Sie lieben Filme und engagieren sich dafür. Sie machen kompetent Programm, kennen ihr Publikum und arbeiten intensiv daran, es zu erreichen. Sie pflegen die cineastische Nahversorgung und die Magie des Kinos – die Kinobetreiberinnen und –betreiber und die Filmverleiher. „ray“ sprach mit einigen von ihnen online.
Wie und wann hat Sie die Kinoleidenschaft gepackt?
Wolfgang Steininger: Ich war eine Hausgeburt und bin im Kino geboren, in einem „Monoplex“ der fünfziger Jahre: ein Wirtshaus, eine Kegelbahn, eine Jukebox und eine Filmleinwand. Als kleiner Bub habe ich die Kinokarten abgerissen, mit zehn Jahren saß ich an der Kasse. Mit elf habe ich mich in Django hineingeschmuggelt. Da hat mich der Dorfgendarm, der „Cognac-Franzl“, erwischt, weshalb meine Eltern Strafe zahlen mussten.
Alexander Syllaba: In Neulengbach gab es die Neulengbacher Lichtspiele mit 400 Plätzen. Ich wollte mir alles ansehen, auch manches, wofür ich noch zu jung war. Leider hat unser Schulwart den Einlass gemacht. Der wusste, wie alt wir waren. Wenn er uns abwies, hat uns der Vorführer durch die Luke schauen lassen.
Renate Wurm: Ich bin durch Schulvorstellungen infiziert worden, die Wolfgang Steininger in Freistadt organisiert hat. Es gab wunderbare Kinoabende und Kino-Sessions um Mitternacht, die meine Begeisterung geweckt haben. Die ist mir beim Studium in Salzburg geblieben.
Und wie ist das Kino dann zum Beruf geworden?
Beate Bachträgl-Azodanloo: Die Liebe zum Film und zum Kino war immer da: Mein erster Film im Kino war Bambi, der Disney-Zeichentrickfilm. Ich glaube, das war im Grazer Schubertkino. Als Kind hat mich mein
Vater oft mit ins Kino genommen, meistens zu Science-Fiction-Filmen, für die ich laut Altersfreigabe zu jung war. Als Teenager war ich ein Mal pro Woche im Kino – meistens im Annenhof.
Syllaba: Anfang der Neunziger ist Giuseppe Tornatores Cinema Paradiso nach zwei Wochen aus dem regulären Programm unserer Stadtkinos geflogen. Also habe ich zusammen mit ein paar Freunden das erste Open-Air-Festival „Film am Dom“ auf dem Dom-Platz in St. Pölten organisiert, um diesen wunderbaren Film vielen Menschen zu zeigen. Viele haben gesagt, das funktioniert nicht, in St. Pölten um 21.45 Uhr europäische Filme vorzuführen. Aber dann sind jeden Tag tausend Leute gekommen. Das Ziel war immer, in St. Pölten ein eigenes Programmkino zu gründen. Die damaligen Stadtverantwortlichen fanden das überflüssig, weil es „eh ein Mulitplex“ gab. Das Land Niederösterreich stand aber von Anfang an hinter unserer Initiative. Als das C2-Kino am Rathausplatz geschlossen wurde, haben wir in der Ruine weiter gespielt und unter Einsatz von hohen eigenen finanziellen Mitteln und vor allem mit Unterstützung des Landes den Neubau geschafft. Jetzt ist das Cinema Paradiso der wichtigste Frequenzbringer in der Innenstadt und einer der wichtigsten Kulturbetriebe in Niederösterreich. Und wir wurden 2006 als bestes Kino Europas ausgezeichnet.
Wie kam es dazu, dass der Dokumentarfilm immer mehr an Terrain gewonnen hat?
Michael Stejskal: Für uns vom Filmladen war in den frühen achtziger Jahren der Film das wichtigste Mittel politischer Agitation, 16-mm-Filme, die wir landauf, landab vorgeführt haben. Sogenannte Flugblatt-Filme von 20 bis 50 Minuten Länge. Wir hatten aber auch bereits einen cineastischen Anspruch. Also haben wir Filmklassiker gebracht und aktuelle Filme, die nicht nur politisch, sondern auch ästhetisch überzeugend waren. Septemberweizen von Peter Krieg hat in den achtziger Jahren den Boden für den großen Dokumentarfilm bereitet. Der Film lief in Pfarrheimen, bei der Sozialistischen Jugend, beim ÖGB, an Schulen, Unis und in Parteihäusern. Eine solche Breite ist heute undenkbar.
