Kinoeröffnung

In the Mood for Cinema

| Pamela Jahn |
Jetzt aber! Ein Wegweiser durch das Wiener Kinoprogramm-Angebot zur Wiedereröffnung.

Die Begeisterung ist groß, und sie ist berechtigt. Zu lange waren die österreichischen Kinos geschlossen, fast 200 Tage am Stück. Zu Wiedereröffnung ab dem 19. Mai entlädt sich jedoch nicht nur die Euphorie über das Erlebnis Kino an sich. Auch ein durch den Herbst-Lockdown entstandener Mega-Stau an Wiederaufnahmen und nachgeholten Neustarts macht sich in den ersten Tagen nach dem Dornröschenschlaf auf der Leinwand Luft. Los geht es vielerorts, u.a. im Wiener Filmcasino, mit der 4K-restaurierten Fassung von In the Mood for Love – und vielleicht kann es im Moment gar keinen schöneren Wiedereinstiegsfilm geben. Immerhin ist Wong Kar-wais sinnlich-zarte und zugleich bild- und farbgewaltige Großstadtromanze bis heute eine der schönsten Liebeserklärungen an das Kino selbst, in all seiner Kraft, Mystik und Herrlichkeit.

Auch im Wiener Stadtkino setzt man zum Auftakt auf einen Klassiker der filmgeschichtlich gewichtigen Art, denn hier wird Fellinis gezeigt, bevor es an den darauffolgenden Tagen mit Filmen weitergeht, die eigentlich schon längst hätten anlaufen sollen, aber nicht konnten – dazu gleich noch mehr. Zunächst sei insbesondere noch auf das herrlich wilde Eröffnungsprogramm im Schikander Kino verwiesen, das mit zehn sorgfältig ausgewählten Filmen an den Start geht, von denen tatsächlich jeder einzelne einen Kinobesuch lohnt. Als erster Film der fabelhaften „Aufrbuch:Kino“-Reihe läuft – natürlich passend – Sergio Martinos Post-Apocalypse-Szenario Fireflash – Der Tag nach dem Ende, deftige Genre-Kost in bester italienischer Endzeitfilm-Manier, gefolgt von dem famosen surrealistischen Midnight-Movie-Western El Topo des chilenischen Kultfilmers Alejandro Jodorowsky über einen Verbrecher in Schwarz, der zum Heiligen mutiert. Neben der exzellenten Auswahl feinster Meisterwerke von damals, zu denen auch Věra Chytilovás Tausendschönchen, Thomas Vinterbergs Dogma-Hit Das Fest und Matsumoto Toshios viel zu selten gezeigtes Meisterwerk der Japanischen New Wave Funeral Parade of Roses gehören, starten zudem Filme, die vielleicht heute schon die Klassiker von morgen sind. Filme wie Matthias & Maxime (2019), der letzte Wurf des hyperproduktiven Frankokanadiers Xavier Dolan oder Futur Drei von Faraz Shariat, mit dem der Newcomer auf Berlinale 2020 für Furore gesorgt hatte und dann ebenfalls ins alles verschlingende Corona-Loch fiel.

Und da landeten einige, die zwar unter anderem mittlerweile im Netz verfügbar sind, jetzt aber unbedingt noch einmal eine Auswertung und Präsenz auf der großen Leinwand verdienen. Zu den Highlights des vergangen ausgefallenen Kino-Herbstes zählen vor allem Eliza Hittmans 2020 Festival-Hit Niemals Selten Manchmal Immer, mit dem die US-Independent-Regisseurin auch bei der Viennale zu Gast war, sowie das australische Coming-of-Age-Drama Milla Meets Moses von Shannon Murphy, die mit ihrem Regiedebüt einen der schönsten und lebensbejahendsten Filme zum Thema Krebs überhaupt gedreht hat. Einen leider viel zu kurzen Gastauftritt im Kino kurz vor dem Herbst-Lockdown hatte nicht zuletzt auch Arash T. Riahis international ausgezeichneter Spielfilm Ein bisschen bleiben wir noch, der jetzt ebenfalls eine weitere Chance bekommt, mit seiner eindringlichen Geschichte um die beiden Flüchtlingskinder Oskar und Lilli (nach dem Roman von Monika Helfer) in seiner ganzen kleinen Größe vom Publikum wahrgenommen zu werden.

Und apropos: Auch Ema von Pablo Larraín, der die Geschichte einer jungen Adoptivmutter in einem ebenso betörenden wie verstörenden Rausch aus Schmerz, Musik, Tanz und befreiender Pyromanie inszeniert ist ein Film, der erst im Großbild seine wahre Intensität zum Ausdruck bringt und allein deshalb einen zweiten Blick wert ist, ebenso wie David Byrne’s American Utopia. Unter der Regie von Spike Lee ist aus der Aufzeichnung von Byrnes fulminanter gleichnamiger Broadway-Show einer der besten Konzertfilme seit Jonathan Demmes Stop Making Sense entstanden – ein kluges, schlicht in Szene gesetztes Musik- und Performance-Spektakel, das auf dem Laptop oder Fernsehbildschirm nur mit halber Wucht auf Augen und Ohren trifft.

Freunde des guten Dokumentarfilms dürfen sich im Stadtkino unter anderem auf Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien von Bettina Böhler freuen, die darin in einer fabelhaften Montagearbeit aus Interviews, Filmausschnitten und Unmengen an Archivmaterial insbesondere das schwierige Verhältnis des vor zehn Jahren verstorbenen Künstlers zu seiner Heimat verhandelt. Zudem kommen nun endlich auch so dringende Filme wie Carmen Losmanns Oeconomia über die Spielregeln des Kapitalismus oder I Am Greta über die bekannte Klimaaktivistin auf die Leinwand; dazu Davos, eine umsichtige Doku über den kontrastreichen Schweizer Kurort, sowie Daniela Königs unterhaltsames Klempnerinnen-Porträt Waterproof über drei Frauen in Jordanien (wohlgemerkt einem der trockensten Länder der Erde), die aus der Not heraus eine Marktlücke zu füllen versuchen.

Und wo bleiben die ganzen großen Neustarts? Eine berechtigte Frage, die sich angesichts des Rückstaus und der internationalen Pandemie-Lage wohl erst im Juni mit einiger Gewissheit beantworten lässt. Zur Wiedereröffnung gibt es jedoch auf jeden Fall auch Chloé Zhaos Nomadland zu sehen, und damit hat man dann zumindest schon einmal den fulminanten diesjährigen Oscar-Gewinner abgedeckt und sowieso einen der besten Filme des Jahres. Aber wem das nicht genügt, der kann im Anschluss entweder gleich noch die Frances McDormand-Retrospektive im Top-Kino besuchen, oder mit weiteren Oscar-Gewinnern wie Thomas Vinbergs Der Rausch und David Finchers Mank nachlegen, die ab heute ebenfalls endlich im Kino zu sehen ist – so wie vieles andere mehr.