Nach ihrem internationalen Erfolg mit der Netflix-Miniserie „Unorthodox“ kehrt Regisseurin Maria Schrader mit der Tragikomödie „Ich bin dein Mensch“ auf die Leinwand zurück. Ein ausführliches Gespräch.
Maria Schrader lacht. Herzlich. Und sie hat allen Grund dazu. Als wir uns via Zoom „treffen“, liegt die Berlinale und damit die Premiere ihres neues Films Ich bin dein Mensch erst wenige Wochen zurück. Der Silberne Bär für ihre Hauptdarstellerin Maren Eggert bietet auch am Morgen unseres Gesprächs noch allen Anlass zur Freude. Zudem war Schrader selbst erst im September letzten Jahres mit einem Emmy für die Netflix-Serie Unorthodox ausgezeichnet worden – als erste deutsche Regisseurin überhaupt. Alles in allem, auch das strahlt ihr erfrischendes Lachen aus, könnte es für die heute 55-jährige gebürtige Hannoveranerin derzeit kaum besser laufen, Pandemie hin oder her.
Ganz besonders gönnt man Schrader den aktuellen Triumphzug, zumal sie vor fünf Jahren mit Vor der Morgenröte von der Berlinale rigoros abgelehnt worden war. Die Entscheidung bleibt bis heute unverständlich. Ihr phantastisches Episodendrama um die letzten Lebensjahre des jüdisch-österreichischen Autors Stefan Zweig im Exil mit einem grandiosen Josef Hader in der Hauptrolle ist raffiniert erzähltes Kino von einer Qualität, wie man sie im deutschen Film viel zu selten sieht. Schon ihr Soloregiedebüt, Liebesleben (2007), ließ bereits deutlich erkennen, wie sehr die Schauspielerin, die mit Aimée und Jaguar (1999) ihren großen Durchbruch auf der Leinwand geschafft und anschließend mit Margarethe von Trotta, Doris Dörrie, Peter Greenaway und Agnieszka Holland gedreht hatte, auch hinter der Kamera von vornherein darauf bedacht war, in einem äußerst anspruchsvollen Balanceakt zwischen Kraft und Feingefühl stets ein Höchstmaß an Authentizität zu erreichen, das ihre Werke bis heute ausmacht. Ich bin dein Mensch zeigt die Regisseurin Schrader nun ganz bewusst endlich auch mal wieder von ihrer heiteren Seite, obwohl in der sympathisch-schrägen Romanze zwischen einer Wissenschaftlerin und einem auf ihre Bedürfnisse abgestimmten Roboter-Mann ebenso viel Schmerz, Wahrheit und philosophische Weitsicht stecken.
Frau Schrader, könnten Sie vorstellen, sich in einen Roboter zu verlieben?
Maria Schrader: Ich würde ihn zumindest mal treffen wollen. Die Vorstellung, dass jemand aufgrund von Algorithmen und Multiple Choice Tests, die ich, so wie Alma im Film, vorab mitgemacht habe, individuell für mich zusammengebaut wird, finde ich schon verlockend.
Was denken Sie, wie würde Ihr Traummann aussehen?
Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Auch hier würde es mir vermutlich wie meiner Hauptfigur gehen bei der ersten Begegnung, die dem Ergebnis erstmal skeptisch gegenübersteht und sich denkt: ,Really? Das ist der Mann, den ich mir wünsche?‘
Nicht nur das: Alma berichtigt Tom bei jeder Gelegenheit, um sich zu vergewissern, dass er eben nicht der Mann ist, den sie sich vorgestellt hat. Vor allem am Anfang wehrt Sie sich sehr.
