Dopesick

Miniserien | Disney+

Hohe Erzählkunst

| Andreas Ungerböck |
“Dopesick”, “Only Murders in the Building” und “Reservation Dogs”: drei herausragende, höchst unterschiedliche Miniserien, die noch auf Disney+ zu sehen sind.

Man stelle sich vor, es habe einen riesigen Pharma-Skandal gegeben, der mittelbar und unmittelbar 400.000 Menschen das Leben gekostet hat. Man stelle sich vor, es wäre aus dieser Geschichte ein Hollywood-Film üblichen Zuschnitts von 120 Minuten – oder heutzutage auch mehr – geworden. Im Grund ist nichts dagegen einzuwenden, denn Filme wie Tom McCarthys Spotlight (Missbrauch in der Katholischen Kirche) oder Todd Haynes’ Dark Waters (Umweltskandal) haben zuletzt bewiesen, dass es immer noch möglich ist, sogenannte “message pictures” (wie einst ein mächtiger Studioboss abschätzig urteilte) auf hohem Niveau zu machen. Man stelle sich nun aber vor, es habe sich der vielfach ausgezeichnete Drehbuchautor Danny Strong (Recount, Game Change, Empire) der Sache angenommen und aus dem wahren Fall eine rund achtstündige Miniserie gemacht, die an Emotion, Tiefgang und politischer Schärfe (nahezu) alles in den Schatten stellt, was es zuletzt auf dem Gebiet gegeben hat.

Drogenkrank
Herausgekommen ist dabei Dopesick, ein Schocker, der davon erzählt, was der Pharmariese Purdue bzw. dessen gewissenlose Eigentümerfamilie, darunter federführend der Präsident Richard Sackler, in den vergangenen rund 25 Jahren angerichtet haben: Die sogenannte “Opioidkrise” in den USA (längst auch als Epidemie bezeichnet) hat ihren Ursprung nicht zuletzt in der aggressiven Vermarktung des Medikaments OxyContin, das 1996 als starkes, aber höchst wirksames Schmerzmittel auf den Markt kam und schon bald – entgegen der lügenhaften Firmen-Propaganda – viele Menschen abhängig und in der Folge kriminell werden ließ. Die Zahl der Apothekeneinbrüche und Todesfälle stieg ins Unermessliche, und es dauerte sehr, sehr lange, bis es den Behörden, von der Justiz bis zur Drug Enforcement Agency DEA, gelang, die Firma zu Fall zu bringen.

Der Feind in diesem Drogenkrieg, wie es einer der Ermittler so treffend ausdrückt, saß in diesem Fall nicht in Kolumbien, sondern im eigenen Land. Und diesen Krieg schildert Strong höchst mitreißend und mit Hilfe von namhaften Filmschaffenden wie dem Hollywood-Veteran Barry Levinson, Michael Cuesta und Patricia Riggen, zwei Folgen inszenierte Strong selbst. Dazu kommt ein außergewöhnlicher Cast: Michael Keaton und Kaitlyn Dever (beide, ebenso wie die Serie selbst, aktuell für Golden Globes nominiert) brillieren als OxyContin-Opfer, Rosario Dawson, Peter Saarsgard und John Hoogenakker als unermüdliche behördliche Kämpfer gegen den Konzern, dem Michael Stuhlbarg als wahnwitzig-niederträchtiger Präsident vorsteht. Will Poulter spielt grandios einen der Purdue-Pharma-Vertreter, die von dem Konzern ebenso mitleidlos unter Druck gesetzt wurden wie Ärzte und Apotheker, die sich weigern wollten, das Medikament zu verschreiben bzw. ins Sortiment aufzunehmen. Aber fast noch schockierender als die Aktivitäten des Pharmariesen selbst ist die allgegenwärtige Korruption (etwa in der Arzneimittel-Aufsichtsbehörde, die es zuließ, dass das Medikament lange Zeit als nahezu harmlos deklariert wurde) und die lange Zeit vorherrschende Gleichgültigkeit oder, schlimmer noch, Unterwürfigkeit der Politik. Dopesick ist ohne Frage ein gewaltiges mediales Ereignis.

Old School
Gemessen an Dopesick nimmt sich – trotz ihres Titels – die Miniserie Only Murders in the Building geradezu harmlos aus, was aber nichts ausmacht, denn die beiden seit langem befreundeten Comedy-Giganten Martin Short und Steve Martin servieren als Hauptdarsteller gemeinsam mit Nicht-mehr-ganz-Jungstar Selena Gomez eine höchst vergnügliche und originelle Variante eines klassischen “Whodunit”, also eine Mördersuche. Martin hat die Serie, die, wenig verwunderlich, demnächst eine Fortsetzung erhält, gemeinsam mit John Hoffman auch geschrieben. Alles beginnt damit, dass im Arconia Building, einem typischen gehobenen New Yorker Apartment-Haus, ein gewisser Tim Kono ermordet wird.

