Die Filme „CODA“ und Hive“ sind die großen Gewinner des 2021 Sundance Film Festival.
Es kommt bei Festivals nicht häufig vor, dass der erste Film auch der beste ist. In diesem Jahr hat Siân Heders CODA, der am vergangenen Donnerstag den Auftakt beim Sundance Film Festival gab, quasi alle wichtigen Preisen bekommen, die es zu holen gab. Das kleine, feine, mit viel Herz und Humor inszenierte Feel-Good-Movie erhielt insgesamt vier Auszeichnungen in der US-Drama-Sektion, darunter den Großen Preis der Jury, den Publikumspreis, den Spezialpreis der Jury für das beste Ensemble sowie den Preis für die beste Regie. Es ist ein großer Triumph für Heder, die gerade einmal ihren zweiten Langfilm vorlegt und dabei so viel handwerkliches Feingefühl beweist wie eine erfahrene Regisseurin, wenn es darum geht, gutes, unterhaltsames und bewegendes Kino zu inszenieren. Das hat auch Apple sofort gesehen und die weltweiten Rechte für die stattliche Summe von 25 Millionen Dollar erworben.
Aber es gab noch eine zweite große Gewinnerin bei der virtuellen Preisverleihung: In der World Cinema-Sektion wurde die aus dem Kosovo stammende Blerta Basholli für ihr Spielfilmdebüt Hive ebenfalls mit mehreren Auszeichnungen geehrt, bei ihr waren es insgesamt drei inklusive dem Grand-Jury-Preis, dem Zuschauerpreis und dem Regie-Preis. Geschult am dokumentarischen Blick, erzählt die 37-jährige Regisseurin in ihrem schmalen, eindringlichen Drama die wahre Geschichte einer Landsfrau, die sich und ihre Familie mit einer kreativen Geschäftsidee über Wasser zu halten versucht, nachdem ihr Mann nicht aus dem Krieg zurückkehrt ist und sie, wie die meisten Frauen im Ort, vielleicht nie erfahren wird, ob, wann und wie er getötet worden ist.
Zu den weiteren Preisträgern gehörten die Konzert-Doku Summer Of Soul (Or, When the Revolution Could Not Be Televised) des Musikers Ahmir Khalib Thompson aka Questlove, der von der Jury als beste US-Dokumentation ausgezeichnet wurde und auch die Zuschauer begeisterte, während Writing With Fire von Rintu Thomas und Sushmit Ghosh unter den internationalen Dokumentationen den Publikumspreis abräumte und zudem den Spezialpreis der Jury „Impact for Change“ erhielt. Verdient hat das indische Regie-Duo die doppelte Auszeichnung allemal, denn wie sie in ihrem Dokumentarfilm über eine von Dalit-Frauen betriebene Zeitung der Chefreporterin Meera und ihren Journalisten bei der täglichen Arbeit zwischen Interviews und Recherche über die Schulter schauen, ist nicht nur inspirierend, sondern zudem vor einer Dringlichkeit geprägt, die noch lange nachwirkt. Darüber hinaus beeindruckte unter den internationalen Dokumentationen vor allem Jonas Poher Rasmussens Flee, der in seiner animierten Form auf den ersten Blick an Ari Folmans Waltz with Bashir erinnert, aber über die Flüchtlingsgeschichte, die er erzählt, eine ganz eigene Identität und Intensität entwickelt, für die die Jury den Hauptpreis an den Film vergab.
Leer ausgegangen ist dagegen Rebecca Hall, der man für ihr so elegantes wie feinsinniges Spielfilmdebüt Passing durchaus einen Preis gewünscht hätte. Für Robin Wright stellte sich die Preisfrage immerhin gar nicht, zumal ihr erster Versuch vor und hinter der Kamera nicht im Wettbewerb lief, sondern einen der begehrten Premieren-Slots ergattern konnte. In ihrem Drama Land erzählt sie die Geschichte einer Frau, die sich, überwältigt von der Trauer über den Verlust von Mann und Kind, in eine abgelegene Hütte in den Bergen zurückzieht, um dort zunächst das Scheitern und schließlich das Überleben zu lernen. Es ist ein Film, der viel Potenzial und ein gelungenes Ende hat, in dem Wright jedoch in erster Linie wie gewohnt als Schauspielerin überzeugt. Regie und Drehbuch weisen dagegen einige Mängel auf, besonders, wenn es um die Figurenzeichnung geht. Auch Ben Wheatleys Pandemie-Horrortrip In the Earth, der ebenfalls außer Konkurrenz lief, lässt einiges zu wünschen übrig, während der japanische Kult-Regisseur Sion Sono und sein Star Nicolas Cage es in ihrem post-apokalyptischen Action-Thriller Prisoners of the Ghostland ordentlich krachen lassen und den Spaß, den sie dabei sichtlich hatten, im Nachhinein auch auf das Publikum zu übertragen wissen. Und noch eine Premiere hatte es in sich: Mit Judas and the Black Messiah legt Shaka King ein energisches, energiegeladenes Drama vor, das die Geschichte des Black-Panther-Anführers Fred Hampton erzählt, die im Film unmittelbar mit der Geschichte des Mannes verwoben wird, der ihn für das FBI betrügen soll. Daniel Kaluuya spielt Hampton mit einer Wucht und Inbrunst, dass es eine Freude ist, ihm dabei zuzusehen – zu Recht erhielt Kaluuya dafür ja auch eine Golden-Globe-Nominierung.
Nach fast sieben Tagen pausenlosen Dauer-Streamings bleibt am Ende noch auf zwei Filme zu verweisen: Wild Indian von Lyle Mitchell Corbine Jr., der für seinen intensiven Thriller eine exzellente Besetzung gewinnen konnte, zu der auch Kate Bosworth und Jesse Eisenberg gehören, sowie der YouTube-Dokumentarfilm Life in a Day 2020 von Kevin Macdonald. Ersterer besticht vor allem durch ein starkes, scharfes und feinsinniges Kameraauge und das beachtliche Spiel von Hauptdarsteller Michael Grayeyes, der in Wild Indian von seiner düsteren Vergangenheit und einer damit verbundenen tiefen Schuld verfolgt wird. Macdonalds Film dagegen wird von den zahllosen Menschen belebt und beflügelt, die am 25. Juli des Jahres 2020 ihr Leben gefilmt und das Material anschließend eingeschickt haben, in der Hoffnung, Teil der Fortsetzung des bereits 2010 erstmals durchgeführten Crowdsourcing-Projekts zu werden. Beide Werke könnten unterschiedlicher nicht sein und schaffen es doch jeweils auf ihre Weise, einen Sog zu erzeugen, der lange nicht nachlässt. Und das Schönste ist: Von der unendlichen Vitalität, Kreativität und Kühnheit der Beteiligten, die Life in a Day 2020 zu einem faszinierenden Filmexperiment machen, kann man sich ab 6. Februar fast überall auf der Welt selbst überzeugen, wenn der Film auf YouTube veröffentlicht wird.
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