Alma wehrt sich gegen das ganze Konzept. Sie wehrt sich gegen die Idee, dass alles, was vorher Schicksal, Zufall, Fügung war, plötzlich vorprogrammiert sein soll. Das Glück in der Liebe, nach dem wir uns bis heute sehnen, betrachten wir ja als ein Geschenk, größer als wir selbst, und unkontrollierbar. Das wird sich natürlich ändern, wenn wir Individuen kaufen können, die nur dafür hergestellt werden, unsere Wünsche zu befriedigen. Tom ist, wenn man es ganz krass formuliert, eine fleischgewordene App. Und trotz ihrer Gegenwehr verliebt sich Alma in ihn. Und so betrachtet, ist die Frage, die sie sich am Ende stellt, durchaus berechtigt, nämlich: Wie denn dieses Glück aussehen soll, dass sie mit Tom erleben kann. Kann sie vergessen, dass sie einer Maschine gegenübersteht? Oder muss sie das vielleicht gar nicht vergessen? Der Film ist ein gedankliches Experiment, und auf viele Fragen haben wir noch keine Antworten.
Sehen Sie die Möglichkeiten, die uns aus heutiger Sicht in Sachen Künstlicher Intelligenz zur Verfügung stehen, eher als Gefahr oder als Geschenk für die Menschen?
Ich glaube, es ist immer beides. Wir befinden uns bereits seit einer gewissen Zeit in dem oft formulierten Zustand, dass es nicht zuletzt an uns liegt, wie wir mit Künstlicher Intelligenz umgehen. Gleichzeitig geht auch eine Gefahr davon aus. Zum Beispiel bin ich mir in meinem Alltag gar nicht mehr sicher, wo mich überall Künstliche Intelligenz umgibt. Und das kann durchaus Angst machen. Andererseits kann AI aber natürlich auch nützlich sein, vor allem im organisatorischen Bereich. In dieser Hinsicht bin ich auch wie Alma. Wenn es nach mir ginge, sollte mit Künstlicher Intelligenz die Ampelschaltung in Berlin geregelt werden, die Routen von Fliegern überwacht oder überhaupt die Verkehrsführung und -erfassung allgemein gesteuert werden. Darüber hinaus bin ich froh, dass es Tom und seine Gesellschaft heute noch nicht gibt.
Bleiben wir gleich noch ein bisschen bei Tom. Wie schreibt man eigentlich Dialoge für einen Roboter?
Jan Schomburg und ich sind der Geschichte, die wir erzählen wollen, über lange Gespräche nähergekommen. Am Anfang standen da ganz grundsätzliche Fragen: Wer ist Alma, was macht sie, was hat sie erlebt? Wie verhält sich Tom dazu? Was ist der Ton des Films? Erzählt man eine Dystopie? Erzählt man eine Utopie? Oder eigentlich ein Märchen? Dann kommen visuelle Ideen dazu, zum Beispiel der Retro-Ballroom zu Beginn des Films. Wir haben lange überlegt, ob das wirklich der Ort ist, an dem Alma und Tom sich zum ersten Mal kennenlernen, oder nicht vielleicht doch eine High-Tech-Sky-Lobby. Am Ende sind wir beim Ballroom geblieben, der ja fast wie aus der Zeit gefallen scheint. In dieser Umgebung ist es dann etwas anderes, wenn Tom plötzlich sagt: „Deine Augen sind wie zwei Bergseen, in denen ich versinken möchte.“ Der Raum, den wir gewählt haben, lässt die Komödie eher zu. Es hat uns gefallen, dass Tom, der extrem gut aussieht, sich zum Einstieg eigentlich eher wie ein Kind verhält, mit großer Unschuld und ohne Hintergedanken alles richtig machen will. Deshalb klingt das, was er sagt, auch erst mal wie aus einem schlechten Liebes-Roman. Oder komische Stilausrutscher wie «alles klärchen». Das hat uns großen Spaß gemacht.
Dan Stevens verkörpert diesen Tom mit einer geradezu perfekten Mimik und Gestik. Inwieweit haben Sie Ihren Roboter in seinem Spiel gesteuert?