Wurm: Für mich war die erste sehr erfolgreiche Doku Bowling for Columbine von Michael Moore. Seither hat sich der Dokumentarfilm im Kino fest etabliert, auch die österreichische Dokumentarfilmszene insgesamt. Manche Filme laufen nur ein paar Mal, andere, wie zuletzt Die Dohnal von Sabine Derflinger oder Brot von Harald Friedl, andauernd.
Bachträgl-Azodanloo: Wir haben, seit Michael Moore den Dokumentarfilm massentauglicher gemacht hat, 35 bis 40 Prozent Dokumentarfilme im Programm. Künstler- und Musikerbiografien gehören unbedingt dazu, Umweltthemen und Dokus über Menschenrechte. Folglich war einer der ersten Filme, die wir nach der Corona-Pause auf dem Spielplan hatten, I Am Not Your Negro von Raoul Peck – anlässlich des tragischen Todes von George Floyd.
Stejskal: In Österreich gab es schon früh eine große Vielfalt beim Dokumentarfilm. Die Filme sind zwar nicht immer imposant in die Breite gegangen, haben aber die Wahrnehmung geschärft und den Blick geöffnet für ihre Art Wirklichkeit. Das hatte zur Folge, dass man damit auch in kommerzielle Kinos mit mehreren Sälen gehen konnte. Der Höhepunkt der Breitenwirksamkeit wurde mit Erwin Wagenhofer erreicht, der zu einer starken Marke wurde. Aber natürlich sind hier auch die Filme von Ruth Beckermann, Ulrich Seidl und Nikolaus Geyrhalter und vielen anderen zu erwähnen, die, jede/r für sich, den international herausragenden Ruf des österreichischen Dokumentarfilms begründet haben und zugleich eine faszinierende Vielfalt an Themen und formal unterschiedlichen Zugängen in der Kinolandschaft etabliert haben.
Syllaba: Den Dokumentarfilm haben wir von Beginn an auf Händen getragen, von Käthe Kratz über die frühen Filme Ulrich Seidls und Ruth Beckermanns bis zu Erwin Wagenhofer. Wir haben über die Jahre Publikum in der Provinz für den österreichischen Dokumentarfilm aufgebaut. St. Pölten hat ohne Eingemeindungen 36.000 Einwohnerinnen und Einwohner. Unser Einzugsgebiet ist nicht urban, sondern dörflich, ländlich. Der Dokumentarfilm hat bei uns mittlerweile ein großes und politisch waches Publikum.
Hat sich die Interessenlage beim Publikum über die Jahrzehnte verändert?
Steininger: Der Dokumentarfilm findet seit der Digitalisierung der Kinos eine noch stärkere Verbreitung. Das politische Interesse hat sich nicht verringert, aber eher ins persönliche Betroffensein und mehr ins Regionale verlagert. Ferne Länder und Kulturen sind nur mehr mit Ayurveda oder wegen Schamanen interessant oder als Vorbild für Abenteuerreisen.
Bachträgl-Azodanloo: Der Publikumsanteil bei Dokumentarfilmen liegt bei fast zwei Drittel. Das Alter ist breit gefächert, aber junge Leute fehlen meistens – außer bei unserer Schiene mit Nachwuchsfilmschaffenden. 2019 waren fünf Dokumentarfilme unter den zehn erfolgreichsten: Gehört, gesehen von Jakob Brossmann lag auf Platz 2 und Inland von Ulli Gladik auf Platz 8.