Short und Martin sind herrliche Typen: ersterer als abgehalfterter Broadway-Produzent und –Regisseur Oliver Putnam, letzterer als Charles-Haden Savage, ein Schauspieler, der über eine einzige große Rolle als Cop in der längst verblichenen TV-Serie “Brazzos” nie hinausgekommen ist. Als solcher ist er aber durchaus noch (halb-)prominent und wird öfter darauf angesprochen. Beide sind, ebenso wie ihre Nachbarin Mabel Mora (Gomez), begeisterte Fans der True-Crime-Podcasterin Cinda Canning (großartig: Tina Fey), deren Sendung “All Is Not OK in Oklahoma” sie möglichst nie verpassen. Als nun Tim Kono ermordet wird, kommt Putnam auf die Idee, seinerseits einen Podcast zu machen, der die Hintergründe der Tat und – sehr zum Missfallen der Polizei – die laufenden Ermittlungen begleiten soll. Gesagt, getan, und das Abenteuer kann beginnen. Und an Tatverdächtigen herrscht wahrlich kein Mangel im Arconia, dessen reichlich schräge Bewohner und –innen alle ihre Abgründe haben, wie sich im Laufe der 10 x ca. 30 Minuten herausstellt.

Wer Steve Martins Filme und seine Solo-Auftritte, u.a. in “Saturday Night Live”, kennt und liebt, weiß, welch liebenswerten Absurditäten er sich einfallen lässt – hier ist es etwa eine leicht mysteriöse Fagott-Spielerin (Amy Ryan, fulminant), in die Charles-Haden Savage sich verliebt. Aber auch die teils verschrobenen, teils scharfzüngigen verbalen Duelle, die er sich mit Putnam liefert, machen das Anschauen der Serie fast zur Pflicht – ebenso wie die schillernden Nebenfiguren und natürlich, wenn man längst an der Angel hängt, die überraschende Auflösung des Mordfalls.

Spaß mit Tiefgang
Aus einer ganz anderen, aber nicht minder kreativen Ecke kommt der Überraschungserfolg Reservation Dogs. Sterlin Harjo und der stets großartige Taika Waititi (Jojo Rabbit) haben die 9 x ca. 30 Minuten lange Miniserie geschrieben, die schon allein wegen ihrer Figurenkonstellation und ihres Schauplatzes einzigartig ist. Es geht – siehe Titel – um vier junge Native Americans (zwei Jungs namens Bear und Cheese, zwei junge Frauen namens Elora und Willie Jack), die in einem Reservat in Oklahoma leben. “Indians” – oder, hipper, NDNs – dürfen nur sie einander nennen, und das tun sie auch reichlich, oder gerne auch “rez dogs”. Dass das Ganze so erfrischend und authentisch ist, liegt daran, dass Creator Sterlin Harjo aus eben diesem Umfeld stammt. Das erkannte auch der produzierende Sender FX, der postwendend eine zweite Staffel bestellt hat. Ob die vier Jugendlichen ihrem Ziel, nach Kalifornien zu gehen, um den bescheidenen Möglichkeiten im ländlichen Oklahoma zu entkommen, näher gekommen sind, werden wir dann noch genauer erfahren. Wie Only Murders lebt auch Reservation Dogs von einem enormen Reichtum an großartigen erzählerischen Einfällen und tollen (Neben-)Figuren – allen voran die mysteriöse “Deer Lady” (eine grandiose Episode ist ihr gewidmet), der Polizist Officer Big, William Knifeman, ein nicht ganz ernstzunehmender “Geist aus dem Reich der Ahnen”, der gelegentlich in der Gegenwart nach dem Rechten sieht, oder der bekiffte Uncle Brownie mit seinen reichlich seltsamen Angewohnheiten. Dieser wird gespielt von Gary Farmer, bekannt unter anderem als kurzzeitiger Weggefährte von Johnny Depp in Jim Jarmuschs Dead Man. Auch andere prominente Native-American-Schauspieler sind in – teilweise umwerfend komischen – Kurzauftritten zu sehen, etwa Wes Studi (Geronimo).

Der Spaß an der Miniserie und wohl auch ihr Erfolg liegt darin, dass sie nach Herzenslust politisch unkorrekt sein darf, dass Jahrhunderte lang einzementierte Klischees deftig durch den Kakao gezogen werden (unter anderem auch ein Weißer, der „die Indianerkultur liebt”) und weil sie zeigt, dass auch Native Americans Menschen wie du und ich sind, so banal das klingen mag. Nicht vergessen darf man darüber hinaus, dass auch heikle Fragen, wie die der Gesundheitsversorgung, der gewaltsamen Landnahme und des Lebens in den Reservaten im Allgemeinen, nicht totgeschwiegen, sondern aktiv angesprochen werden. Einfach großartig.