Ein Highlight von identities 2015: die Vanessa-Redgrave-Double Bill
Eingeschworene Vanessa-Redgrave-Fans, von denen es angeblich, besonders unter Frauen, Unmengen gibt, werden sich nicht wundern, ihr als feministische Pionierin in The Bostonians, einer zu Recht relativ unbekannten Merchant-Ivory-Produktion von 1984, wieder zu begegnen. Redgrave spielt hier eine ihrer Paraderollen: die unter ihrer steifen, strengen Fassade vor Leidenschaft brodelnde Frau in fortgeschrittenen Jahren, die – in diesem Fall – mit einem Südstaatenanwalt um eine etwas dümmliche, aber niedliche Hysterikerin konkurriert, und das alles im Boston des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Redgrave tut, was sie in dieser Rolle tun muss – lächeln und entsagen und agitieren und weinen – und schlägt sich tapfer in einem wirklich absolut misslungenen Film. Wer auf Merchant-Ivory-Produktionen steht, wird hier gründlich vor den Kopf gestoßen, denn in der lustlosen Inszenierung klappert alles, was klappern kann, und die beiden Sidekicks von Redgrave, Madeleine Potter als das Love interest, und Christopher Reeve als der Konkurrent, chargieren so sehr, dass man sich fragt, wie es zu dieser Besetzung und diesem Projekt überhaupt gekommen ist.
Ganz anders ein anderer Redgrave-Film, ebenfalls in den Achtzigern gedreht und ebenfalls mit einem Gender-Thema – falls nicht alle Redgrave-Filme ohnehin Genderthemen behandeln. Denn die androgyne Ausstrahlung der schlaksigen, über 1,80 m großen blonden Engländerin mit den feinen Zügen und dem zauberhaften, verträumten Lächeln ist unübersehbar. Anders als viele große Frauen hält sich die 1937 geborene Redgrave – immer noch – aufrecht, sie hat kaum nennenswerten Busen, und ihre langen Arme und Beine verleihen ihr eine mitunter männlich wirkende Schlaksigkeit. Die kann sie in dem Biopic Second Serve (1986) genüsslich ausspielen, denn Redgrave personifiziert darin einen Mann, der sich nach vielem Hin und Her dazu entscheidet, eine Geschlechtsumwandlung vornehmen zu lassen, und man muss sagen, dass Redgrave in diesem Film als Mann hinreißend ist, als Frau dagegen ein bisschen trutschig.
Wie auch immer, Second Serve, inszeniert vom TV-Routinier Anthony Page und auf der Biografie der Tennisspielerin Renee Richards basierend, ist so spannend, anrührend, plausibel und eindringlich, wie man sich einen Spielfilm über ein heikles Thema nur wünschen kann, und Vanessa Redgrave schafft es, mit vor Anstrengung krächzender tiefer Stimme dem transsexuellen Augenarzt Dr. Richard Radley Figur und Statur zu geben. „Dick“ muss eine Menge durchmachen, bis er wenigstens seinen Nächsten anvertraut, dass er heimlich in Frauenkleidern ausgeht; und dann geht die eigentliche Odyssee durch die durchaus sinistre Therapeutenszene erst los. Bis er die Profi-Tennisspielerin Renee Richards sein darf, muss „Dick“ nicht nur mit Vorurteilen seiner Familie und Freunde und deren guten und schlechten Ratschlägen leben, sondern wird immer wieder auch von eigenen Zweifeln und Ängsten geplagt. Was für eine buchstäblich einschneidende und in den ersten Auswirkungen grässliche Entscheidung er/sie getroffen hat, vollzieht man als Zuseherin beinahe atemlos nach. Dass dann alles noch einigermaßen gut ausgeht, ist dieses Mal nicht nur dem Wunschdenken der Filmemacher geschuldet, sondern einer Entscheidung des amerikanischen Supreme Courts von 1977.
Vanessa Redgrave hat im Swinging-London-Klassiker Blow Up (1966) eine geheimnisvolle Schöne gespielt und die unbeugsame Maria Stuart in Mary, Queen of Scots (1971), die Waffenhändlerin Max in Mission: Impossible (1996), die Titelrolle in Mrs. Dalloway (1997) und eine Lesbe aus den sechziger Jahren im TV-Film Women Love Women (2000). Berührungsängste mit dem Fernsehen oder dem Mainstream hatte und hat sie nicht – wohl aber mit der Queen: Als dezidierte Linke hat Redgrave es abgelehnt, zur Dame ernannt zu werden – auch wenn sie unzählige Komtessen, Prinzessinnen und sogar englische Königinnen dargestellt hat.
