Filmfestival

Location, location

| Günter Pscheider |
Mit der feierlichen Preisverleihung durch Jurypräsident Stefan Ruzowitzky in der imposanten Arena endete das umfangreiche Programm des 69. Filmfestivals von Pula. Der Fokus liegt auf Produktionen aus dem Raum des ehemaligen Jugoslawien, aber auch das internationale Programm braucht keine Vergleiche mit anderen europäischen Festivals zu scheuen.

Istrien ist mit seinen Felsbuchten mit glasklarem Wasser, den schattigen Pinienwäldern und der kroatisch-italienischen Kulinarik für viele Touristen eine Lieblingsdestination, dementsprechend gut gebucht sind die Quartiere im Sommer. Trotzdem finden sich unweit von Pula, mit dem Bus gut erreichbar, genügend idyllische felsige, kiesige oder sogar sandige Strandabschnitte, an denen man die Seele baumeln lassen kann. Wenn man den Vormittags-Kinder/Jugendfilm streicht, bleibt auch genug Zeit für einen Sprung ins Meer, die ersten Vorstellungen fangen meist erst um 15 Uhr an. Ab dann bieten gleich mehrere Locations Filmgenuss bis in den späten Abend, und diese Kinoorte der Extraklasse sind es auch, die das Filmfestival Pula zu einem sommerlichen Pflichttermin im Festivalkalender machen.

Das bestens erhaltene römischen Amphitheater Arena mit Blick aufs Meer ist wohl eine der spektakulärsten Open-Air-Locations weltweit. Man hat nicht nur von den Stühlen unten in der Manege, sondern auch von den original erhaltenen Steintribünen einen hervorragenden Blick auf die riesige Leinwand. Bei Eintrittspreisen von ca. drei Euro für ein Double-Feature ab 21.30 Uhr gibt es jetzt statt Brot und Spiele halt Popcorn und Kino. Tote kann man zum Glück nur mehr auf der Leinwand bestaunen. Beim Eröffnungsfilm The Sixth Bus um die Aufarbeitung der blutigen Kämpfe um Vukovar zu Beginn des Balkankrieges ist die Gewalt allerdings nur selten wirklich zu sehen. Der Film versucht an Hand des Schicksals einer ethnisch gemischten Fussballerclique und der Recherche einer in den USA lebenden Nachfahrin eines kroatischen Kämpfers die Gräueltaten einiger Serben, aber auch die Menschlichkeit von anderen neben Beschreibungen diverser kroatischer Heldentaten die historischen Geschehnisse bildgewaltig aufzuarbeiten. Für jemanden, der sich mit den Fakten von 1991 nicht so gut auskennt, ist die Handlung manchmal etwas verwirrend, Regisseur Eduard Galic schneidet zu viele Themen an und erzählt zu wenige aus, aber einzelne Sequenzen, in denen von auseinandergerissenen Freundschaften erzählt wird, bleiben doch im Gedächtnis.

Eher im Hintergrund bleibt der Krieg in der kroatisch-nordmazedonischen Farce Even Pigs Go to Heaven. Die amüsante Mischung aus Schweinchen Babe und Miloš Formans Der Feuerwehrball in seiner liebevollen Beschreibung eines ländlichen Milieus samt absurden Ritualen und charismatischen Heldinnen des Alltags überzeugt bei einigen Längen doch durch den melancholisch-komischen Charme und die wunderbare Landschaft von Zagorje, die sehr stark an die Weingegend in der Südsteiermark erinnert. Um die Versöhnung zwischen in Kriegszeiten auseinandergerissenen Familien geht es im serbisch-kroatisch-bulgarisch-slowakischen Publikumshit How I Learned to Fly, in dem ein zwölfjähriges Mädchen aus Belgrad auf der kroatischen Insel Hvar hinter ein Familiengeheimnis kommen muss. Der Ton ist leicht in diesem Film über die Schwierigkeiten des Heranwachsens heutzutage und über die Auswirkungen eines Krieges, der vor 30 Jahren Brüder und Schwestern oft auf Lebenszeit entzweit hat, aber die Botschaft, dass Familie wichtiger sein sollte als Ideologie oder Patriotismus ist zeitlos in dieser sympathischen und schwungvollen Teenie-Komödie. In relativ kleinen Märkten wie Serbien, Kroatien, Bosnien oder Slowenien sind Koproduktionen wie diese sinnvoll und wohl auch notwendig, ein spezieller Co-Production-Day beim Festival und diverse Meetings betonen die Wichtigkeit der Zusammenarbeit am Balkan. Industry Events und Pitching Forums helfen bei der Entstehung von neuen regionalen und auch internationalen Projekten.

