Der Streaming-Dienst Netflix hat ein legendäres Kino im Big Apple übernommen. Anlass genug, die Lichtspieltheaterlandschaft von New York City einmal näher zu begutachten. Von Alamo Drafthouse bis Village East: die schönsten, kuriosesten, bestprogrammierten Kinos in Brooklyn und Manhattan.
Nitehawk Prospect Park
188 Prospect Park West, Park Slope, Brooklyn
7 Säle mit 194, 166, 70, 60, 56, 48 bzw. 56 Sitzen
In den jüngsten Jahren waren die New Yorker gezwungen, sich von mehreren beliebten Kinos zu verabschieden. Das Sunshine Cinema auf der Lower East Side: weg. Das Ziegfeld Theater in Midtown: weg. Das Lincoln Plaza Cinema auf der Upper West Side: weg. Als das Pavillion in Park Slope 2016 seine Türen schloss, war das also doppelt bitter. Eine Investmentfirma kaufte das Gebäude für 28 Millionen US-Dollar und gewährte dem Nitehawk eine langfristige Pacht. Während der Renovierung wurden wunderschöne historische Elemente aus dem alten Kino, das 1928 als The Sanders erbaut wurde, entdeckt und schließlich am 19. Dezember 2018 wiedereröffnet. Das Filmhaus umfasst sieben Säle, insgesamt 650 Sitzplätze, und zwei Bars. Im Gegensatz zum Nitehawk Williamsburg zeigt das Schwesterkino einen größeren Anteil von Blockbuster-Filmen.
Nitehawk Williamsburg
136 Metropolitan Avenue, Williamsburg, Brooklyn
3 Säle mit 92, 60 bzw. 34 Sitzen
Das Nitehawk wurde von Matthew Viragh gegründet, der 2008 ein Kino in New York City aufmachen wollte, wo man während der Filmvorführungen essen und Alkohol trinken konnte. Zu dieser Zeit hatte der Staat New York aber ein Gesetz aus der Prohibitionszeit, das es den Kinos untersagte Alkohol auszuschenken. Viragh engagierte daraufhin einen Anwalt, um die Aufhebung des Gesetzes zu beantragen – was ihm auch gelang. Der erste Standort im hippen Stadtteil Williamsburg öffnete seine Pforten am 24. Juni 2011 und hat drei Säle mit 92, 60 und 34 Sitzen. Es befindet sich in einem ehemaligen Industriegebäude, welches mit einer Fassade aus LED-Lichtern, Zink und Glas renoviert wurde. Das Menü des Kinos wurde von Michelin-Sternekoch Saul Bolton entwickelt. Ein nettes Detail: Nitehawk zeigt keine Werbung vor der Filmvorführung, sondern eine Montage von Clips, die für jeden Film individuell angepasst wird. Beispielsweise enthielt die Vorschau für The Favourite Clips von Yorgos Lanthimos’ Kurzfilmen.
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Paris
4 West 58th Street, Midtown, Manhattan
1 Saal, 581 Sitze
Das legendäre Paris, ein Juwel von einem Filmpalast in einem fotogenen Teil von Midtown Manhattan, schloss vergangenen August nach 70 Jahren eigentlich seine Pforten, aber dann kam ausgerechnet Netflix – ein Streamer, der dafür bekannt ist, Filme als Home Entertainment anzubieten – und machte es zu seinem ersten offiziellen Kino. Es ist ein Filmtheater mit nur einer Leinwand und 581 Plätzen, hat ein Interieur mit blauen Samtsitzen und einem lila Vorhang. Sein erster Besitzer war Pathé. Das Paris zeigte ursprünglich vor allem französische Filme, von denen der erste Jean Delannoys La Symphonie pastorale war. Marlene Dietrich schnitt 1948 das Eröffnungsband durch. Unter den Filmen, die dort einem US-Publikum vorgestellt wurden, war auch Franco Zeffirellis Romeo and Juliet, der von 1968 bis 1969 fast ein ganzes Jahr lang lief. Im November schloss Netflix einen Mietvertrag mit dem Paris ab, um seinen Film Marriage Story zu präsentieren. In Zukunft wird der Streaming-Dienst das Kino exklusiv für Filmvorführungen nutzen.
