John Chester Unsere große kleine Farm / The Biggest Little Farm

Unsere große kleine Farm | Interview

Das Zauberwort ist Erneuerung

| Roman Scheiber |
John Chester, Regisseur des beispielhaften Dokumentarfilms „Unsere große kleine Farm/The Biggest Little Farm“ und biodynamischer Landwirt, erzählt die Geschichte eines Ökosystems und seines persönlichen Films darüber.

Seine Frau war optimistisch, er eher skeptisch. Aber beide hielten die Idee, ein dahindämmerndes Ökosystem wiederaufzuwecken, für erstrebenswert. Als Molly und John Chester vor mehr als sieben Jahren beschlossen, ihren Lebenstraum zu verwirklichen, war beiden bewusst, dass es ein großes persönliches Risiko bedeuten würde. Noch nicht war ihnen bewusst, dass dabei auch ein Film herauskommen würde (siehe unsere Rezension hier) – sie wussten ja noch nicht einmal, wie es laufen würde.

Um ihr Konzept einer biodynamischen Farm umsetzen zu können, brauchten die Chesters Fläche und Geld. Die Fläche fanden sie auf einem Jahrzehnte lang monokulturell genutzten Areal nahe Los Angeles; das Geld kam von einem Investor, der „die Defizite, die aus Monokulturen entstandene Lebensmittel verursachen, am eigenen Körper verspürt hat“, so John Chester im Gespräch mit „ray“. Molly, die Food-Bloggerin, und John, der bereits mehrere Preise als TV-Dokumentarfilmer bekommen hatte, fühlten sich bestärkt und legten los. Unterstützt wurden sie dabei von ihrem Bekannten Alan York, der sich als Berater in Fragen dynamischen Weinanbaus einen Namen gemacht hatte. Den großen Erfolg, den die größte kleine Farm der Chesters schließlich nach einigen schweren Rückschlägen verbuchen konnte, durfte York nicht mehr miterleben. Er verstarb nicht lange nach der Farmgründung an Krebs.

Statt des in den USA sprichwörtlichen „pursuit of happiness“ hätte er „pursuit of meaning“ im Sinn gehabt, sagt Chester. Nicht hinter dem Glück sei das Paar her gewesen, sondern auf der Suche nach Bedeutung. Sie wollten ihrem Leben einen Sinn geben, nämlich zu zeigen, dass regenerative Landwirtschaft (nicht nur „nachhaltige“, das könne alles heißen, und auch nicht nur „organische“), dass also regenerative Anbaumethoden die einzig zukunftsträchtigen für unseren Planeten sind. Also machten sie sich daran, ihren Acker umzugraben und eine Vielfalt an Produkten wachsen zu lassen, um den ausgelaugten Boden wiederzubeleben. Dabei setzten sie auf das Motto „watch and wait“ bzw. war ihnen „wildlife within the farm“ willkomen und sie bedienten sich holistischer, also ganzheitlicher Betrachtungsformen. Die Chesters kamen dahinter, dass jede landwirtschaftliche Plage auch eine nützliche Seite haben kann – wenn man sie erkennt und in das biodynamische Prinzip integrieren kann. „Es geht darum zu decodieren, wie man scheinbar feindliche Elemente in das Gesamtsystem integrieren kann“, sagt Chester (der Film liefert dafür ein paar frappante Beispiele, die hier nicht verraten werden sollen).

John Chester, ein sympathischer Mann mit Pockennarben, trägt ein ausgewaschenes Baseball-Kapperl. Er berichtet von der Doppelbelastung als Farmer und Filmer: „Begleitende Aufnahmen habe ich als erfahrener Naturfilmer natürlich von Anfang an gemacht. Aber erst nach fünf Jahren kamen sozusagen alle biodynamischen Player zurück auf unsere Farm und ich bemerkte die transformative Kraft dieser Charaktere. Da wusste ich, dass unser Projekt auch einen Film tragen würde.“ Auch zu Selbstkritik ist dieser Pionier des persönlichen Biodynamikfilms fähig: „Anfangs war es schwierig, eigene Farming-Fehler von Praktikanten mitfilmen zu lassen. Doch irgendwann wusste ich, dass es nötig war für den Film. Als richtigen Farmer habe ich mich erst gesehen, als ich die Einsicht hatte, nicht alles zu wissen, aber die Geduld, alles herauszufinden.“

Zwischendrin wird The Biggest Little Farm regelrecht zum Thriller. Wenn Nachtsichtkameras das Treiben rund um die Farm beobachten, kommt man sich plötzlich ein wenig vor wie im B-Horrormovie. Chester erklärt: „Ich wusste bald, das könnte ein interessanter formaler Wendepunkt im Film sein, aber ursprünglich wollte ich nur sehen, was da in der Nacht alles so passiert auf unserer Farm.“ Veterinärmedizinisches Basiswissen war für den Film und die Farm der Chesters ebenso essenziell wie der erprobte Umgang mit moderner Kameratechnik. Gedreht wurde in zwölf verschiedenen Formaten, von der GoPro bis zu einer 40.000 Dollar teuren Makrolinse für Insekten-Close-Ups.

Biodiversität ist für John Chester nicht bloß ein Schlagwort, er hat die Existenz seiner Familie darauf gebaut. Inzwischen ist er nämlich auch Vater geworden. Es sei ein „komfortables Level von Disharmonie, die das Leben eines regenerativen Landwirt ausmacht“, sagt Chester. Für das Leben seiner Enkeln auf unserem Planeten hat er noch Hoffnung. Dazu sei allerdings eine rasche Begriffsklärung nötig. Nicht von „Klimawandel“ solle man mehr reden, das sei Verharmlosung, sondern von „Klimakrise“. Und „Erderhitzung“ treffe es mittlerweile auch besser als „Erderwärmung“. Das nächste sei die Erkenntnis, dass sein Beispiel eines funktionierenden Mikrokosmos auf die ganze Erde übertragen werden kann. Biodiversität funktioniere wie ein Immunsystem für den Planeten. „Man muss die Balance wiederfinden, seinen Fußabdruck verkleinern, verschiedene neue Wege gehen und dabei Mut zum Scheitern haben.“ Denn, so John Chester: „Ein guter Farmer ist nicht perfekt“.