Jud Süss – Film ohne Gewissen

Jud Süß – Film ohne Gewissen

Ein Kessel Saures

| Pamela Jahn |

Da kann auch der Hauptdarsteller nichts retten: Oskar Roehlers „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ scheitert an seinem gewichtigen Stoff ebenso wie am Versuch einer gekonnten Satire.

Sagen wir es mal so: Es liegt nicht an Tobias Moretti. Und der spielt immerhin die Hauptrolle in Oskar Roehlers Jud Süß – Film ohne Gewissen. Moretti spielt Ferdinand Marian – jenen Mann, der sich 1940 von Joseph Goebbels für die Rolle des Juden Joseph Süß Oppenheimer, genannt Jud Süß, im gleichnamigen antisemitischen NS-Propagandafilm von Veit Harlan einspannen ließ, und dessen mehr oder weniger wahre Lebensgeschichte Roehler und sein Drehbuchautor Klaus Richter nun aus einer bislang sorgfältig verriegelten Schublade der deutschen Filmgeschichte geholt haben. Denn der Originalfilm ist bis heute indiziert und darf nur unter besonderen Bedingungen öffentlich aufgeführt werden. „Wir wollten die Geschichte des Filmes erzählen und eine exemplarische Schauspielergeschichte“, so Roehler, und es wird recht schnell klar, wo für ihn dabei die Prioritäten gelegen haben. „Marian ist in die Rolle hineingetrieben worden und kam da auch nicht mehr raus. Der Mann war ja eigentlich von Anfang an tot. Und ich mag einfach Tragödien solchen Ausmaßes, die dann auch gesellschaftpolitische Relevanz haben.“

Marian, so zeigt es der Film, war überzeugt, er könne Goebbels‘ Plan unterlaufen und vor allem sein Gewissen beruhigen, indem er den Juden so menschlich und sympathisch wie möglich spielte, musste später jedoch hautnah miterleben, wie gut der fertige Film zur Aufhetzung der Meute taugte. Und Moretti gelingt diese Gratwanderung zwischen eitlem Frauenverführer und gebrochener Künstlernatur, Charmeur und Verlierer des bösen Spiels verblüffend stilsicher, womit er nicht zuletzt beweist, dass auch er zu jener A-Liga des deutschsprachigen Films zu rechnen ist, aus der diese Produktion sich bedient hat. Auf dem Papier könnte man fast meinen, er hätte das Zeug zu einer dieser ganz großartigen Roehler-Figuren – ein Hauch von damals, vor gut zehn Jahren, als Hannelore Elsner in Die Unberührbare als Schriftstellerin Gisela Elsner durch Deutschland nach dem Fall der Mauer driftete. Auf der Leinwand wird der entscheidende Unterschied zwischen den tragischen Helden jedoch schmerzlich sichtbar: Morettis Marian ist hier nicht das ikonische Zentrum des Films, sondern sein einziger Rettungsanker.

Biografische Freiheiten

Morettis Performance ist mithin das Beste, was man über Roehlers Jud Süß sagen kann – einen Film, der nicht nur ohne Gewissen daherkommt, sondern, und das ist das eigentliche Übel, auch ohne Herz und Haltung. Über das Peinlichste wurde im Umfeld der diesjährigen Berlinale, wo der Film seine Weltpremiere hatte, ebenfalls schon viel geredet: Es ist die Szene, in der Gudrun Landgrebe in einem kurzen Gastauftritt als Frau des Ghetto-Kommandanten Marian auffordert, es ihr im Hotelzimmer bei Luftabwehrfeuer am offenen Fenster vor dem brennenden Berlin von hinten zu besorgen, während er den Text der Vergewaltigungsszene aus Harlans Jud Süß nachspricht. Bei aller Kritik, die Roehler allein für diese Mini-Szene erntete, könnte man jedoch auch dagegenhalten, dass die Stärken dieses Regisseurs ohne seine Schwächen vielleicht einfach nicht zu haben sind, ja dass sie einander bedingen. Dass Roehler in dem Moment endlich wieder bei der Sache ist, dass er immerhin Mut beweist, der ganzen Tragödie nochmal eins draufzusetzen und einen Schritt weiter zu gehen, als es dem Zuschauer lieb ist, während sonst nur das Räderwerk einer spärlichen Handlung voranschreitet, das Marians Schicksal allzu offensichtlich vor sich her schiebt.

