Lange wurde Tennis von der Filmindustrie ignoriert, heute ist der Sport zunehmend Teil der Popkultur. Der Tennissport liefert unzählige Geschichten, die besten handeln von einem sturen König, einer feministischen Pionierin und einem Vorbild namens Fish.
Ein Tennismatch gleicht einem Gladiatorenkampf. Auf dem Platz findet sich kein Versteck, es muss Sieger und Verlierer geben, niemand wird vorzeitig ausgewechselt. Der kultige Ex-Profi John McEnroe stellte eine ähnlich martialische These auf und verglich seinen Sport mit einem Boxkampf. „Nur dass bei uns keiner totgeschlagen wird“, sagte er. Es gilt, dem Gegenüber weh zu tun, es körperlich zu zermürben. Auch so gewinnt man. Gleichzeitig hat Tennis etwas Anmutiges. Schon die Aufschlagbewegung ist komplex und gleichzeitig so graziös wie ein Tanz. In Wimbledon kommt sie einem Tango gleich, in der dritten Bezirksliga Südost vielleicht mehr einem Haka der Māori.
Was macht die Faszination Tennis aus? Zunächst der Wettkampf an sich, das Eins-gegen-Eins, nach dem alle Profis süchtig sind. Sie mögen es, selbst für ihren Erfolg verantwortlich zu sein und Lösungen auf dem Platz zu finden. Manche interpretieren Tennis wie Schach. Wie kann ich die Gegnerin aus dem Konzept bringen? Es braucht Kombinationsfähigkeit, das Erkennen von Mustern. Der ehemalige Topspieler Gustavo Kuerten, ein offensiver Sandplatzwühler aus Brasilien, sagte einmal: „Je eleganter die Züge, umso besser. Aber die Hauptsache ist, ich mache den letzten.“
Aktive sprechen oft von einer Hassliebe zu ihrem Sport, denn sie sind gefangen im Hamsterrad. Wenn ich heute auf ein Training verzichte, kann mich mein Konkurrent schon morgen überholt haben, weil er geschuftet hat. Worum es immer geht im Tennis: Widerstandsfähigkeit. Schwächephasen kommen in jedem Match, Selbstzweifel sind nur eine Frage der Zeit. Wie gehen die Akteure damit um? Man kann die Profis beobachten, wie sie das Ruder rumreißen oder verzweifeln. Martina Navratilova, eine der besten Spielerinnen der Geschichte des Sports, sagt: „Große Sportler zeichnen sich nicht dadurch aus, wie gut sie in ihren besten Zeiten sind, sondern wie gut sie in ihren schlechtesten Zeiten sind.“
Obwohl der Sport so viele Darstellungen kennt, gab es lange kaum gute Filme oder Serien zum Tennis. Das hat sich inzwischen geändert. Eine Auswahl an Empfehlungen im – angelehnt an ein Tennismatch – Best-of-Three-Format.
Erster Satz: King Richard (2021)
Richard Williams träumte zwar nicht von warmen Eislutschern, sein Vorhaben war aber ähnlich utopisch. Noch bevor seine beiden jüngsten Töchter auf die Welt kamen, entwarf er deren Laufbahn auf dem Reißbrett. Seine Mädchen Venus und Serena würden eine Karriere als Tennisprofi starten, nein, er plante noch viel größer: Sie würden die Größten aller Zeiten werden.
King Richard erzählt von den Anfängen zweier Schwestern, die in ihrer Laufbahn insgesamt 30 Grand-Slam-Titel im Einzel gewinnen und zu Ikonen des Sports aufsteigen sollten. Will Smith beeindruckt in der Rolle als Richard Williams mit schlabbrigem Gang und eigenwilliger Aussprache. Er erscheint als Nervensäge und im nächsten Moment als demütiger Vater. Die Interpretation der Rolle ist überragend, wenngleich vermutlich etwas romantischer, als Williams im echten Leben war. Richards Methoden sind unkonventionell; die beiden Töchter werfen etwa zu Beginn des Trainings Schläger von der Grundlinie über das Netz. Seine Töchter feuert er auf dem Platz mit vollem Namen an: „Gut gemacht, Venus Williams!“; „So geht das, Serena Williams!“
Die Matches sind nicht groß inszeniert, das braucht es gar nicht, es geht um viel mehr. Der Film hat einen gesellschaftlichen Hintergrund, erzählt von der Pionierarbeit in einem weißen Sport. Die Familie Williams kommt aus Compton, aus der härtesten Gegend für die Erziehung von selbstbewussten Schwarzen. Über 145 Minuten gelingt ein Hinweis auf Polizeigewalt und strukturellen Rassismus, ohne dabei eine erstickende Rolle zu spielen. Das Drehbuch von Zach Baylin bietet eine ausgewogene Mischung aus Tennis-Action, persönlicher Entwicklung und sozialem Kommentar. Die Zuschauer werden zum Nachdenken angeregt.
