„Die Dohnal“: von der Idee zum großen Kinoerfolg. Eine Fallstudie.
Frauenpreis der Stadt Wien, Grimme-Preis, Deutscher Regiepreis Metropolis, Goldenes Verdienstzeichen des Landes Wien. Sabine Derflinger hat in den letzten Jahren vor allem mit erfolgreichen Produktionen und deren Auszeichnungen auf sich aufmerksam gemacht. Ihr jüngstes Werk Die Dohnal, eine Dokumentation über Österreichs erste Frauenministerin, stieß auf viel positives Echo und gewann den Großen Preis der Diagonale. Was ist das Geheimnis dieses Erfolges? Ein Gespräch mit Regisseurin Sabine Derflinger, Produzentin Claudia Wohlgenannt und Ines Kratzmüller, die den Film vermarktet hat.
Irgendwie originell
Das Johanna-Dohnal-Institut klopfte an und fragte, ob Interesse an einer Filmproduktion bestünde. „Margit Niederhuber fand das irgendwie originell, dass jemand wie ich, die ja auch Vorstadtweiber macht, einen Film über Johanna Dohnal macht.“ Derflinger wollte uneingeschränkt arbeiten können. Klar war für sie auch, dass diese große Frauengeschichte ins Kino kommen soll – in einen Ort der Begegnung. Fernsehfilm wollte sie daraus keinen machen. Ein wichtiger Erfolgsfaktor sei gewesen, dass sie nicht von dem Film leben musste. Zeitmäßig war klar: Es braucht so lange, bis der Film fertig ist. „Das hatte ich selten. Ich bin meist angewiesen, dass ich vom Filmemachen lebe und das ist ein wahnsinniger Wettbewerbsnachteil“.
Claudia Wohlgenannt als Produzentin fühlte sich vom Thema angesprochen: „Es ist Zeit für starke feministische Filme, die eine Ansage in der Richtung machen.“ Nichtsdestotrotz hatte sie Sorge, ob man mit dem Thema durchkommen würde. Gerade bei einer Doku sei es schwierig, die Finanzierung hinzubekommen, insbesondere als damals gerade die #metoo-Bewegung aufkam. „Da hab ich mir schon gedacht, um Gottes willen, jetzt reden sie alle über Feminismus, und wenn der Film dann in zwei Jahren fertig ist – wollen sie dann überhaupt noch was davon hören? Da war ich total unsicher, ob das gut geht“.
Es ist gut gegangen, sehr sogar. Und das, trotz Corona: Mehr als 42.000 Menschen haben den Film bisher im Kino gesehen, 5.000 auf Video-on-Demand in nur einer Woche. Die Dohnal lief auf zahlreichen Festivals, darunter die Viennale, das internationale Filmwochenende Würzburg, das internationale Frauenfilmfestival Köln und das Bolzano Film Festival. 2020 gewann er auf der Diagonale gleich zwei Preise: den Goßen Diagonale-Preis für den besten Dokumentarfilm und den Preis für außergewöhnliche Produktionsleistung.
„Wissen kann man das vorher nie. Man kann selbst beim Thema was spüren oder finden, dass es wichtig und interessant ist, aber wie das am Ende ausgeht, ob das Thema dann die Menschen interessiert, wenn der Film herauskommt, und wie die Stimmung in der Gesellschaft ist, das kann man davor nicht wissen. Das macht diese Arbeit auch so schwierig“, erklärt Claudia Wohlgenannt.
