Unterhaltsame Comicverfilmung
Die Stärken der Heldinnen und Helden aus dem Hause Marvel sind paradoxerweise ihre menschlichen Schwächen. Kaum jemand kann seine Superkräfte wirklich genießen, sondern leidet unter Doppel-leben und Verantwortung. Oft kommen auch noch private Probleme wie Mietrückstand oder Beziehungsstress dazu. Diese humanen Aspekte sorgen für Empathie mit den kostümierten Heroen und werden von Regisseur und Drehbuchautor Joss Whedon im programmierten Blockbuster The Avengers immerhin zum Teil berücksichtigt. Lange hat es gedauert, bis das bunt zusammengewürfelte Superheldenteam, das 1963 von Stan Lee und Jack Kirby kreiert wurde, reif fürs Kino war. Schon in die Einzelfilme wurden Hinweise auf den geplanten Avengers-Film eingebaut, die Erwartungen der Fans geschürt. Um ein solches Team in Aktion treten zu lassen, reicht denn auch kein Drogendealer von nebenan, also muss ein Gott aus Asgard ran: Thors Halbbruder Loki bedroht mittels Energiewürfel und Kampfarmada die Erde. Es ist an Nick Fury (cool wie immer: Samuel L. Jackson), Leiter der Geheimorganisation S.H.I.E.L.D., alles zusammenzutrommeln, was übermenschliche Fähigkeiten besitzt: Captain America, der im Zweiten Weltkrieg Nazis bekämpfte und sich nach Jahrzehnten im Ewigen Eis nur schwer im Heute zurechtfindet; Tony Stark / Iron Man (Eigendefinition: „genius, billionaire, playboy, philanthropist“) im High-Tech-Kampfanzug; der temperamentvolle Hammerwerfer Thor; Hawkeye, Agent und meisterlicher Bogenschütze; Black Widow, russische Spionin, die nicht nur die Waffen einer Frau einsetzt, sowie Bruce Banner, genialer Wissenschafter, der sich bei Wutanfällen in das Monster Hulk verwandelt. Zu zeigen, wie sich die unterschiedlichen Temperamente annähern oder auch mal handgreiflich werden, ist die Stärke der ersten Filmhälfte. Neben der gewohnt witzigen One-Man-Show Robert Downeys als Stark überzeugt besonders Neuzugang Mark Ruffalo als Banner, der Tragik und Einsamkeit der Figur (die Rolle wurde zuvor von Eric Bana und Edward Norton verkörpert) eindrucksvoll vermittelt. Doch auch die anderen „Rächer“ haben dank gewitzter Dialoge, Actionszenen und Anspielungen auf das Marvel-Universum ihre Momente. Danach mutiert The Avengers zum Kriegsfilm, statt Charakteren stehen – großteils hervorragende – Spezialeffekte auf dem Programm (wieder einmal muss das mit 9/11-Anspielungen versehene New York herhalten). Das ist etwas schade, insgesamt ist der Film aber ein temporeiches Vergnügen, dem man sich ohne Reue hingeben kann. Jetzt heißt es gespannt sein, ob Christopher Nolans The Dark Knight Rises den Grenzgang zwischen Spektakel und Tiefgang schafft.