Quad Cinema
34 West 13th Street, Greenwich Village, Manhattan
4 Säle mit 97, 100, 114 bzw. 116 Sitzen
Das Quad spielt eine wichtige Rolle in der Kinogeschichte von Manhattan: Als es am 18. Oktober 1972 von dem Unternehmer Maurice Kanbar zusammen mit seinem Bruder Elliott eröffnet wurde, war es das erste Kino der Stadt, das mehrere Leinwände hatte. In der Originalwerbung hieß es: „Eine neue Art, ins Kino zu gehen“. Diese Innovation ließ das Quad jahrzehntelang gedeihen, während viele Konkurrenten verschwanden oder das Multiplex-Modell kopierten. 2014 hat der Immobilienmogul Charles S. Cohen das Quad gekauft, es einer Rundumerneuerung unterzogen und vier spektakuläre Kinosäle mit 97, 100, 114 und 116 Sitzen (aus Norwegen importiert) geschaffen, die wie private High-End-Vorführräume aussehen, jeder mit einem eigenen Farbschema. Das Programm bietet ein bisschen von allem: ausländisch und inländisch, Fiktion und Dokumentation, Arthouse und Grindhouse.
Spectacle
124 South 3rd Street, Williamsburg, Brooklyn
1 Raum, 30 Sitze
Das seit Herbst 2010 geöffnete Spectacle ist ein Vorführraum in Williamsburg, der ausschließlich von Freiwilligen betrieben wird. Mit dem täglichen Programm, das sich „übersehenen und selten gezeigten Werken, ausgefallenen Juwelen, zeitgenössischer Kunst und radikaler Polemik“ widmet, ist es zu einem Kleinod in der Nachbarschaft geworden. Von außen sieht es aus wie ein abgefuckter, ausgestorbener Laden, dessen Schaufenster mit alten Plakaten verklebt sind, aber der erste Eindruck täuscht. Hier steckt Leben drin und man kann sich Filmperlen für nur fünf Dollar ansehen. Als einzigartiges
Modell mit nur 30 Plätzen in der Mikrokino-Bewegung in Brooklyn konzentriert sich das Spectacle auch auf die Zusammen-
arbeit und produziert hunderte maßgeschneiderte Plakate und Trailer für Filme, die entweder nie solches Material hatten oder deren Promotion-Beiwerk mit der Zeit verloren gegangen war.
Syndicated
40 Bogart Street, Bushwick, Brooklyn
1 Saal, 56 Sitze
Das Syndicated in der Bogart Street(!) im Stadtviertel Bushwick (ein neuer Hotspot für Künstler) im Norden von Brooklyn ist die Kreation von Tim Chung. Vor der Eröffnung dieses Etablissements hatte der Filmliebhaber Chung eine Karriere in der Filmproduktion. Als er sich mit Chefkoch Bret Macris zusammenschloss, war im Januar 2016 das Syndicated geboren: ein umgebautes Lagerhaus als Mischung aus Kino, Restaurant und Bar im Industrie-Chic. Hier gibt es keine Plüschsitze aus rotem Samt. Aber die 56 in Erdtönen gepolsterten Sitze haben eine so hohe Rückenlehne, dass man die Köpfe in der Reihe vor einem nicht sehen kann, und sie sind überraschend bequem. Halbkreis-Tische teilen die Sitze in gemütliche Paare. Die Bestellungen werden auf einem Zettel von Kellnern stillschweigend eingesammelt. Jeden Abend bzw. jede Nacht werden hier zwei bis drei von Experten kuratierte Filme gezeigt, und wer mag, kann währenddessen an einem „Cinema Paradiso“ oder „Spirited Away“ oder sonst einem Cocktail nippen.
Village East Cinema
181–189 2nd Avenue, East Village, Manhattan
7 Säle mit 370, 149, 149, 117, 66, 147 bzw. 170 Sitzen
Das prächtig restaurierte Village East Cinema hat eine faszinierende Geschichte als eines der letzten existierenden „Yiddish Rialto“-Theater auf der Second Avenue im East Village. Es wurde 1925–26 vom jüdischen Gemeindevorsteher Louis N. Jaffe in Brooklyn erbaut, um dem jiddischen Kunsttheater von Maurice Schwartz eine Heimstätte zu geben. Das Theaterhaus wurde im neumaurischen Stil von Harrison Wiseman entworfen. Der Legende nach arbeitete Walter Matthau hier als junger Bub als Ticketverkäufer. Das Innere wurde 1991 in einen Komplex mit sieben Kinosälen und insgesamt 1.168 Sitzen umgewandelt, gezeigt wird eine Mischung aus Hollywood-Produktionen und Indie-Filmen. Das Hauptauditorium bietet Platz für 370 Personen, fünf kleinere Vorführräume haben bis auf einen weniger als 150 Sitze, ein Raum hat 66 Plätze. Der wichtigste architektonische Aspekt des Kinos ist die verzierte Decke des Hauptsaals, eines der bemerkenswertesten Gipskunstwerke der Stadt, das einschließlich der Fassade und der Lobby als Wahrzeichen von New York City gilt.
