le havre

Le Havre

Manchmal geschehen Wunder!

| Walter Gasperi |

Nach fünfjähriger Pause meldet sich Aki Kaurismäki (Interview Aki Kaurismäki) mit dem Sozialmärchen „Le Havre“ zurück. So realistisch und aktuell die erzählte Flüchtlingsgeschichte ist, so warmherzig und optimistisch ist der Erzählton.

Babygeschrei verrät die afrikanischen Flüchtlinge in einem Container, der durch ein Versehen nicht in England, sondern im Hafen von Le Havre gelandet ist. Schwer bewaffnet rückt die Polizei an, um die „Lebenden Toten“ zu verhaften. Schlimmes erwartet man beim Öffnen des Containers zu erblicken, doch die Migranten sitzen fast wie im Wohnzimmer tadellos gekleidet auf ihren Bänken. Auf den Wink eines älteren Afrikaners ergreift der junge Idrissa (Blondin Miguel) die Flucht, rennt leichtfüßig den Polizisten davon, die der Kommissar (Jean-Pierre Darroussin) am Schießen hindert.

So real das Flüchtlingselend ist, so märchenhaft ist nicht nur diese Szene, sondern der ganze neue Filme von Aki Kaurismäki. Mit ungewohntem Optimismus und Warmherzigkeit will der erklärte Pessimist der europäischen Flüchtlingspolitik trotzen, setzt Menschlichkeit und Solidarität der Underdogs der kalten Bürokratie entgegen.

Nach La vie de Bohème (1992) hat Kaurismäki aber nicht nur erstmals seit beinahe 20 Jahren wieder in Frankreich gedreht, sondern knüpft auch an diese Tragikomödie über drei brotlose Pariser Künstler an. Marcel Marx (André Wilms), der in La vie de Bohème ein nur künstlerisch erfolgreicher Schriftsteller war, ist inzwischen von Paris in die Küstenstadt Le Havre übersiedelt. Dort schlägt er sich als Schuhputzer durch. Wenig einträglich ist dieser Job allerdings im Zeitalter des Turnschuhs. In Scharen strömen die Menschen zwar aus dem Bahnhof, doch kaum einer benötigt Marcels Dienste. Lässt sich dann doch einer die Schuhe putzen, wecken dunkle Sonnenbrille, Handschellen, zwanghafter Griff zu einem Koffer und an zwei Ecken stehende finstere Gesellen im Trenchcoat und mit ins Gesicht gezogenen Hüten – Jean-Pierre Melville lässt grüßen – schon böse Ahnungen. Kein Wunder also, dass, kaum dass dieser Herr den Schuhputzer und seinen vietnamesischen Gehilfen verlassen hat, auch schon im Off Schüsse knallen – bedauerlich für den Kunden, doch „Heureusement il a payé“ heißt es für Marcel Marx.

Karg ist dennoch das Einkommen, lang die Liste der Schulden bei der Bäckerin im Arbeiterviertel, in dem er mit seiner Frau Arletty (Kati Outinen) wohnt. Auf solche Kundschaft verzichtet der Gemüsehändler gerne und schließt vorsichtshalber den Laden, als Marcel sich nähert. Und doch wird das ganze Viertel zusammenhalten, wenn der Schuhputzer den kleinen Idrissa am Hafen aufliest und in seiner Wohnung versteckt. In Acht nehmen muss sich dieser Underdog aber vor einem gemeinen Denunzianten (Jean-Pierre Leaud), der bezeichnenderweise als einzige Figur im Film über ein Handy verfügt. Gefahr scheint auch vom schnauzbärtigen Kommissar (Jean-Pierre Darroussin) zu drohen, der immer wieder im Viertel und in Marcels Wohnung auftaucht. Glücklich scheint dieser aber nicht mit seinem Job zu sein, beklagt sich darüber, dass die Polizei in Notfällen von der Bevölkerung zwar immer wieder gerufen werde, dann aber doch wieder der Buhmann sei.

Doch nicht nur um Idrissa muss sich Marcel kümmern, auch um Arletty macht er sich Sorgen. Mit Bauchschmerzen wird sie ins Krankenhaus eingeliefert. Kein gutes Zeichen ist es, wenn man auf Station 13 in Zimmer 13 liegt. Wie schlimm es um sie steht, verheimlicht sie aber ihrem Mann, auch der Arzt soll darüber Stillschweigen bewahren. Nur auf ein Wunder kann man hoffen. So eines soll aber bislang erst einmal in Shanghai geschehen sein.

