Eine gelungene Drama-Serie, angesiedelt in den kalifornischen Redwoods, erzählt den alten Heimatfilm-Konflikt zwischen Stadt und Land neu.
Als die gelernte Hebamme Mel (Alexandra Breckenridge) in Virgin River ankommt, könnte der Empfang kaum unfreundlicher sein. Die versprochene Wohnung muss noch renoviert werden, und der Arzt, dem sie unterstellt ist, will eigentlich lieber allein arbeiten. Außerdem misstrauen die Dörfler der Großstädterin, und gleichzeitig fühlen sie sich ihr unterlegen. Die Konfliktlinien sind bereits in der ersten Episode von Virgin River klar, es geht um die Integration der Fremden in die Gemeinschaft – ein typisches Heimatfilm-Sujet.
Und Heimatfilm ist Virgin River tatsächlich. Das fiktive Dorf soll in den Redwoods in Nordkalifornien liegen, wunderschön schlängelt sich der titelgebende Fluss durch die Wälder ins Tal, Mel joggt über eine Hängebrücke, die Blockhäuser des Dorfs wirken robust und gemütlich, alle fahren solide SUVs und Pickups, und man weiß endlich einmal, warum. Denn auf den zum Teil unbefestigten Straßen, die bei herbst- und winterlichen Wetterlagen schnell verschlammen, gibt es eine Menge Pannen, trotz Allradantriebs und Superprofilreifen. Der Mann mit dem Abschleppwagen ist eine wichtige Nebenfigur in Virgin River.
In den mittlerweile zwei Staffeln der Serie – eine dritte wird ab Herbst bei Netflix laufen – passiert anfangs das Erwartbare: Die Fremde kommt an, bewährt und integriert sich schnell, und nach ein paar Episoden ist selbst der bärbeißige alte Doc Mullins (Tim Matheson) froh, dass er mit Mel mehr als eine Hebamme an der Seite hat – sie ist nämlich auch gut im Verbinden und Medikamentieren von Standardverletzungen und -leiden, und selbst bei einer Amputation behält sie die Nerven. Die rauen, harten Kerle des Dorfs gehen manchmal sogar lieber zu ihr als zum Doc, denn sie ist zudem diskret.
Das schätzt auch Jack (Martin Henderson), der Betreiber der örtlichen Bar nebst Diner, zudem ein geschickter Handwerker und Gerechtigkeitsfanatiker von der Lieber-machen-als-reden-Sorte. Zusammen mit ein paar Irak-Kriegsveteranen, Angehörigen seines ehemaligen Platoons, schmeißt er den gastronomischen Betrieb, schlichtet Streit und schützt das Dorf vor allem Übel. Und gerne auch Mel, die neue Krankenschwester, die er, im Gegensatz zu vielen anderen, von Anfang an toll findet.
In den ersten Folgen denkt man ein bisschen an diese Serien der neunziger Jahre, in denen nette Leute in wechselnden Konstellationen nette Dinge unternehmen, sich ein bisschen streiten, wieder versöhnen, mal Sex haben, mal nicht, und denen man einfach beim Leben zuschaut. Das ändert sich aber, als sich herausstellt, dass mehrere der Protagonisten – Mel, Jack, die Bäckerin, die für Jacks Diner backt, ja sogar die alte Lebensmittelhändlerin – traumatisiert sind. Und plötzlich greift die Vergangenheit auf die Gegenwart durch, nichts ist mehr einfach, und die Figuren mischen sich zu neuen Konstellationen, Allianzen und Koalitionen. Da bräuchte man eigentlich eine Bande von, nun ja, Räubern im Wald, nicht mehr, die als äußere Bedrohung fungieren, gegen die sich das Dorf immer wieder zusammenschließt.
Virgin River beschreibt eine Welt, in der die Gemeinschaft – Angehörige verschiedener Ethnien sind selbstverständlich integriert – alles gilt, während das Individuum sich unterzuordnen hat. Etwas vor den anderen zu verbergen ist unmöglich, aber wenn man um Hilfe bittet, sind alle zur Stelle. Es ist das Herzland, das hier beschrieben wird, nichts ist hip oder auch nur schick, jede und jeder wird von der Gemeinschaft zurechtgestutzt und auf den ihr oder ihm zustehenden Platz verwiesen. Der Referenzrahmen ist das Militär: Einer Art soldatischem Pflichtenkanon gehorchen Gerechte und Ungerechte gleichermaßen. Für alle Probleme finden sich Lösungen, so lange man sich nicht von der Gemeinschaft abwendet. Die Stadt, in diesem Fall Los Angeles, wo Mel herkommt, ist ein Synonym für Verderbnis, Sucht, schlechten Umgang. Und schon in der nächstgelegenen Großstadt, Seattle, Washington, scheint selbst der ehrbare Doc Mullins moralisch zu schwächeln.
Gerade deshalb ist Virgin River sehr unterhaltsam, sogar spannend, die Figuren sind durchweg gut besetzt, und die Locations sind wunderschön. Und wenn man sich ein bisschen wundert, dass Mels Haus mal genau neben der Bar und mal eine gefühlte halbe Stunde davon entfernt liegt, dann sind das emotionale, nicht rationale Distanzen. Ein Märchen, natürlich.
