Little Women

Little Women

Greta und ihre Schwestern

| Pamela Jahn |
150 Jahre alt und kein bisschen angestaubt: Greta Gerwig haucht dem Roman „Little Women“ über vier Schwestern im Amerika des späten 19. Jahrhunderts frisches Leben ein.

No one will forget Jo March”, behauptet die junge Autorin aufgebracht über sich selbst, als ihr von einem Verehrer nach der Lektüre einiger ihrer Geschichten unverhofft konstruktive Kritik entgegen stößt. Wie recht Louisa May Alcotts junges Alter Ego in Greta Gerwigs neuem Film damit hat, weiß natürlich, wer Alcotts 1886 erstmals veröffentlichten Roman „Little Women“ gelesen oder auch eine der über zwanzig Film-, Bühnen- und TV-Versionen des Bestsellers gesehen hat. Die Geschichte um die vier March-Schwestern, die zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs zu jungen Frauen heranwachsen, ist einer der großen Klassiker der US-amerikanischen Literatur. Man kann also Jo March gar nicht vergessen, ob man es will oder nicht, und Gerwig legt so viel Herz und Talent in ihre so respekt- wie liebevoll modernisierte Verfilmung, dass das vermutlich noch eine ganze Weile so bleiben wird.

Verkörpert wird die zweitälteste Tochter im Hause March nach Katharine Hepburn in George Cukors Version von 1933, June Allyson (1949) und Winona Ryder (1994) diesmal von Saoirse Ronan – und fast möchte man meinen: von wem sonst? Denn Ronan brillierte nicht erst in Lady Bird, Gerwigs Solo-Regiedebüt um die Selbstfindung einer jungen Frau, sondern bewies bereits in John Crowleys Brooklyn, dass sie mühelos eine große Literaturadaption auf ihren schmalen Schultern zu tragen versteht. In Little Women stehen ihr zwar solidarisch ihre drei Schwestern – Emma Watson als Meg, Florence Pugh als Amy und Eliza Scanlen als Beth – zur Seite, dennoch hat man das Gefühl, dieser Film gehört ganz ihr. Ronan umarmt die Figur der so forschen wie melancholischen Jo mit all ihrer schauspielerischen Kraft, sie lebt sie, sie verleibt sie sich ein. Mit jedem Atemzug verleiht sie ihr das Feuer einer jungen, ambitionierten Frau, die mehr will als Mann und Kinder, für ihre Protagonistinnen wie für sich selbst. Das wird bereits deutlich, als sie zu Beginn des Films eine ihrer Kurzgeschichten an einen New Yorker Verlag verkauft. 20 Dollar erhält sie dafür – für ein Happy End mit Heirat am Schluss hätte es mehr Honorar gegeben. Aber Jo lässt sich auch so auf den Deal ein, denn sie braucht das Geld zum Überleben in der Großstadt und um zu Hause in Massachusetts ihre Familie zu unterstützen.

Gerwig lässt Little Women immer wieder zwischen diesen beiden Handlungsorten pendeln, zeitversetzt und auf elegante Art unberechenbar. Allein ihre innige Liebe zum Original ermöglicht es der Regisseurin, die ständigen Wechsel zwischen Jos Leben als junge, ambitionierte Schriftstellerin 1886 in New York und ihrer Kindheit im Schoß der Familie sieben Jahre zuvor glaubhaft zu inszenieren. Ihr Kameramann Yorick Le Saux tut derweil gut daran, für den emotionalen Übergang von einer (mehr oder weniger) unbeschwerten Jugend auf dem Land zur desillusionierten Realität des Erwachsenendaseins in der Metropole die entsprechende Farbgebung zu finden. In erfrischender Gerwig’scher Manier entsteht aus jenem Aufeinanderprallen von unterschiedlichen Charakteren, Zeiten und Räumlichkeiten ein heiteres Chaos, in dem Mädchen zu Frauen werden und ein 150 Jahre alter Lesestoff auf charmant-stürmische Weise zu neuem Leben erwacht.