Eine minoritäre Koproduktion ist zum Beispiel Burning Days von Ermin Alper, dessen Kleinstadtkorruptionsporträt auch als Synonym für die ganze Türkei gelesen werden kann. Ein Staatsanwalt gerät bei seinen Untersuchungen von gefährlichen Sinklöchern, die auf Grund von Bodenbohrungen entstehen, in einen Konflikt mit den örtlichen Honorationen, die ihm bei einem Umtrunk eine Falle stellen. Ermin Alper ist ein sehr stimmiges Porträt von toxischer Männlichkeit samt Treibjagden durch das Dorf und offener Frauenverachtung gelungen, die homosexuelle Nebenhandlung bleibt etwas unentschlossen, aber der Film zeigt sehr elegant, wie ein System von Freunderlwirtschaft ein ganzes Land in Besitz nehmen kann.

Ein weiterer Festivalfavorit ist Speak No Evil vom dänischen Regisseur Christian Dafdrup, dessen äußerst beklemmende Atmosphäre gar nicht zu den lauen Temperaturen und zur Festivalatmosphäre zu passen schien. Aber solche oft schwer zu ertragenden Filme – über den Machtkampf zwischen einer holländischen Familie mit einem sehr dunklen Geheimnis und einer dänischen Durchschnittsfamilie, der vorhersehbar, aber äußerst grausam endet – haben natürlich auch ihren Platz im vielschichtigen Programm verdient, wie auch der ähnlich originelle Film The Uncle von David Kapac und Andrija Mardešić. Ohne großes Budget mit nur fünf Schauspielern gedreht, zeigt der Film, dass manchmal schon eine brillante Idee reicht, um ein absurdes und makabres Horrorspiel mit komödiantischen Untertönen 104 Minuten lang spannend zu gestalten. Sonne von Kurdwin Ayub war der einzige ganz neue österreichische Film, aber zu Ehren des Jurypräsidenten Stefan Ruzowitzky wurden auch Hinterland und Die Siebtelbauern ins Programm aufgenommen. Die Liste der Preisträger ist lange, als bester kroatischer Film wurde das realistische und berührende Schuldrama The Staffroom von Sonia Tarokic ausgezeichnet.

Filmklassiker dürfen bei den wenigsten Festivals fehlen, in Pula bekommt man die Chance, neben bekannten Werken wie Lina Wertmüllers Sieben Schönheiten auch hierzulande wenig bekannte kroatische Hits wie K 8 oder One Song a Day Takes Mischief Away unter freiem Himmel zu genießen. Neben der Arena werden nämlich auch im Kastel auf dem Hügel mitten in Pula, am Strand von Ambrela und auf der unbedingt sehenswerten Nationalparkinsel Brijuni Filme gezeigt. Aber auch die Indoor-Kinos wie das Valli Cinema mitten im Zentrum genügen höchsten Ansprüchen. Die Stadt Pula und seine sehenswerten und erholsamen Strände, das vielfältige Programm, die exzellenten Locations und nicht zu vergessen die Festivalpartys lohnen auf jeden Fall einen Ausflug nach Istrien.

pulafilmfestival.hr