Viele Menschen ansprechen
Das Bewusstsein, dass man hier sehr viele verschiedene Menschen ansprechen würde können, war für Derflinger einer der Gründe, warum sie dem Film gute Chancen einräumte. Nicht nur für Cineastinnen und Cineasten sei der Film interessant, sondern auch für Menschen, die frauenbewegt sind; jene, die sich für österreichische Politik interessieren; Junge und Alte. Das war wichtig, denn ohne Aussicht auf Erfolg wollte die Regisseurin nicht zu arbeiten beginnen: „Ich hasse es, erfolglose Sachen zu machen. Ich habe so oft meine DVDs in Geschäften nach vorne gestellt, damit sie gekauft werden, für meine Filme selber Karten im Kino gekauft oder Plakate aufgehängt. Ich hasse es, wenn meine Sachen niemand anschauen will. Jetzt bin ich nicht mehr so jung und habe mir gedacht, ich möchte schon was machen, wo zumindest die Möglichkeit eines Erfolges besteht“.
Ein großer Bonus war das umfassende und qualitativ hochwertige Archivmaterial des ORF. Die Regisseurin bezeichnet es als Geschenk, das sicher auch zum Erfolg des Filmes beigetragen hat. „Bei US-amerikanischen feministischen Filmen gibt es so tolles Material und da geht es zack-zack-zack, wenn man da einschaltet auf Netflix, kann man sich gleich den Sekt einschenken, wenn die das erste Mal mit den Plakaten gehen. Aber das gibt es ja in Österreich wenig oder kaum“.
Es sei nicht einfach gewesen, über jemanden zu erzählen, der schon gestorben ist: „Die Frau kannten viele nicht, viele hassten sie, viele verehrten sie, viele beanspruchten sie für sich. Einen Film zu machen, wo man nicht zwischen die Stühle von all jenen fällt, die da Interesse haben, war schwierig.“
Claudia Wohlgenannt erklärt die Stärke des Films so: „Wir haben, so behaupte ich jetzt einmal frech, die Geschichte ein bisserl umgeschrieben. Alle haben die Dohnal so arg in Erinnerung, weil es dieser männliche Blick war, den wir alle vermittelt bekommen haben. Jetzt schaut man sich das an und denkt sich: Die war total lieb, die war nett, die hatte Argumente und hat nicht einfach böse wen niedergemacht.“ Viele Publikumsreaktionen gehen auch in diese Richtung. Viele geben zu, gar nicht gewusst zu haben, was für eine tolle Frau die Dohnal eigentlich war.
Nichts Grausliches
Wichtig war Derflinger von Anfang an, „dass man begreift, dass Feminismus nichts Grausliches ist. Und dass es auch nichts ist, was man halt so in seiner Freizeit macht – so wie: Die einen stricken, die anderen machen Feminismus und die dritten batiken“. Das Gute sei für sie, „dass es ein Film ist, wo man zuschauen kann, wo man sich nicht gleich entscheiden muss, zu wem man hält oder ob man das gut oder schlecht findet. Man darf einfach einmal zuschauen und wird in Ruhe gelassen“.
Der Film ist komplex, er benützt auch Spielfilmelemente, viele Szenen und Bilder stehen im Gegensatz zu dem, wie die Person Dohnal früher wahrgenommen wurde. Den Bogen zwischen damals und heute zu spannen war zentral: In dem historischen Element finden sich die Älteren wieder, gleichzeitig sehen viele Junge die Bilder zum ersten Mal.
Eine gute Protagonistin, genug Zeit, viel gutes Archivmaterial, eine tolle Arbeitsstruktur und das gemeinsame Ziehen am selber Strang sind für Derflinger die ausschlaggebenden Zutaten des Erfolgskuchens. In Testscreenings erprobte man die Reaktionen und Wahrnehmungen von unterschiedlichem Publikum. So wurde beispielsweise nach einem Screening mit Jugendlichen der Titel von „Wir wollen die Hälfte vom Kuchen“ auf den jetzigen geändert. Die jungen Menschen hatten die Anspielung nicht verstanden.
Teamarbeit
Das Team und die richtige Zusammenstellung waren ganz besonders wichtig. „Man muss nur Hanne Lassl fragen, und ein Teil des Erfolges ist schon garantiert“, lacht Derflinger. Sie sei einer der wichtigsten österreichischen Line Producerinnen, die Leute zusammen führt und richtige Kalkulationen erstellt. „Das, was auf dem Zettel steht, muss mit dem zu tun haben, was man braucht, damit man den Film drehen kann. Viele Leute schreiben auf den Zettel irgendwas und dann kann man es nicht drehen, weil das Geld nicht da ist“.
