Luzifer
Luzifer

Filmkritik

Luzifer

| Alexandra Seitz |
Eine Insel des Spirituellen inmitten der Bergwelt

Es ist hier eine mächtige Fantasie am Werk. Sie entwirft einen Kosmos, gleichermaßen weltabgeschieden wie welthaltig. Eine individuelle Geschichte, die weit über sich hinaus weist. Eine Metapher für das Ausgesetztsein des Menschen auf Erden und die Unmöglichkeit, mehr als einen Schemen jenes Astes zu erkennen, auf dem er sich festkrallt und an dem er wacker sägt.
Johannes ist das, was man früher mal geistig zurückgeblieben nannte. Zusammenhängende Sätze spricht er nicht, was in seinem Kopf vorgeht, lässt sich nur erahnen. Möglicherweise hat er seinen mentalen Zustand dem Alkoholismus seiner Mutter zu verdanken; die Sucht liegt mittlerweile hinter ihr, doch sie wird nicht müde, sich in seltsamen Ritualen bei Gott, Jesus, der Jungfrau Maria, vor allem aber dem Vater des Jungen für ihre Errettung und für ihre Nüchternheit zu bedanken. Was eigentlich genau hinter den beiden liegt und wie sie auf den Berg gekommen sind, wo sie hoch oben in einer Almhütte leben, die sich auch gut in einem Western machen würde – wir erfahren es nicht.

Peter Brunner hat Luzifer nach eigenem Drehbuch unter anderem am Höllenstein im tirolerischen Tux gedreht. In einer, wie es so schön abgedroschen heißt: wildromantischen Landschaft. Wären da nur nicht die roten Markierungsstreifen an den Bäumen, das Gejaule der Kettensägen und das insektenhafte Brummen drohender Drohnen. Das schrottige Idyll, dessen würdigster Mitbewohner ein Steinadler namens Arthur ist, ist gefährdet vom banalsten aller Schrecken: ein Skilift soll gebaut und das Areal touristisch erschlossen werden. Also herrscht Psychoterrorkrieg gegen die zwei Aussteiger, die irgendwo zwischen naturmagischen Praktiken und christlichem Fundamentalismus fernab der Zivilisation nach ihrem Seelenheil stochern.
Holz, Papier, Federn und Fleisch treffen auf Plastik, Benzin, Metall und Gaffertape – die Mischung wirkt toxisch und hinterlässt verbrannte Erde. Doch die praktisch verstandene Frage, wo in diesem Albtraumszenario „Luzifer“ sich verbirgt, lässt sich nicht leicht beantworten. Steckt er im Detail? Findet sich die Hölle in der Höhle droben am Berg? Blickt das Auge des Leibhaftigen durch das der umher sirrenden Kamera? Oder führt er nicht vielmehr die Hand, die die Bibel erhebt und auf den Schädel niedergehen lässt, solcherart den Teufel mit dem Beelzebub austreibend? Der künstlerische Entwurf von Luzifer ist von einer diabolischen Anziehungskraft, und tiefer und tiefer schraubt sich die Bewegung, bis das Ungeheuer am Boden des Abgrunds endlich die Augen aufschlägt.