Nun ist eine fehlende Haltung gerade im Kino auch eine Haltung. Das beweist der Film aufs Fatalste im verschwiemelten Umgang mit der Vita Marians, insbesondere seinen angeblichen Motiven, die Rolle des Juden Joseph Süß Oppenheimer in Harlans Film trotz aller (anfänglichen) Bedenken und Gewissensbisse dann doch zu spielen: Zwar zeigt auch der Film, dass Marian zu dem Zeitpunkt, als er die Rolle von Goebbels angeboten bekommt, lediglich ein mittelmäßig bekannter Schauspieler ist und es ihm schon allein deshalb schwerer fällt, nein zu sagen (was etwa Gustaf Gründgens, Paul Dahlke oder Willi Forst gelang). Doch im Grunde wird Marian bei Roehler von Goebbels gezwungen, die Rolle anzunehmen, um seine halbjüdische Ehefrau vor dem Schlimmsten zu bewahren, das ihr dann letztlich doch widerfahren soll, wofür sich der Film dann allerdings nicht mehr im Geringsten interessiert. In der biografischen Realität gab es diesen Beweggrund nicht, denn Marians Frau, die im wahren Leben Maria Byk hieß, war Katholikin und lediglich in erster Ehe mit einem Juden verheiratet.

Was ist hier der Skandal?

Ein Skandal ist Roehlers Jud Süß deshalb noch nicht, will es auch nicht sein, wie es Roehler selbst in Interviews immer wieder beteuert. Und wer den Film gesehen hat, muss ihm recht geben. Gemeinsam mit seinen Darstellern setzt Roehler eher auf ein universelles Karnevalsgefühl. Mit von der Partie sind ein typisch blondes Hausmädchen, das nicht nur Marians Betthupferl, sondern auch eine durchtriebene Nazi-Göre ist, Martina Gedeck als Marians kluge, verwirrte Künstlergattin, Justus von Dohnányi als Harlan, Armin Rhode als Heinrich George und Heribert Sasse in der Rolle des jüdischen Schauspielerkollegen Deutscher, den die Marians im Gartenhaus verstecken, bis er vom Dienstmädel denunziert wird. Bleibt Moritz Bleibtreu als Joseph Goebbels, der es mit der Satire allzu gut meint und vor allem laut schreien, hinken und mit den Armen herumfuchteln darf – doch sein Vorsatz, sich die Figur gänzlich aus der Sprache und aus der Körperlichkeit heraus zu holen, geht nicht auf: Bleibtreus Goebbels-Rhetorik fehlt einfach die Wucht, und die über-aufgesetzte Jovialität, die er stattdessen penetrant an den Tag legt, wirkt ziemlich bald nur noch wie ein nerviger Dauerkalauer. Gel in die Haare zu schmieren und einen rheinischen Akzent raushängen zu lassen, macht sozusagen das Kraut auch nicht fett.

Dass es trotz regem Schauspielereinsatz, besten Absichten und einem „tollen Dramenstoff“ nichts geworden ist mit diesem Versuch einer kessen Künstlertragödie, liegt vielleicht überhaupt in einem konsequent gespaltenen Verhältnis von Zuviel und Zuwenig. Bei allem Eifer, mit dem Roehler sich der subjektiven Neuinterpretation der Geschichte widmet, vermisst man vor allem sein spezifisches Gespür für die emotionalen Untiefen und Exzesse seiner Figuren, nimmt die filmische Form kaum an der Charakterisierung teil. Da will einer erklärtermaßen von Werdegängen und Wandlungen erzählen, überlässt den jeweiligen Bewusstseinsstand seiner Figuren aber einfach den Masken und Kostümen und einer unentschlossenen Kamera, die das Geschehen hilflos in einem historisch anmutenden Farbschleier zu ersticken droht.

Einige Kritiker haben Stephen Daldrys The Reader (Der Vorleser, nach dem Roman von Bernhard Schlink) vorgeworfen, er wecke Verständnis für eine Nazi-Täterin. Das macht auch Oskar Roehlers Film – nicht zuletzt, indem er auslässt, dass Ferdinand Marian nach Jud Süß unter den Nazis fleißig weiter Karriere gemacht hat, statt sich, wie im Film, vernichtend dem Alkohol hinzugeben. Aber während Kate Winslet in der Rolle der ehemaligen KZ-Aufseherin Hanna Schmitz das bemerkenswerte Kunststück schafft, dass sie uns immer unheimlicher wird, hofft man für Moretti und seinen Marian irgendwann nur noch auf ein schnelles Ende – ganz gleich, ob das nun der Wahrheit entspricht oder nicht.