Wohlgenannt sieht Humor als weiteren positiven Faktor: „Der Film ist auch ziemlich lustig. Für eine Doku ist der wahnsinnig unterhaltsam. Das macht den Großteil des Erfolges aus, dass die Leute nicht drinnen sitzen und sich fragen, wie lange es noch dauert und man sich schämen muss, dass die Welt zu schlecht ist“. Der Film habe auch schöne Wellen. „Du ärgerst dich wahnsinnig, dann musst du wieder lachen. So geht das dahin, dadurch ist es auch so kurzweilig. Man schaut den Film gern an und empfiehlt ihn gern weiter. Er ist dramaturgisch sehr geschickt gebaut“.
Geschnitten hat Derflinger gemeinsam mit Cutterin Niki Mossböck. „Ich wollte immer Gegenpole haben, einen großen Raum eröffnen, in dem man Gegensätzliches zusammen bringt.“ Dabei wandten die beiden Frauen ein Uraltkonzept aus den Achtzigern an, und zwar „dass man dem Material vertraut. Wurscht, was man sich vorgenommen hat, man muss dem vertrauen, was man hat, nicht irgendwas irgendwie hinbiegen. Das ist dadurch, wie die Förderungen strukturiert sind und wie das Fernsehen arbeitet, total verlorengegangen. Kreative Menschen können nicht einfach ihre Filme machen. Wir haben uns in dem Fall an den Gedanken gehalten, dass es einen Weg gibt und dass man nicht alles von vornherein einbetonieren muss.“ Was auch noch wichtig war: „Ich wollte so schneiden, dass ich es auch kapiere. Wenn ich es kapiere, kapieren es alle. Und wenn mir nicht fad wird, ist es auch super – weil mir ist schnell fad.“
Derflinger machte für ihren Film, wie sie sagt, keine Interviews im klassischen Sinne, sondern versuchte nur, den Redefluss anzuregen. Dabei ließ sie stets Raum für Veränderung und blieb flexibel, denn: „Eine Geschichte erzählt sich sowieso, man kann darauf vertrauen, dass alles, was wichtig ist, gesagt wird oder zwischen den Zeilen oder Kadern steht“. Besonders bei Die Dohnal war es ihr wichtig, zur Protagonistin durch die Gesprächspartnerinnen und Geschichten Nähe herzustellen. Den Schnittprozess bezeichnet sie als emotionales Auswählen: „Die Stellen, wo ich emotional am meisten berührt war, kommen dann hinein“.
Musik, die alles beeinflusst
Dass es die einprägsame Musik von Gerry Schuller, der bereits für den Score der Doku „The Rounder Girls“ verantwortlich zeichnet, in die finale Version geschafft hat, war ein schwieriger Prozess: „Da war ich einsam bei der Entscheidung. Sehr einsam. Das war die einsamste Entscheidung, die ich jemals getroffen habe“, lacht Derflinger. Die Musik stieß auf massiven Widerstand, Kamerafrau und Cutterin waren entsetzt, heimlich wurden Soft-Versionen gebastelt. „Wenn man die Musik wirklich ernst nimmt und ihr eine eigene Ebene gibt, dann ist das für alle anderen Abteilungen natürlich schwierig. Die sind es gewöhnt, dass die Musik weder ihr Bild noch ihren Schnitte beeinträchtigt, aber so eine Musik interessiert mich nicht. Ich will immer eine Musik, die alles beeinträchtigt“, erklärt die Regisseurin. Es war auch eine bewusste Entscheidung, die Zwischentitel so zu lassen, selbst wenn sie für Menschen, die langsam lesen, so schnell sind. „Die Musik hebt da so drüber. Das ist, wie wenn du grad einmal unter der Dusche bist und dann geht’s wieder weiter. Man wird wie gelöscht und durchgerüttelt und dann geht man in die nächste Szene“. Und: „Der viele Text gibt die Freiheit, dass man sich die Schmankerln anschauen kann und nicht irgendwelche langweiligen Szenen sehen muss, nur damit etwas erklärt ist“.
