Aki Kaurismäki spricht, gewohnt lakonisch, über Rauchen im Film, über seinen Pessimismus, seine Liebe zum Rock’n’Roll und über die Option, einmal einen Film in deutscher Sprache zu drehen.
Ihr Held hilft spontan einem Flüchtling – wie würden Sie sich in so einem Fall verhalten?
Aki Kaurismäki: Ich kann nur wünschen und hoffen, dass ich ebenfalls helfen würde. Aber ich bin leider nicht sicher, wie ich mich tatsächlich in so einer Situation verhalten würde. Ich gebe jedem ein paar Münzen, der mich anbettelt, aber wenn es mehr Engagement bräuchte, dann weiß ich nicht, wie ich reagieren würde. Und das ist wohl die Frage, um die es hier geht.
Ihre Helden paffen mindestens soviel wie Sie – werden die Raucher-Szenen in Zeiten strenger Rauchverbote inzwischen schwieriger?
Aki Kaurismäki: Es wird immer schwieriger. Bei diesem Film musste ich die Handlung eigens in das Jahr 2007 verlegen, damit die Leute im Film in den Bars rauchen können. Ich weiß natürlich, dass Rauchen nicht gesund ist – aber es ist mein Menschenrecht.
Sie haben mit Der Mann ohne Vergangenheit einst die „Palme d’Dog“ gewonnen, den Spaßpreis für den besten Hundeauftritt. Einmal mehr spielt nun ein Hund wieder eine wichtige Rolle – trauen Sie Tieren mehr als Menschen?
Aki Kaurismäki: Um genau zu sein: Mein Hund Tähti hat damals den Preis gewonnen! Und nun spielt seine Enkeltochter in Le Havre mit. Meine Frau ist ein totaler Tierfreak. Eines Tages kam sie und verlangte, dass ich auch für den Hund eine Rolle schreibe.
Sie sagten einmal, je pessimistischer Sie werden, desto optimistischer fallen ihre Filme aus. Ist Le Havre deshalb Ihr bislang optimistischster Film geworden?
Aki Kaurismäki: Wenn man die Grenzen des Pessimismus überschritten hat, ist alles egal. Ich will ja überhaupt kein Pessimist sein. Aber es gibt keine Hoffnung mehr, ich habe kein Vertrauen in die Menschheit. Ich bin der letzte Romantiker, der noch übrig ist. Ein hoffnungslos romantischer Pessimist. Deshalb ist Le Havre ja auch ein Märchen – mit einem doppelten Happy End.
Wenn es keine Hoffnung gibt, was treibt Sie an?
Aki Kaurismäki: Ich bin Teil der Menschheit. Und wir gehen Hand in Hand durch die Hölle.
Macht Sie das Filmemachen nicht fröhlich?
Aki Kaurismäki: Nein, Filmemachen ist langweilig. Um es mit Homer Simpson zu sagen: „Laaaaangweilig!“ Ich bin als Regisseur ein lausiger Amateur. Gut bin ich nur darin, die Musik für einen fertigen Film auszusuchen. Natürlich tue ich so, als wäre ich ein Profi – aber das bin ich nicht. Ich bin ein lausiger Filmemacher …
Wer zwingt Sie denn zu diesem Job?
Aki Kaurismäki: Ich bin zu faul, um irgendeine ehrliche Arbeit zu machen.
Wie leicht ist es, Ihre Filme finanziert zu bekommen?
Aki Kaurismäki: Das war noch nie ein Problem. Ich war 20 Jahre alt, als ich anfing. Ich wollte einen Film machen, also machte ich einen. Wie Fassbinder sagte: „Wenn du keinen Film hast und keine Kamera, leih dir die Kamera aus und klau’ das Filmmaterial.“ Geld war nie ein Problem, ich habe mein Budget immer sehr klein gehalten. Wen die fehlenden Finanzen vom Filmemachen abhalten, der sollte es lieber ganz lassen.
Was macht Sie glücklich im Leben?
Aki Kaurismäki: Ich sage Ihnen, was mich glücklich macht: wenn ich morgens nicht aufstehen muss.
Gab es eine Zeit in Ihrem Leben, wo Sie fröhlicher waren? Als Teenager vielleicht?
Aki Kaurismäki: Nein. Früher war ich viel pessimistischer. Jetzt bin ich erwachsen genug, um Optimist zu sein.
Sagten Sie vorher nicht das Gegenteil?
Aki Kaurismäki: Naja, ich tue halt so, als wäre ich pessimistisch. In Wahrheit liebe ich das Leben. Ich liebe den Rock’n’Roll. Und Gene Vincent, der ist der Größte.
Welches Kino mögen Sie?
Aki Kaurismäki: Ich mochte schon immer die ernsten Filme von Frank Capra und Vittorio De Sica. Mich interessiert in Wahrheit nur das Kino vor 1962. Danach kam das Fernsehen, und die alten Meister starben aus. 1961 gab es noch Godard und seine Art, Filme zu montieren – das ist für mich die letzte Innovation des Kinos gewesen.
Sie leben in Portugal. Ihr Kollege Manoel de Oliveira dreht dort im Alter von 103 noch Filme. Ist das ein Vorbild für Sie?
Aki Kaurismäki: Nein, der Typ ist ein absolutes Wunder. Er ist körperlich und geistig in bester Verfassung – wer ist das in diesem Alter schon noch? Ich jedenfalls werde nur noch drei Filme drehen, und dann ist definitiv Schluss.
Worum wird es darin gehen?
Aki Kaurismäki: Es wird eine Trilogie mit Hafenstädten. Vielleicht sollte ich einmal auf Deutsch drehen. Früher dachte ich immer, das könne ich nicht. Inzwischen habe ich erkannt, dass diese Sprache eine nordische Logik hat.
