POOR_THINGS
Emma Stone in "Poor Things"

Venedig Blog 3

Grenzerfahrungen

| Pamela Jahn |
In Venedig wurden am Samstagabend die Preise vergeben. Trotz des Hollywood-Streiks von Schauspielern und Autoren war es ein gelungener 80. Jahrgang, denn im Zentrum stand, was wirklich zählt: die Filme.

Es gab zwei große Favoriten in diesem Jahr: Während sich unter den Kritikern Yorgos Lanthimos‘ herrlich groteskes, feministisches Drama Poor Things schon früh als klarer Gewinnerfilm herauskristallisierte, wurde es am Ende noch einmal eng. Denn viele hatten auch dem neuen Werk der polnischen Regisseurin Agnieszka Holland gute Chancen gegeben. Green Border ist ein dringender, ein wütender Film, der den Blick auf die anhaltende EU-Krise richtet und ein Zeichen gegen das Vergessen setzt.

Holland erzählt darin von einer Gruppe von Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und Afrika, die im dicht bewaldeten Niemandsland zwischen Weißrussland und Polen verzweifelt versuchen, sicher in die Europäische Union zu gelangen. Doch schon bald wird klar, dass sie lediglich politische Spielfiguren in einem vom weißrussischen Diktator Alexander Lukaschenko inszenierten Spiel sind: Immer wieder werden die Menschen wie Vieh brutal zwischen Stacheldraht und Grenzpfosten hin- und hergeschoben, weil keines der beiden Länder bereit ist, die Verantwortung für die Hilfesuchenden zu übernehmen.

Eingeteilt in mehrere Kapitel, in denen Holland die prekäre Lage der Flüchtlinge in der Sperrzone aus verschiedenen Perspektiven und Positionen heraus beschreibt, zeigen die düsteren Schwarz-Weiß-Tableaus ihres Kameramanns Tomasz Naumiuk kein klares Bild. Green Border ist ein komplexes, brillant inszeniertes und filmisch kraftvolles Werk, das sich niemals auch nur für einen Augenblick nur auf seine mahnende Botschaft beschränkt. Und auch wenn Poor Things am gestrigen Abend mit dem Golden Löwen ausgezeichnet wurde, ist der Sonderpreis der Jury für Holland ein großer Verdienst. „Wir widmen diesen Preis den Aktivisten“, sagte sie auf der Bühne in einer bewegenden Rede, als sie die Auszeichnung entgegennahm.

Insgesamt 23 Filme konkurrierten um den Goldenen Löwen, aus denen die Internationale Jury um den US-amerikanischen Regisseur Damien Chazelle einen Gewinner zu küren hatte. Aufgrund der aktuellen Lage standen ihm bei der Entscheidungsfindung mit Jane Campion, Laura Poitras, Martin McDonagh, Mia Hansen-Løve, Santiago Mitre und Gabriele Mainetti diesmal ungewöhnlich viele Kollegen und Kolleginnen zur Seite. Dazu gesellten sich lediglich der palästinensische Schauspieler Saleh Bakri und die chinesische Darstellerin Shu Qi.

Dass die Jury sich schließlich für Lanthimos entscheiden würde, überraschte nicht. Poor Things ist in jeder Hinsicht ein würdiger Löwen-Gewinner. Bereits 2018 war der griechische Regisseur für The Favourite in Venedig ausgezeichnet worden. Damals erhielt er den Großen Preis der Jury, während Olivia Coleman mit dem Darstellerpreis für die beste Schauspielerin geehrt wurde. Auch Emma Stone, die in Poor Things in der Hauptrolle als unfreiwillig kindliche, angstfreie junge Feministin brilliert, hätte zweifelsohne einen Preis verdient. Dass sie am Lido leer ausging, spricht lediglich für die hohe Qualität der Leistungen ihrer Kolleginnen, die in diesem Wettbewerb zu sehen waren. Und in der bevorstehenden Oscar-Saison ist Stone mit Sicherheit ein fester Platz auf der Shortlist garantiert.

Stattdessen ging der Preis für die beste Schauspielerin in diesem Jahr an die junge Cailee Spaeny für ihre ergreifende Rolle als Priscilla in Sofia Coppolas gleichnamigen Biopic über Elvis Presleys Ehefrau. Peter Sarsgaard wurde als bester Schauspieler für seine Darstellung eines an Demenz erkrankten Mannes in Michel Francos Memory ausgezeichnet, in dem er an der Seite von Jessica Chastain die Hauptrolle spielt. Aufgrund einer Ausnahmeregelung konnten beide Schauspieler trotz des Streiks am Festival teilnehmen. In seiner Dankesrede verwies Sarsgaard jedoch auch auf die derzeitige schwierige Lage in Hollywood und warnte vor den Gefahren von künstlicher Intelligenz für die Industrie.

Der Große Preis der Jury ging dabei etwas unter. Ausgezeichnet wurde Evil Does Not Exist von Ryûsuke Hamaguchi. Der Film handelt von einem Vater und seiner Tochter, die in einem kleinen Dorf in der Nähe von Tokio leben. Eines Tages wird die Idylle der Einheimischen von dem Bau eines Luxus-Campingplatzes bedroht, ein Projekt, das sich negativ auf die lokale Wasserversorgung auswirken und das ökologische Gleichgewicht gefährden würde. Die rätselhafte und anspielungsreiche Parabel, die Hamaguchi aus der Situation strickt, ist über weite Strecken ähnlich sanft und eindringlich inszeniert wie seine früheren Filme, aber es steckt auch eine innere Wut darin, die man von Hamaguchi bisher so nicht kannte.

Den Preis für die beste Regie durfte der italienischen Filmemacher Matteo Garrone für seinen Film Io Capitano entgegennehmen. Der Film folgt der Geschichte zweier junger Männer, die voller Hoffnung und mit großen Träumen ihre Heimat Dakar verlassen, um sich auf den langen, gefährlichen Weg nach Europa zu machen. Es ist eine zeitgenössische Odyssee durch die Wüste und über das Meer, die Garrone in fantastisch komponierten Bildern und stets mit einem wachen Auge für Gewalt und die Missstände in der Welt erzählt. Sein junger Star Seydou Sarr erhielt zu Recht den Marcello-Mastroianni-Award für den besten Newcomer. Etwas seltsam schien am Ende lediglich die Entscheidung, den Drehbuchpreis an Guillermo Calderon und Pablo Larrain für El Conde zu vergeben. Die Netflix-Produktion ist zwar ebenfalls visuell beeindruckend, verliert sich jedoch bald in seiner verschachtelten Handlung und ist bei weitem nicht Larrains stärkster Film.

Aber davon abgesehen bewies Venedig in diesem 80. Jubiläumsjahrgang, wie gut das Kino auch ohne Stars auskommt. Zwar waren nur wenige herausragende Werke dabei, vor allem Filme von weniger etablieren Regisseuren haben im Wettbewerb gefehlt. Und natürlich bleibt zu hoffen, dass im Streik der Hollywood-Schauspieler und Autoren bald eine Einigung erreicht wird. Den Filmen selbst schadet die derzeitige Aufmerksamkeit auf das Wesentlichen allerdings nicht. Schließlich ist und bleibt die Leinwand der Ort, um den sich alles dreht – und nicht der rote Teppich vor dem Kino, in dem es lediglich um einen Sekunden-Auftritt im Rampenlicht geht.

www.labiennale.org/en/cinema/2023