Frank Sinatra

Stong with Song

| Daniela Sannwald |
Zum 100. Geburtstag von Frank Sinatra (1915-1998)

„Well-mannered shark“, so nennt ihn eine seiner Geliebten in Ocean’s Eleven (1960), und der Star brauchte nicht einmal zu singen, um ganz und gar Sinatra zu sein – mit elegantem Outfit, dem lässigen, langsamen Gang und der leicht kratzigen Stimme, mit der er, wenn er sang, selbst harte Burschen zum Weinen bringen konnte. Danny Ocean war eine von Frank Sinatras Paraderollen in den sechziger Jahren: die des Veteranen, der sich im zivilen Alltag nicht zurechtfindet.

Der Journalist Gay Talese beschrieb den Schauspieler und Sänger in seinem 1966 erschienenen, wortmächtigen Essay „Frank Sinatra Has a Cold“ als Vorkriegsprodukt, das dem Ansturm der neuen Zeit erfolgreich standgehalten hätte: „He is a piece of our past – but only we have aged, he hasn’t“; und tatsächlich war er – während die Beatles und die Stones bereits große Erfolge feierten – nach einer kurzen Periode der Bedeutungslosigkeit auf dem Gipfel seines Ruhms angelangt: Er tourte durch die Konzertsäle der Welt und nahm Schallplatten auf, er gab beiläufige Performances mit dem Rat Pack in Las Vegas, er beschäftigte ein ganzes Heer von Angestellten, die er alle mit Vornamen kannte und die ihn, wie Talese beobachtet hatte, als ihren Padrone betrachteten: …“he is what in traditional Sicily have long been called uomini rispettati – men of respect: men who are both majestic and humble, men who are loved by all and very generous by nature, men whose hands are kissed as they walk from village to village, men who would personally go out of their way to redress a wrong“.

Vielleicht kannte Sinatra solche Männer aus der italienischen Community in Hoboken, New Jersey, wo er aufgewachsen war – geboren am 12. Dezember 1915 als Sohn italienischer Einwanderer, die schon ihr kleines Mittelschicht-Glück gemacht hatten, weil sie beide ohne Pause arbeiteten. Und wohl deshalb litt auch der kleine Frankie, wie so viele seiner Kollegen aus dem Showbusiness, in der Kindheit unter einem Mangel an Aufmerksamkeit, den er später durch ein Übermaß davon kompensierte. „Strong with song, weak with words“, seien die in den USA geborenen italienischen Jungen gewesen, schrieb Talese, aber Sinatra brachte es weiter als alle. Und die italienischen Einwanderer, die lange unter der Dominanz der Iren gelitten hatten, verehrten ihn, weil ein bisschen von seinem Glanz auch auf sie abstrahlte. Sicher gehörten auch Mafiosi zu Sinatras Bewunderern und Geschäftspartnern, das ist belegt. Nicht sicher ist dagegen, dass es Frankie mit ihrer Hilfe gelang, nach einer professionellen Flaute wieder in Hollywood Fuß zu fassen. Angeblich spielt eine Szenenfolge in The Godfather (1972) auf eine wahre Geschichte an, die sich ungefähr zu der Zeit zugetragen haben soll: Im Film übt Don Vito Corleone beträchtlichen Druck auf einen Produzenten aus – Pferdekopf im Bett – um seinem singenden Patensohn eine Rolle zu verschaffen.

Wie auch immer Frank Sinatra seine Rolle in Fred Zinnemanns From Here to Eternity (1953) ergatterte – in dem Kriegsfilm, der seiner bisherigen Karriere als Musical-Darsteller ein jähes Ende setzte, spielt Sinatra einen aufmüpfigen Soldaten in einer Boxer-Staffel, der am Ende stirbt. Der Film gewann acht Oscars, einer davon ging an Sinatra als bester Nebendarsteller. Damit begann eine etwa 15-jährige Periode, in der Sinatra bis zu vier Filme jährlich drehte, teils, wie Ocean’s Eleven, mit seiner Rat Pack-Entourage – Dean Martin, Sammy Davis jr., Peter Lawford – und dann wirkt das so, als ob sie auf dem Set einfach so ähnlich weitergemacht hätten mit ihrer Männerkumpanei wie im Casino oder wo sie sich sonst trafen: Rumlungern, Rauchen, Saufen, Witze reißen, Frauen schlecht behandeln, so wie es der Geschlechtercode weißen, heterosexuellen Männern damals nahelegte.

Aber Sinatra konnte auch als Schauspieler viel mehr als die anderen: In Otto Premingers The Man with the Golden Arm (1955) lässt er der verzweifelten Titelfigur trotz ihrer Heroinsucht einen Hauch von Würde, die den professionellen Spieler besser aussehen lässt als all die miesen Existenzen, die von ihm profitieren, und bei seiner Darstellung des Kalten Entzugs bekommt man mehr als eine Idee von der Qual, die Drogenabhängigkeit bedeutet. Und in John Frankenheimers Kalter-Krieg-Satire The Manchurian Candidate (1962) entlarvt er einen von den kommunistischen Feinden im Koreakrieg umgedrehten Schläfer; und wieder ist seine Darstellung eines von Kriegserlebnissen bis zur Zerrüttung traumatisierten Mannes beinahe unheimlich, auch weil er offenbar keine Angst davor hatte, schlecht auszusehen.

Zu Frank Sinatras frühen Filmcredits zählt The House I Live In, ein Kurzfilm aus dem Jahr 1945: Sinatra, im Studio, croont „If You Are but a Dream“. Dann geht er für eine Zigarettenpause auf die Straße, wo eine Horde von Kindern einen einzelnen Jungen verfolgt. Sinatra fragt, was sie gegen ihn haben. Er sei Jude, antworten die Kinder. Und was seid ihr, fragt Sinatra, Nazis? Es folgt eine längere Rede des Sängers, der auf den Krieg verweist, in dem alle Religionen Seite an Seite gekämpft und die „Japs“ besiegt hätten, und schließlich, für die geläuterten Kinder, der Song „The House I Live In“, womit natürlich die USA gemeint sind. Der patriotische Kurzfilm, für den alle Beteiligten bei der Oscarverleihung 1946 einen extra kreierten „Special Award“ entgegennahmen, gilt als früher Beleg für Sinatras politisches und soziales Engagement, mit dem er zunächst die Demokraten, später dann die Republikaner unterstützte und Millionen für Spenden ausgab.

Er sei, das sieht man allerdings in diesem Film, in dem alle Kinder weiß sind, nicht, schon zwei Jahrzehnte vor der Bürgerrechtsbewegung für die Gleichstellung der Afro-Amerikaner eingetreten, berichtete Gay Talese 1966, als der Kampf darum gerade tobte, und vor allem sei er mit der Zeit „a kind of one-man Anti-Defamation League for Italians in America“ geworden, einer, der sich niemals gescheut hätte, den Schwachen zu helfen und die Starken anzugreifen.

Bis 1987 trat Frank Sinatra als Schauspieler auf, bis 1995 als Sänger. Drei Jahre später, am 14. Mai 1997, starb er in Los Angeles. Er ist mit Film- und Musikpreisen überhäuft worden, sammelte Ehrendoktor- und Ehrenbürgerwürden im In- und Ausland, ja bis ins All reicht sein Ruhm: Der Asteroid 7934 wurde postum nach ihm benannt. Sinatras Stern strahlt – from here to eternity.