Wir haben uns am Anfang gefragt, ob und inwieweit die Maschine überhaupt sichtbar sein soll, oder ob er tatsächlich so perfekt ist, dass er sich von einem Menschen nicht unterscheidet. Auch ob es angesichts der Tatsache, dass man gleich zu Beginn erfährt, dass er ein Roboter ist, nur noch die allerkleinsten Andeutungen braucht, weil man bereits mit dem Wissen der Zuschauer spielen kann. Wie sehr orientieren wir uns an einem Screwball-Konzept oder doch eher am klassischen Drama? Wir haben uns für Screwball entschieden und ein paar Künstlichkeiten eingebaut. Kleine mechanische Bewegungen, ein bisschen zu deutlich, ein bisschen zu Klischee, wenn er sich zum Beispiel durch die nassen Haare streift oder plötzlich vom Standbein zum Spielbein wechselt, so dass man als Zuschauer denkt: Aha, der Algorithmus hat gesagt, steck doch mal die Hand in die Hosentasche. Am Set haben Dan Stevens und ich viel rumprobiert, um diese Spielelemente zu entwickeln. Mal hat er was vorgeschlagen, mal ich, bis wir eine Materialsammlung hatten, die wir im Grad ihrer Künstlichkeit oder Natürlichkeit hoch und runter drehen konnten. Der stufenlos verstellbare Schauspieler oder eben Roboter. Am Ende haben wir uns blind verstanden und ich konnte sagen: „More machine, please!“ oder „Less machine!“ Im Schnitt mit Hansjörg Weißbrich haben wir dann entschieden, wie alles am besten zusammenpasst.
Ihre Regiearbeiten bisher befassten sich oftmals mit Geschichte oder Vergangenheit und dem Umgang damit. Wollten Sie diesmal bewusst in die Zukunft hinaus?
So habe ich das noch gar nicht gesehen. Aber Sie haben recht, selbst bei Liebesleben steckt der Kern in der Familiengeschichte. Ich weiß nicht, ob das die Frage beantwortet, aber ich kann mich gut erinnern, dass ich, als ich von der Prämisse der Kurzgeschichte gehört habe – also „Girl Meets Robot-Boy“ – instinktiv das Gefühl hatte, dass in der Einfachheit dieses Set-ups doch komplexe und große Themen liegen. Es geht ums Menschsein, um Sehnsucht und die Frage, ob sich unser Verständnis von Glück in der Zukunft tatsächlich komplett verändern kann, wenn wir uns nicht mehr dem Risiko des Verlusts, des Scheiterns und des Unglücklichseins aussetzen müssen.
Wir haben es bereits angesprochen, Ihr Film hat einen wunderbaren Humor. Hat Ihnen das Leichte, das früher Ihre Zusammenarbeit mit Dani Levy oder auch mit Doris Dörrie charakterisierte, über die Jahre gefehlt?
Ich hatte nach Vor der Morgenröte große Lust, etwas anderes zu machen, weniger aufwändig, etwas Leichteres. Ich würde aber dazu sagen, dass es auch in der Morgenröte komödiantische Momente gibt, und ich habe eigentlich auch in meinen anderen Filmen immer versucht, bestimmte Dinge in das Drama einzuflechten, die zumindest eine gewisse Situationskomik oder Leichtigkeit haben. Aber es stimmt, ich mochte den Ton von Keiner liebt mich auch sehr. Vielleicht ist Ich bin dein Mensch ein bisschen mit ihm verwandt. Zumal es bei Doris Dörrie ebenfalls um Themen wie Tod und Unglück und Sterben geht und sie es dennoch schafft, eine Atmosphäre zu erzeugen, die bisweilen ins Groteske geht und etwas Spielerisches bewahrt. Ich finde es auch gut, dass wir bei Ich bin dein Mensch eine Art Genre-Mix oder Genre-Veränderung gewagt zu haben. Das alles hat mich extrem gereizt.
Der Triumph, den Sie mit „Unorthodox“ erlebt haben, ist kaum abgeklungen. Daraufhin sind Ihnen sicher zahlreiche Angebote aus Amerika gemacht worden. Und nun legen Sie mit einem relativ kleinen deutschen Film nach. Haben sie sich das gut überlegt?