Die jungen Schauspielerinnen Saniyya Sidney und Demi Singleton holten sich direkt von Venus und Serena Williams Rat, wie sie sie im Film am besten verkörpern sollten. Die Schwestern fungierten als geschäftsführende Produzentinnen des Films. Für seine Darstellung von Richard Williams erhielt Smith den Oscar als bester Hauptdarsteller, zudem gab es fünf weitere Nominierungen. King Richard steht jedoch auch in Verbindung mit jener Ohrfeige, die Smith bei der Oscar-Verleihung dem Komiker Chris Rock verpasste.
Zweiter Satz: Battle Of The Sexes – Gegen jede Regel (2017)
Bis zum heutigen Tag verdienen weibliche Tennisprofis bei vereinzelten Turnieren weniger als ihre männlichen Kollegen. Bei den vier größten Events des Jahres, den lukrativen Grand Slams, besteht kein Gender-Pay-Gap. Dass dem so ist, ist ein großer Verdienst von Billie Jean King. Die US-Amerikanerin setzte sich gegen die systematische Benachteiligung im Tennis zur Wehr. Im Jahr 1970 löste sie sich gemeinsam mit acht anderen Spielerinnen von der Tour des damaligen Promoters Jack Kramer los, drei Jahre später gründete sie die Gruppe die Women’s Tennis Association; deren Tour ist bis heute die höchste Liga im Frauentennis.
King ist eine glühende Verfechterin des Frauensports. Der um 25 Jahre ältere Ex-Profi Bobby Riggs forderte sie an deren Karrierehöhepunkt zu einem Match heraus. Ein Showdown auf dem Tennisplatz zwischen einem Mann und einer Frau, 100.000 US-Dollar für den Sieg. King bestand darauf, wie bei Männern üblich auf drei Gewinnsätze zu spielen. Riggs nahm das Duell nicht ernst, spuckte chauvinistische Töne, die damals schon als frech galten, heute gänzlich unerträglich klingen.
In Battle Of The Sexes, inszeniert von Valerie Faris und Jonathan Dayton, produziert von Danny Boyle, wird King von Emma Stone überzeugend verkörpert. Für die Rolle trainierte sie sich sieben Kilo Muskelmasse an; sie vermied im Vorfeld jeglichen Kontakt zu King, um unvoreingenommen spielen zu können. Nach der Veröffentlichung wurden sie gute Freundinnen. Die Rolle half Stone, selbst die Stimme zu erheben und für Frauenrechte einzustehen. Während der Promo-Tour für Battle Of The Sexes wurden die Missbrauchsvorwürfe gegen Harvey Weinstein bekannt, #MeToo nahm seinen Lauf.
Billie Jean King, die mit dem Sportveranstalter Larry William King verheiratet war, beginnt eine Affäre mit der Friseurin Marilyn Barnett; der Nebenstrang nimmt im Film eine etwas gar prominente Rolle ein. „Es ist Entertainment, keine Dokumentation“, sagt King heute. „Der Film strahlt eine kraftvolle Message aus.“
Am 20. September 1973 kam es zum Duell der Geschlechter. 30.472 Menschen besuchten den Astrodome in Houston, 90 Millionen weitere schauten im Fernsehen zu – bis heute ein Rekord für ein Tennismatch. King schlug Riggs, gespielt von Steve Carrell, deutlich in drei Sätzen. Battle Of The Sexes erzählt eine Geschichte von Durchhaltevermögen und dem Streben nach Gleichberechtigung.