Klassische Referenzen

Nein – so wie in Aki Kaurismäkis Tragikomödie verläuft das Leben wirklich nicht, doch davon träumen darf man noch. Den Hintergrund nimmt der Finne zwar aus der Realität, betont diese ausdrücklich durch einen im Fernseher laufenden Bericht über die Räumung des Flüchtlingslager „Jungle“ bei Calais im September 2009, doch in jeder Szene märchenhaft ist die erzählte Geschichte. Diese Stimmung ergibt sich schon daraus, dass Le Havre wie aus der Zeit gefallen wirkt. Denn einerseits spielt die Handlung in der Gegenwart, andererseits erzeugen die gleichermaßen sauber hergerichtete wie verkommene Arbeitersiedlung, alte Autos und Telefone mit Wählscheiben eine fünfziger Jahre Atmosphäre. Weil jede Einstellung hier aber penibel ausgestattet und kadriert ist, jeder Farbtupfer überlegt gesetzt ist, entsteht kein Bruch, sondern ein harmonisches Ganzes. Während Lichter der Vorstadt – Kaurismäkis letzter Film – schon mechanisch und maniriert wirkte, atmet dieses Sozialmärchen wieder Leben, lässt mitfühlen, mitfiebern, sich freuen und leiden.

Wie sich hier das Licht ändert, wenn der Musiker Little Bob, der sich in Le Havre selbst spielt, wieder zu seiner Frau findet, ist nicht nur ein Gag, sondern korrespondiert eben mit dem Inhalt, wie Arlettys gelbes Kleid oder eine rote oder gelbe Nelke auf dem Tisch der kleinen Wohnung. Denn diese kräftigen Farbpunkte setzen nicht nur Akzente in den vorwiegend in tristem Blau und Grau gehaltenen Bildern, sondern künden eben auch von dem Funken Menschlichkeit, der Wärme in ein kaltes soziales Umfeld bringt.

Wie diese überlegte Farbdramaturgie bis hin zum roten Blouson Little Bobs, dessen Benefizkonzert für den jungen Flüchtling fast zu einem eigenen kleinen Film im Film wird, an James Dean in Rebel Without a Cause erinnert, so ist Le Havre insgesamt durchzogen von Referenzen an die Filmgeschichte, ohne dass dies je in selbstgefälliges postmodernes Zitatenkino abgleiten würde. Während das Märchenhafte an die ebenfalls in der sozialen Realität verankerten Komödien eines Frank Capra denken lässt, verweisen Schauplatz sowie die Namen einiger Figuren unübersehbar auf Marcel Carné. Denn in Le Havre spielte schon Carnés Melodram Quai des brumes und der Schauspielerin Arletty gab der Franzose in Les enfants du paradis als Garance ihre größte Rolle. Wie sich Marcel um Idrissa kümmert, scheint wiederum inspiriert von Chaplins The Kid und Michael Curtiz´ Kultfilm Casablanca ist nicht fern, wenn der Kommissar plötzlich für den Flüchtling Partei ergreift und man sich sogar den Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen dem Hüter des Gesetzes und Marcel vorstellen kann.

Auf den Punkt besetzt ist hier jede Rolle, hinreißend sind als Newcomer im Kaurismäki-Universum Jean-Pierre Darroussin als zwischen Pflichtbewusstsein und Mitgefühl zerrissener Kommissar und der wunderbar stoische Pierre Étaix als Arlettys Doktor. Und herrlich fies darf schließlich Nouvelle-Vague-Legende Jean-Pierre Leaud in diesem von guten Menschen überfüllten Traum von Menschlichkeit, Solidarität und Herzenswärme den Denunzianten mimen.

Man spürt in jeder der sorgfältig komponierten Einstellungen, mit wie viel Liebe Aki Kaurismäki diesen Film gemacht hat, ansteckend aber ist vor allem sein warmherziger Blick auf die Menschen. Etwas gesprächiger sind sie als in seinen bisherigen Filmen, doch immer noch sind die Dialoge von seltener Prägnanz und Lakonie. Dass dabei der Finne mehrfach die Bergpredigt zitiert, konnte man sich bisher wohl kaum vorstellen. Aber Wunder geschehen eben nicht nur in Filmen, sondern manchmal sind Filme selbst auch so ein Wunder.