Ich habe keinen Moment gezögert. Das Drehbuch zu Ich bin dein Mensch hatten wir schon vor Unorthodox geschrieben. Und im Grunde war die Tatsache, dass ich im vergangenen Mai bereits in den Vorbereitungen zu dem Film steckte, mein größtes Glück. Unorthodox war Ende März rausgekommen. Es war eine der ersten Serien in der Pandemie. Dass wir dann ein paar Monate später während Corona drehen konnten, war gerade in Amerika komplett unvorstellbar. Die waren alle neidisch, weil bei ihnen zu dem Zeitpunkt noch alles stillstand, auch in England. Ich war in einer unglaublich privilegierten Position, als ich sagen konnte: ,Ich habe gerade abgedreht.‘
Dominik Graf hat Ihnen gegenüber einmal gesagt: ,Die Regie ist der einsamste Beruf der Welt.‘ Würden Sie diesen Satz heute so unterschreiben, oder wie sehen Sie das?
Manchmal denke ich, es ist wahr. Er hat mir mit diesem Satz damals, ehrlich gesagt, ein bisschen Angst eingejagt. (Lacht.) Ich habe ihn noch nie selber beim Regieführen erlebt, und wir kennen uns auch kaum. Wahrscheinlich arbeite ich ganz anders als er. Vor allem aber weiß ich heute, dass ich auch etwas gegen die Einsamkeit tun kann, wenn sie mir nicht gefällt. Ich halte gerne Rücksprache und habe im Team meine persönliche Geschmackspolizei. Manchmal gefällt es mir aber auch gut, ganz alleine Entscheidungen zu treffen. Ich denke, das Wichtigste ist, dass man sich darüber klar ist, dass es kein Dauerzustand sein muss.
Sie wurden für „Unorthodox“ als erste deutsche Regisseurin mit einem Emmy ausgezeichnet. Dazu kamen zwei Golden-Globe-Nominierungen und zahlreiche andere Preise. Hat sich Ihre Einstellung zu dem, was Erfolg für Sie bedeutet, im Zuge dessen verändert?
Der Emmy war eine große Überraschung, und der Erfolg war insgesamt überwältigend. Der wirklich bedeutsame Faktor bestand darin, einmal zu erleben, dass eine fiktionale Erzählung um die ganz Welt reist und vielleicht tatsächlich Brücken bauen und etwas bewirken kann. Als Unorthodox auch in der arabischen Welt in den Top 10 landete und wir Selfies und Nachrichten von dort bekamen wie „This is us, this is our life“ dachte ich, das fühlt sich wirklich wie ein Wunder an. Das ist der Unterschied zu der Arthouse-Welt, aus der ich komme. Die Streamer können mit ihren Programmen Menschen überraschen, die sich vermutlich nicht von selbst aufgemacht hätten, um eine Kinokarte zu kaufen für eine Geschichte über ultraorthodoxe Juden in Williamsburg. Menschen, die vielleicht entgegen ihrer eigenen Erwartung dranbleiben und Empathie für die Figuren und ihre Geschichte entwickeln. Wenn so eine Art von Verbindung hergestellt werden kann, ist das doch das Schönste. Die andere Seite der Medaille bei einem solchen Erfolg ist vor allem der Druck, der entsteht, die daraus folgende Frage, was als nächstes kommt. Berlinale, Wettbewerb, Wahnsinn. Oder auch nicht. Bei Vor der Morgenröte wollte ich unbedingt in den Wettbewerb. Wir hatten so fest damit gerechnet und wurden letztendlich in allen Sektionen der Berlinale abgelehnt. Ich glaube, man kann das nur als etwas begreifen, was irgendwie ein Spiel ist. Auch ob man einen Preis bekommt oder keinen Preis bekommt. Das Allerbeste, was man tun kann, ist einfach weitermachen. Ich bin dein Mensch ist für mich ein großes Glück.