Dritter Satz: Untold: Breaking Point (2021)
Mardy Fish ist nicht gerade ein Hochstapler. Obwohl der US-Amerikaner als Tennisprofi gutes Geld verdient, findet er, seine Karriere sei bestenfalls Durchschnitt. Die absolute Weltspitze scheint wie ein Traum, weit entfernt. Mit 28 Jahren beschließt er, sein Leben völlig umzukrempeln. Plötzlich trainiert er wie besessen, geht jeden Tag um 19.30 Uhr ins Bett und vernachlässigt Freunde und Privatleben. Er engagiert einen Fitnesstrainer, der in seinem Haus einzieht. Er kauft sich eine Dekompressionskammer, um nach Trainingseinheiten schneller zu regenerieren. Fish wird zum Asket, verliert 15 Prozent seines Körpergewichts. Seinen Körper interpretiert er als Zitrone, die er auspresst, um später nicht zu bereuen, etwas übrig gelassen zu haben.
Der Verzicht und die Arbeit machen sich bezahlt. Fish gewinnt deutlich mehr Matches, er wird zur Nummer eins der USA und zählt zu den acht besten Spielern der Welt. Doch die Hochform hält nicht für immer. Bedingt durch den immensen Erwartungsdruck entwickelt Fish Angststörungen. Zum wohl größten Match seiner Karriere – ein Duell mit Roger Federer bei den US Open – kann Fish deshalb nicht antreten.
Die Dokumentation ist Teil der sehenswerten Untold-Serie von Netflix. Andere Folgen erzählen etwa von einer US-Müll-Mafia, die mit einem rüpelhaften Eishockey-Team die Szene aufwirbelt. Oder die Geschichte vom Footballspieler Manti Te’o, der eine Beziehung zu einer Frau vorgibt, die in Wirklichkeit gar nicht existiert.
Breaking Point erklärt nachvollziehbar die Finessen des Tennissports. Fish spricht etwa über die Vorbereitung auf den Rückschlag, bevor der Gegner den Ball ins Spiel bringt. Die Katze beißt sich dabei in den Schwanz: Fish rechnet mit einem Aufschlag auf seine Rückhand. Aber sein Gegner weiß, dass Fish mit einem Aufschlag auf die Rückhand rechnet – und wird auf die Vorhand servieren. Oder?
Was von der Doku hängen bleibt: Psychische Probleme können jeden treffen. Die Gegner heißen nicht mehr Federer, Nadal oder Djokovic, Fishs Gegner sind die Dämonen in seinem Kopf. Das Stück trägt zur Akzeptanz von mentalen Krankheiten in der Gesellschaft bei. Wie im echten Leben mit psychischen Erkrankungen hat auch die 80-minütige Folge kein klares Happy End. Fish erzählt von einem „täglichen Kampf“, an den er sich mit der Zeit gewöhnt hat. Früher wusste er nicht, mit wem er über seine Probleme sprechen kann. Heute hilft er selbst Menschen in Not.
Tiebreak: Das Elfmeterschießen des Tennis bietet Platz für honorable mentions
Boom! Boom! The World vs. Boris Becker (2023): Die Produktion von Apple TV+ erklärt, wie der einstige deutsche Tennisgott im Gefängnis landete. Boris Becker ist ein talentierter Geschichtenerzähler, seine eigene rührt ihn zu Tränen. Regisseur Alex Gibney zeigt den Kontrast vom Ex-Profi mit dem angeklagten Promi, hinterfragt dessen Widersprüche und stellt in den Raum, dass Becker entweder lügt, oder sich an manche Dinge einfach nur falsch erinnert.
Break Point (2023): Ähnlich wie bei der Untold-Folge ist der Titel wörtlich zu verstehen – als Reise zu jenem Punkt, an dem ein Spieler im Kopf vermeintlich zerbricht. Die Netflix-Serie von den Machern von Drive To Survive (Box To Box Films) soll neue Zielgruppen für Tennis begeistern. Der Fokus liegt auf dem Drama in den Köpfen der Profis. Für den Erfolg braucht es vor allem mentale Stärke. Der Sport ist eine Droge, sie hat gefährliche Nebenwirkungen wie jede andere auch.
Der Thiem-Spirit (2019/2020): Kein Sporttext ohne Österreich-Bezug! Der von seinem Sponsor Red Bull produzierte Zweiteiler beschreibt den Weg des Niederösterreichers Dominic Thiem an die Weltspitze. Der erste Teil endete mit einer Niederlage im Finale der French Open 2019. Weil Thiem im darauf folgenden Jahr bei den US Open sein erstes Grand-Slam-Turnier gewann, wurde die Doku neu aufgelegt. Highlight: Man kann Thiem dabei zuhören, wie er vor dem Paris-Finale gegen Rafael Nadal in der Kabine Songs von Christina Stürmer singt.
