WHITE NOISE

Venedig 2022 | Blog 1

Bilderrausch

| Pamela Jahn |
Der 79. Jahrgang der Internationalen Filmfestspiele von Venedig steht im Zeichen großer Filme, jeder Menge Stars und spannender Regisseurinnen. Ein Ausblick.

„Ok, Film ab!“ Kaum hat Don Cheadle den magischen Auftrag erteilt, überschlagen sich die Bilder, so wie die Fahrzeuge auf der Leinwand. Als Professor Murray Siskind hält der US-amerikanische Schauspieler zu Beginn von Noah Baumbachs White Noise einen Vortrag über spektakuläre Autounfälle im Hollywood-Kino, illustriert durch eine schillernde Montage von Filmausschnitten: Explodierende PKWs, zerbeulte Karosserien, demolierte Lastwägen, die Siskind als reinen Ausdruck der Freude interpretiert. Damit gibt er gewissermaßen den Ton für das an, was folgt. Denn alles deutet darauf hin, dass auch White Noise insgesamt ein Film ist, der von Unglücken und Katastrophen handelt, die Baumbach in gewohnter Manier vorsorglich konstruiert und mit einem ironischen Seitenblick durch die Kamera betrachtet.

Der Eröffnungsfilm der Filmfestspiele von Venedig sei „eine Geschichte der amerikanischen Kultur“, so formulierte er Baumbach selbst, als er auf der gestrigen Pressekonferenz sein neues Werk selbst kommentierte. Und fast könnte man meinen: Alles wie immer. Immerhin wird der Regisseur als ein Genie im Zersetzen privater und gesellschaftlicher Strukturen gehandelt, seit er mit dem Scheidungsdrama The Squid and The Whale (2005) zum ersten Mal auf sich aufmerksam machte. Vor drei Jahren präsentierte er mit Marriage Story dann sein Meisterstück. Es war seine erste Produktion für den Streamingdienst Netflix, mit der er 2019 am Lido die Weltpremiere feierte. Und es war der Film, in dem seine besondere Fähigkeit, die Dynamiken aufgewühlter Beziehungen in all ihren Facetten zu erfassen und mit der rasanten Leichtigkeit seiner Dialoge zu koppeln, ihren absoluten Höhepunkt fand.

Mit White Noise schlägt er nun jedoch zumindest oberflächlich eine andere Richtung ein. In Anlehnung an Don DeLillos gleichnamigen Roman von 1985 konzentriert sich der Film auf die beruflichen und privaten Angelegenheiten des College-Professors Jack Gladney (Adam Driver), der sich als Hitler-Experte auch weit über die Grenzen seiner fiktiven Provinz-Uni hinaus einen Namen gemacht hat. Gemeinsam mit seiner Frau Babette (Greta Gerwig) und etlichen aus diversen früheren Ehen stammenden Kindern lebt der gefeierte Akademiker in einer zunehmend dysfunktionalen Familienkonstellation in einem Haus, in dem die Küche das Schlachtfeld für die schönsten verbalen Schlagabtäusche liefert. Gleich in der ersten Szene weiß man, dass man bei Baumbach in der Hinsicht in guten Händen ist. Doch der unbedingte Wille, über die eigenen Grenzen hinaus gehen zu wollen, lässt sich bereits hier in Dialogen von shakespearartigem Ausmaß erkennen. Und es dauert nicht lang, bis ein plötzlicher Chemieunfall nicht nur die Familienbeziehungen, sondern auch den Film zunehmend ins Schleudern bringt.

DeLillos Vorlage ist eine Satire, sowohl über die Wissenschaft als auch über die Popkultur und die Gesellschaft dazwischen. Auch die, in der wir heute leben. Aber die diversen Genre-Elemente, die Baumbach hier anwendet, um seiner hohen Kunst einen neuen Schliff zu verleihen, wirken oftmals zu sehr gewollt, unausgewogen und verquer, als dass sie auf dem Weg zur Eskalation jemals wirklich zünden würden. Vor allem wechselt White Noise seine Tonlagen mit einer Beliebigkeit, die es dem Zuschauer schwer macht, sich ähnlich intensiv wie in den früheren Filmen des Regisseurs in das Geschehen auf der Leinwand einzufühlen. Dennoch erscheint der Film im Tageslicht betrachtet als ein gelungener Aufmacher für ein Festival, das sich mit einer Welt konfrontiert sieht, die so sehr aus dem Gleichgewicht geraten scheint, wie schon lange nicht mehr.

