshalb angebracht.“ Das Duo orientierte sich demnach an der Idee einer Maschine, in die man sich direkt hineinsetzt. „Vielleicht so wie ein Lastwagen, wobei der Screen die Windschutzscheibe ist“, sagt Zobernig. Das Volumen des Raumes dürfe dabei durchaus präsent bleiben. Wenn wir schon beim Hinsetzen sind, dann soll an dieser Stelle auch erwähnt sein, dass der Wahl der Bestuhlung – einer der wesentlichsten Punkte für gelungenen Kinogenuss – angemessene Beachtung zuteil wurde: „Es galt, die Anforderungen einer Vortragssituation mit den Vorzügen und Bequemlichkeiten eines Kinofauteuils zu verbinden.“ Nach einem Probedurchgang lässt sich sagen, dass man im Mumok bequemer sitzt als in so manch anderem Kino dieser Stadt.
Von diesem nicht unwesentlichen Detail zurück zum Gesamtkonzept. Welche Bedeutung hat ein Kino heute eigentlich für einen Architekten? Die Zeit der an Theaterarchitektur geschulten Kinopaläste ist vorbei, und spektakuläre Projekte wie der von Coop Himmelb(l)au in Dresden realisierte Umbau des UFA-Palastes sind definitiv die Ausnahme. Insgesamt fallen Kinos mit nicht-kommerzieller Ausrichtung ja vor allem dadurch auf, dass sie ihre Pforten für immer schließen oder sich in Supermärkte verwandeln. Neu gebaut werden vor allem Großkinos.Als Architekt hat Michael Wallraff grundsätzlich auch mit einem Multiplex keinerlei Berührungsängste. Schließlich könne man auch in einem gelungenem Gebäude schlechte Filme zeigen.
Aber zu wissen, dass der Museumskontext ein speziell interessiertes Publikum mit sich bringe, mache ein Kino wie das im Mumok natürlich zu einem besonderen Ort. In diesem Sinn ist das Museum auch als Rückzugsort für eine Form von Kino zu verstehen, die auf dem freien Markt kaum mehr Überlebenschancen hat. Dennoch muss man diese Verschiebung nicht zwangsläufig als Verdrängung durch den Digitalprojektor begreifen. Wenngleich das Kino natürlich ein Zugeständnis in Richtung der eigenen Film- und Videosamlung ist und historisches Material durchaus gezeigt werden soll, ergänzt Heimo Zobernig, dass sich das Mumok stark als Plattform von Gegenwart sehe, als einen Ort, an dem Experimente möglich sein sollen.
Ein ganz besonderes Experiment ist hier jedenfalls bereits gelungen: Zentraler Bestandteil und gleichsam Herzstück des Kinos ist die in ihrer Breite verstellbare Leinwand, die ohne den typischen Vorhang auskommt. Wirft man einen genaueren Blick darauf bzw. dahinter, entdeckt man eine komplizierte Technik aus Umlenkungen und Gegengewichten, die es ermöglicht, die Leinwand vom klassischen 4:3-Format bis auf Cinemascope anwachsen zu lassen. Wird kein Film projiziert, reflektiert sie ein schwaches und gleichmäßiges Licht. Durch diese Nähe zu einem abstrakten Bild wird die Leinwand weg vom Theater und hin in Richtung Museum gedeutet. Wenn die Arbeiten, die darauf zu sehen sein werden, mit dieser Vorgabe mithalten können, ist es sehr wahrscheinlich, dass das Kino für das Mumok zu einer Bereicherung wird.
