„Scary Stories to Tell in the Dark“, der neueste Streich von Produzent Guillermo del Toro und Regisseur André Øvredal, ist eine Liebeserklärung an das Horrorgenre. Nicht immer gelungen, dafür bemüht und von Herzen.
Stella und ihre Freunde sind 1968 in ihrer Heimatstadt Mill Valley das, was man genretypische Outsider nennt: ein Bücherwurm mit Hang zu Vampiren und Werwölfen, ein Muttersöhnchen, ein Besserwisser, ein geheimnisvoller Bad Boy. Durch einen Zufall landen sie – natürlich zu Halloween – in einem seit Jahrzehnten verlassenen Haus, in dem einst schreckliche Dinge geschehen sein sollen. Bald merken die Freunde (inklusive der intelligenz-minimierten Cheerleaderin), dass hier so manches nicht mit rechten Dingen zugeht. Stella findet ein Buch und nimmt es mit nach Hause. Bald wird das Kleinstädtchen von Morden heimgesucht – und auch hier ist klar: Koscher ist das alles nicht! Die blitzgescheite Stella stellt eine Verbindung zum gestohlenen Buch her und muss feststellen, dass nicht sie das Buch, sondern das Buch sie liest. Latente Ängste der Stadtbewohner werden offenbar real und manifestieren sich in gruseligen Monstern oder ähnlich phantastischem Horror. Obwohl der lokale Sheriff alles daransetzt, wieder Ordnung herzustellen, müssen sich Stella und ihre Freunde mit der schrecklichen Frage auseinandersetzen, wer von ihnen der oder die Nächste ist.
Allegorie des Geschichtenerzählens
Spätestens seit It und Stranger Things wissen wir: Horror und Pubertät, da gibt’s mitunter nicht allzu viele Unterschiede. Vor allem aber ist sie aktuell beliebter denn je, diese offensichtliche Verbindung zwischen Coming-of-Age-Drama und Schock-
momenten, sodass es nur eine Frage der Zeit war, bis auch Guillermo del Toro, Meister des metaphorischen Wahnsinns, auf den Zug aufspringt, wenn auch „nur“ als Produzent: In Scary Stories to Tell in the Dark gibt es zwar weder Fischmonster-Sex noch Grusel-Labyrinthe, dafür jede Menge Referenzen auf Horrorklassiker, eine detailverliebte Zeitreise in die sechziger Jahre und die Erkenntnis, dass die eigene Seele der größte Schocker ist. Im Grunde ist Scary Stories, basierend auf der in den USA populären Kinderbuchserie von Alvin Schwartz, eine mehr oder minder familientaugliche Aneinanderreihung von schaurigen Kurzgeschichten und gleichzeitig eine Allegorie auf das Geschichtenerzählen an sich – sowie eine Meta-Mär über das Horrorgenre. Halloween? Spukhaus? Verlassene Maisfelder mit lebenden Vogelscheuchen? Besessene Gegenstände? Check, check, check. Dass der Großteil der Original-Illustrationen von Stephen Gammell ohne CGI-Schnickschnack umgesetzt wurde, verleiht dem Film eine angenehm altmodische Atmosphäre und lässt mitunter Gefühle wie zu besten Stephen-King-Zeiten aufkommen. Die klassischen Horrorelemente folgen zwar im gefühlten Minutentakt aufeinander – und es macht durchaus Spaß, zu erraten, über welchen Grusel die Kids als nächstes stolpern werden –, der Film fühlt sich trotzdem nie gehetzt an. Regisseur André Øvredal (Interview), ein norwegischer – in seiner Heimat inszenierte er die herrliche Mockumentary Trollhunter – Hollywood-Export, lässt sich mit seinen gekonnt hochgezogenen Spannungskurven Zeit und erzeugt so wohlige Gänsehautmomente.
Genre-Eintopf mit Nachgeschmack
Das passt also. Nur: Wir sprechen hier ausschließlich von den Gruselepisoden im Film. Dazwischen hat Scary Stories durchaus seine Längen, gleichzeitig hat man das seltsame Gefühl, die Handlung – die nur dafür da ist, den Schockmomenten einen roten Faden zu verleihen – weise Lücken auf. Es ist ein bisschen wie bei einer Geisterbahnfahrt: Zwischen dem Warten auf das nächste Monster passiert nicht viel, es kommt (wenn auch popcorntaugliche) Langeweile auf, das Kommende ist vorhersehbar. Die wohl absichtlich auf Klischees reduzierten Protagonisten bleiben seltsam fremd und lassen jegliche charakterliche Entwicklung vermissen. Eine Beziehung baut man zu ihnen nicht auf, was zur Folge hat: Wer sein Leben aushaucht oder nicht, kümmert den Zuschauer wenig – weswegen man zwar manchmal vor Schreck aus dem Kinosessel hüpfen mag, emotional holt der Film einen aber nicht ab. Die Metaphern des jugendlichen Horrors kommen mitunter gar zu sehr mit der Holzhammertaktik daher, man hätte sich hier mehr Del Toro-typisches Zwischen-den-Zeilen-Feingefühl gewünscht. Fazit: Der Genre-Eintopf hätte besser geschmeckt, wäre er uns in Form mehrerer Kurzfilm-Häppchen anstatt als All-you-can-eat-Buffet serviert worden.