Syllaba: Ein Teil unseres Publikums ist älter, es ist aber je nach Film auch sehr stark durchmischt. Wir veranstalten neben dem täglichen Kinobetrieb auch Konzerte, Lesungen und andere Live-Veranstaltungen auf internationalem Niveau: 120 in St. Pölten und 80 in Baden pro Jahr. Die beiden Cinema Paradiso sind Kinos und kleine urbane Kulturzentren. Die Menschen, die zu diesen Konzerten, Lesungen oder Diskussionen kommen, sehen Filmplakate und werden davon ins Kino gelockt und umgekehrt. Dieses Mischkonzept ist voll aufgegangen. Bei den Filmpremieren sitzen Achtzehnjährige neben Achtzigjährigen. Wunderbar und einzigartig.
Stejskal: Der Anteil an Studierenden ist bei uns noch relativ groß, aber nicht mehr so groß wie früher. Es gibt auch regionale Unterschiede. Bauer unser von Robert Schabus lief auf dem Land genial gut, in den Großstädten aber weniger. Im Vergleich zu unseren Anfangsjahren ist das Dokumentarfilmpublikum sehr viel anspruchsvoller geworden. Damals war ein interessantes Thema oft Anreiz genug, ins Kino zu gehen, auch wenn die Filme formal manchmal sehr holzschnittartig waren. Heute kann man sich auf vielen verschiedenen Kanälen Kurz- und Langfilme anschauen, die auf dokumentarische Weise ein Thema aufarbeiten. Man muss also auch gestalterisch einen echten Mehrwert anbieten, um die Menschen ins Kino zu bringen. Das ist begrüßenswert. Gleichzeitig erzeugen die Filme keine politischen Handlungsimpulse wie damals. Zugespitzt gesagt: Das Publikum ist abgeklärter und kritischer geworden, gleichzeitig aber auch resignativer und konformistischer.
Steininger: Bei uns sind reifere Frauen die stärkste Gruppe. In Freistadt und teils auch im Moviemento haben wir auch jüngeres Publikum, im Cine in Wien und in Feldkirch eher älteres. Wo sich im Umkreis einer halben Stunde ein Multiplex befindet, bleibt die Jugend, von Ausnahmen abgesehen, dem traditionellen Kino fern.
Wurm: Wenn wir Tarantino zeigen, kommen auch die jungen Leute. Sie wollen diesen Film auf Englisch sehen. Oder wenn Adrian Goiginger seinen Lieblingsfilm aus den achtziger Jahren präsentiert oder ein Film von Studierenden läuft, die dann ihre Community erreichen.
Steininger: Aber sonst kriegt man Studierende oft nur mit Freikarten und Freibier – Betonung auf letzterem – ins Kino. Sie haben einfach ein großes Freizeitangebot. Die stellen uns ihre Freizeit zur Verfügung. Wenn ihnen der Unterhaltungswert nicht hoch genug erscheint, musst du noch was drauflegen.
Wurm: Es gibt viele Jungfamilien, die cineastisch wirklich interessiert wären, sich einen Kinoabend aber selten leisten, weil sie Kinderbetreuung brauchen. Statt ins Kino gehen sie an einem Abend, an dem sie endlich Zeit für sich haben, lieber ins Restaurant essen.
Stejskal: Es gibt zum Glück ein unglaublich waches und politisch interessiertes Segment, das nicht nur auf der Couch sitzen, sondern ausgehen möchte. Man kann auch junge Leute gewinnen, sich Filme im Kino anzuschauen, weil sie daraus einen Mehrwert für sich ziehen.
Ist das Leben einer Kinobetreiberin, eines Kinobetreibers stressiger geworden?
Steininger: Auf jeden Fall! Früher habe ich 70 bis 80 neue Filme im Jahr gezeigt. Jetzt sind es 350 bis 400 – Einzelvorstellungen eingerechnet.
Stejskal: Es gibt kaum noch Momente des Innehaltens, der Reflexion, keine Abkühlphasen mehr. Die Auswertungszyklen sind sehr schnelllebig geworden, die damit verbundenen Entscheidungsprozesse ebenso. Und man muss weitaus härter um jede Zuschauerin, um jeden Zuschauer kämpfen als vor zehn oder zwanzig Jahren.
Wurm: Wir sind Veranstaltungsunternehmen geworden und werden das in Zukunft noch stärker. Durch Corona hat Streamen an Legitimation gewonnen. Dadurch werden die Sehgewohnheiten nachhaltig beeinflusst.