Dazu gehört wie auf beinahe jedem Festival seit dem 24. Februar 2022 auch der Vormarsch russischer Truppen in der Ukraine. Die Geschichte des Krieges, so Wolodymyr Selenskyj in seiner jüngsten Ansprache an die Filmgemeinde bei der feierlichen Eröffnung des Festivals am gestrigen Abend, sei eine Geschichte, die über die Grenzen der Menschlichkeit und des gesunden Menschenverstandes hinaus ginge. Es sei ein Drama, „das auf realen Ereignissen basiert“. Und es sind Filme wie Evgeny Afineevskys Dokumentation Freedom on Fire: Ukraine’s Fight for Freedom oder The Kiev Trial von Sergei Loznitsa, die auch im hektischen Festivalalltag der kommenden zehn Tage immer wieder an die brutale Realität erinnern werden.

Darüber hinaus präsentiert Venedig auch in diesem Jahr ein Line-up, das selbst Cannes in den Schatten stellt: Neben White Noise zeigt das Festival gleich noch drei weitere hochkarätige Netflix-Produktionen im Programm, darunter der neue Film des Mexikaners Alejandro G. Iñárritu Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten, der bereits ab dem 18. November in ausgewählten Kinos zu sehen sein wird und einen Monat später auf Netflix startet, sowie Andrew Dominiks unkonventionelles Marilyn-Monroe-Biopic Blonde und Athena von Romain Gavras (Sohn des griechisch-französischen Filmregisseurs Costa-Gavras). Darüber hinaus sind aber auch die traditionellen Studios mit filmischen Schwergewichten vertreten, wie etwa Disney, die mit The Banshees of Inisherin von Martin McDonagh einen Anwärter auf den Goldenen Löwen im Wettbewerb haben. Warner Bros. schickt Penélope Cruz in Emanuele Crialeses L’immensità erneut ins Rennen um einen Darstellerpreis. Im letzten Jahr war die spanische Ausnahmeschauspielerin für ihre schauspielerische Leistung in Pedro Almodóvars Madres Paralelas am Lido ausgezeichnet worden.

Im Arthouse-Bereich sieht es jedoch nicht weniger spannend aus und oberdrein feiert das Festival vor allem hier die Frauen: Ob Alice Diop (Saint Omer) und Joanna Hogg (The Eternal Daughter), Andrea Pallaoro (Monica) oder Susanna Nicchiarelli (Chiara), in Venedig setzt man auf die Regisseurinnen, die das Kino heute ungemein aufregend machen. Dazu zählt nicht zuletzt auch Laura Poitras, die mit All the Beauty and the Bloodshed ihr dokumentarisches Porträt der Künstlerin Nan Goldin präsentiert. Olivia Wildes Don’t Worry Darling läuft zudem außer Konkurrenz.

Für Stars und Glamour aus dem roten Teppich sorgen darüber hinaus Florian Zellers The Son, der mit Hugh Jackman, Laura Dern, Vanessa Kirby und Anthony Hopkins in der Besetzung aufwarten kann sowie Luca Guadagninos Bones and All, in dem Timothée Chalamet und Mark Rylance mitspielen. In Todd Fields Psychodrama Tár verkörpert Cate Blanchett eine Dirigentin, deren Leben zunehmend aus dem Takt gerät. Nina Hoss spielt im Film Blanchetts Partnerin und Mark Strong ist als konkurrierender Dirigent mit von der Partie.

Julianne Moore dürfte es als Vorsitzende der Internationalen Jury also vermutlich nicht ganz leicht haben, aus diesem stolzen Aufgebot am Ende einen Gewinner zu küren. Ihr zur Seite stehen diesmal unter anderem die Gewinnerin des Goldenen Löwen vom letzten Jahr, Audrey Diwan, sowie der italienische Regisseur Leonardo Di Costanzo, sein argentinischer Kollege Mariano Cohn, der spanische Filmemacher Rodrigo Sorogoyen, die iranische Schauspielikone Leila Hatami und der in Japan geborene britische Autor Kazuo Ishiguro.

Und mit Eismayer von David Wagner sowie Vera, dem neuen Film des Regie-Duos Tizza Covi & Rainer Frimmel sind in den Nebenreihen schließlich ebenfalls zwei österreichische Produktionen am Lido vertreten, die wie hoffentlich ein Großteil der Wettbewerbstitel bald auch in den heimischen Kinos zu sehen sein werden.