Vermeintliche Stolpersteine erwiesen sich als wertvolle Gehilfen. Wohlgenannt erinnert sich: „Während wir gedreht haben, lief auf ORF III plötzlich dieser Film über die Dohnal. Da hat´s uns kurz auf den Hintern gesetzt.“ Derflinger stimmt ein: „Da ist mir der Schweiß ausgebrochen, und ich dachte, alles ist sinnlos. Das war aber ein wichtiger Moment, weil ich dadurch total befreit war, dass ich biografisch irgendwas leisten muss“. Auch Corona kam eigentlich gar nicht so ungelegen, erinnert sich Kratzmüller: „Wir haben ja ab der Viennale durchgearbeitet, jeden Tag nur Dohnal, da haben wir eh eine Pause gebraucht – dann war plötzlich Corona da.“ Eine Woche wurde der Film auf www.vodclub.online frei geschalten und hatte mehr als 4.000 Zugriffe. Nun läuft er wieder im Kino.
Gute Schachzüge
Den erfolgreichen Vertrieb definiert Claudia Wohlgenannt als Prozess mit genialen Schachzügen: „Wir haben eigentlich das gemacht, was wir immer machen, nur diesmal war es so toll, dass alles funktioniert hat“. Ines Kratzmüller wurde für das Marketing früh in den Film miteinbezogen, sie war bereits bei der ersten Einreichung dabei. „Bei irgendeinem Presse-Screening das erste Mal dazu zu kommen, ist Schwachsinn. Du musst reinwachsen. Deswegen sitze ich bei vielen Interviews dabei. So lerne ich, über den Film zu kommunizieren aber auch Inhalte zu vermitteln“. Schon während des Drehs wurden Social-Media-Strategien durchdacht und Ideen gepostet, ebenso ein Pressetag gemacht. Kratzmüller: „Sabine wusste, was sie erzählen und unterbringen will – und das hat man bei den Interviews gemerkt“.
Die Kommunikation habe, so sind sich die drei Frauen einig, besonders gut funktioniert. Es herrschte innerhalb des gesamten Teams Offenheit, Wertschätzung, Respekt und gegenseitiges Vertrauen. Kratzmüller: „Das war in all den Jahren meine Lieblingsarbeit“.
Was sich die drei Frauen im weiteren für den Film wünschen?
Sabine Derflinger: Der Film ist ja ein Beispiel dafür, wie wichtig Kino als soziales Event ist. Menschen treffen sich dort. Generationen, die gemeinsam im Film sind, fangen miteinander zu reden an. Ich wünsche mir schon, dass man den Film wieder im Kino sehen kann. Die Begegnung im Realen bietet die Möglichkeit, dass die Leute sich austauschen und politisch auf Ideen kommen.
Claudia Wohlgenannt: Ich würde mir wünschen, was Corona zum Opfer gefallen und vermutlich nicht mehr aufzuholen ist: Schulvorstellungen. Rund 1000 Plätze waren gebucht, alle wurden storniert.
Ines Kratzmüller: Ich wünsche mir, dass alle unsere Politikerinnen und Politiker diesen Film anschauen und sich an Johanna Dohnal ein Beispiel nehmen: dass man mit Inhalten, Wahrheit und Ehrlichkeit weiterkommt. Das ist natürlich ein frommer Wunsch.
Freundschaft!
Sabine Derflinger im Gespräch über die legendäre Sozialdemokratin, über politisches Engagement, das Auftauchen von Wiedergängern und das Ende des Patriarchats.