Neben der Zuneigung der Regisseurin und Drehbuchautorin zum Originalstoff im Allgemeinen wurde sie besonders durch die Figur der Jo March dazu verleitet, sich nach ihrem erfolgreichen Indie-Erstling Lady Bird kopfüber in einen Kostümfilm mit Starbesetzung zu stürzen. Und ein kurzer Blick auf Gerwigs bisherige Filme als Schauspielerin und Ko-Autorin macht deutlich, dass sich dahinter ein Konzept verbirgt. In den meisten Fällen handeln ihre Arbeiten von Lebenskrisen und Beziehungen, allerdings fast ausschließlich unromantischen. Die heute 36-jährige Kalifornierin, die seit 2011 fest mit Noah Baumbach liiert ist, interessiert sich weniger für die sexuelle Anziehung zwischen Mann und Frau, sondern vielmehr für alltägliche Gefühle, zwischenmenschliche Dynamiken und Seelenverwandtschaften. Spielt sie in Mistress America eine von zwei Stiefschwestern, die skeptisch die Karriere der jeweils anderen betrachten, porträtiert sie in Frances Ha eine von zwei Freundinnen, die sich voneinander entfremden und damit weniger klarkommen als mit dem Ende einer Liebe.

Tatsächlich müssen auch die March-Schwestern irgendwann erfahren, was es heißt, dem Leben ins Auge zu schauen: Träumten sie unter dem wohlbehüteten Dach der Eltern (eine hervorragende Laura Dern als Mutter, Bob Odenkirk als Vater) einst unbeschwert und frei vom Künstlerdasein, sei es als Schriftstellerin (Jo), Schauspielerin (Meg), Pianistin (Beth) oder Malerin (Amy), macht ihnen die von starren, ökonomisch geprägten Geschlechterrollen dominierte Gesellschaft der US-Ostküste einen Strich durch die Rechnung. In der Wirklichkeit angekommen, reist Amy mit ihrer reichen Tante (Meryl Streep) durch Europa, um sich einen lukrativen Ehemann zu suchen. Meg ist bereits verheiratet und hat zwei Kinder, aber nicht genug Geld, um sich ein ihren Vorstellungen entsprechendes Leben zu leisten. Jo, die sich in New York als Privatlehrerin das Schreiben finanziert, will als Einzige noch immer nichts von Männern wissen, und so soll es auch bleiben. Denn als Beth, die Jüngste, schwer krank wird, kehrt sie unverzüglich nach Hause zurück, um ihr beizustehen. Und es ist im Kreis ihre Liebsten, in dem sie als Schriftstellerin letztlich ihre wahre Größe findet.

Little Women ist ein unromantisch romantisches Drama, das auf seltsam leichtfüßige, an Stellen beschwingte Art und Weise eine melancholische Lebensfreude ausstrahlt. Gerwigs ungenierte Kreativität gewinnt der Vorlage dabei nicht nur neue Dimensionen ab, sondern eröffnet angesichts der klugen Besetzung zudem immer wieder völlig neue Perspektiven auf einzelne Charaktere und Ereignisse. Vor allem Florence Pugh gelingt es, ihrem Part als aufmüpfiges Mädchen und später als gezügelte Rebellin ordentlich Schwerkraft zu verleihen, und auch Timothée Chalamet beweist als exzentrischer Nachbarsjunge Laurie, dass er es wert ist, in den engen Bund der March-Schwestern aufgenommen zu werden.

Wem bei so viel Wohlfühlkino nicht zumindest ein wenig warm ums Herz wird, muss einen Stein in der Brust haben. Gerwigs kleine Frauen halten über die Dauer von 135 Filmminuten die Leinwand in pulsierender Vitalität und sorgen einmal mehr dafür, dass Jo March nicht in Vergessenheit gerät.