Bachträgl-Azodanloo: Trailershows und Vorab-Sichtungen von Filmen finden heute auf Online-Plattformen statt. Der Besuch von Filmfestivals ist ein privates Vergnügen geworden, aber für die Programmgestaltung nicht mehr relevant. Was mich aber wirklich stört, ist die Kurzlebigkeit der Filme im Kino, die durch die Streaming-Anbieter noch weiter verkürzt werden wird.
Wie geht es Ihnen mit der Finanzierung Ihrer Kinos?
Syllaba: Wir haben 365 Tage im Jahr offen und bieten österreichische und europäische Filme mit einer aufwändigen Infrastruktur. Trotzdem passt der Bund die Förderungen seit mindestens zwölf Jahren nicht einmal um die Inflation an.
Steininger: In Oberösterreich sind die Landesförderungen sogar weniger geworden. Seitens der Stadt sind die Subventionen gleich geblieben, aber dafür müssen wir jetzt „Lustbarkeitsabgabe“ zahlen, weshalb uns von der städtischen Subvention nur 17.000 Euro bleiben. Noch schlechter geht es den kleinen Landkinos, die großartige Arbeit leisten. Da muss endlich was geschehen! Wenn die verschwinden, verlieren viele österreichische Filme schätzungsweise ein Drittel ihres Publikums.
Syllaba: Erst werden rund 20 Millionen Euro pro Jahr vom ÖFI richtigerweise in die österreichische Kinofilm-Produktion investiert, dann gibt es eine kleine Startförderung für die Verleiher. Die Programmkinos sind in diesen Budgets aber nicht dabei. Das heißt, zuerst wird in die Entwicklung und Herstellung des „Produkts“ investiert. Wenn der Film dann bei der Kundschaft im Kino landet, versiegt diese Bundes-Investition, und der Film wird einem Markt überlassen, den es nicht gibt. Es muss verstärkt in die Programmkinos investiert werden, die wissen, was vor Ort und regional zu tun ist für einen österreichischen Filmstart, und mit ihrer Arbeit viel Publikum zum österreichischen Kinofilm bringen.
Wurm: Wir müssen um jeden Euro froh sein, den die Verleiher tragen, die Anreise der Regie und die Unterkunft. Die ganze Vernetzungsarbeit und die Personalkosten einer Premiere bleiben sowieso an uns hängen.
Wie stehen Sie die Corona-Krise durch?
Steininger: Wir brauchen Reserven auf. Statt in die zweite Welle der Digitalisierung, die ansteht, investieren wir die Reserven während der zweiten Corona-Welle.
Bachträgl-Azodanloo: Wir auch.
Stejskal: Jetzt geht es um den Erhalt des Kinobestandes – vom Landkino bis zum Multiplex. Das ist zwar ein grundsätzlich wirtschaftliches Thema, aber mit eminent kulturpolitischen Folgen. Wenn es zu einem Kahlschlag in der Kinolandschaft kommt, dann kann man sich künftig auch gleich die Herstellungsförderung für österreichische Kinofilme sparen.
1958 gab es 122 Millionen Kinobesucherinnen und –besucher in Österreich, 2018 hatten wir 14,5 Millionen. Was erwarten Sie sich in der Zukunft?
Syllaba: Vor einigen Jahren hatten Kanada und die USA die besten Zahlen seit Bestehen des Kinos, sowohl was die Tickets als auch den Umsatz anbelangt. Das Kino lebt also auch in Zeiten digitaler Auswertung – abhängig vom Filmangebot.
Bachträgl-Azodanloo: Streaming-Plattformen werden eine noch stärkere Konkurrenz. Diversen Kommentaren auf Facebook und anderen Foren zufolge sieht die Generation Z das Kino als überteuert an, als unbequem und bestenfalls nostalgisch. Für die nahe Zukunft des Arthouse-Kinos sehe ich bessere Zeiten, weil es ein erwachsenes Publikum bedient.
Stejskal: Ich mache mir um das Kino keine Sorgen. Aber die Besuchszahlen werden weiter sinken – ich schätze, auf zehn Millionen jährlich, jenseits von Corona.
