Tizza Covi und Rainer Frimmel machen Filme, die im Dazwischen von Fiktion und Dokument das Wesentliche finden. Ihr neuer Film „Vera“, der in diesem Jahr die Viennale eröffnete, ist das beste Beispiel dafür. Ein Gespräch über Vorurteile, Einsichten und die Frage nach der Wahrheit im Kino.
Sie passt nicht ins Bild. Nicht in den Kostümfilm, für den sie vorsprechen will. Nicht in die Vorstellungen der Menschen, auf die sie im Alltag trifft. Mit ihren gebleichten blonden Haaren, den künstlichen Kurven und dem dunkel glänzenden Teint könnte sie bestenfalls als Double für Donnatella Versace durchgehen. Aber Vera Gemma will mehr vom Leben. Sie hat kein Interesse daran, Menschen nachzuahmen oder sich im Schatten ihres Vaters, des Spaghetti-Westernstars Giuliano Gemma, auszuruhen. Sein Name öffnet ihr bis heute Türen und er verschafft ihr Respekt, wenn ein Casting-Direktor oder Regisseur wieder einmal nur Vorurteile hat. Doch die Rollen, die sie gerne spielen würde, bekommt sie trotzdem nicht. Denn Vera sticht heraus, ist direkt, eckt an, weil sie so ist, wie sie ist. Genau deshalb passt sie aber so gut in den neuen Film von Tizza Covi und Rainer Frimmel, die ihr darin ein würdiges Porträt widmen. Auch die früheren Arbeiten des Regie-Duos, das zuletzt 2020 für Aufzeichnungen aus der Unterwelt unter anderem mit dem Großen Diagonale-Preis ausgezeichnet wurde, verwiesen bereits auf ihr Gespür für Menschen, die sich eher im Abseits bewegen. Aus dieser Randposition heraus wird zunächst eine Außenperspektive möglich, die schließlich ins Innere der Figur führt. In Veras Fall ist es der unverhoffte Zusammenprall mit einem kleinen Jungen und dessen alleinerziehendem Vater Daniel, der langsam auch ihr Weltbild verschiebt. Wieviel davon real ist und was Fiktion, das lässt sich in Covis und Frimmels Filmen nie klar voneinander trennen. Da können sich ihre Protagonisten und Protagonistinnen noch so sehr am äußeren Saum der Gesellschaft bewegen, mit ihrer Kamera, ihren Geschichten, ihren Beobachtungen sind die beiden immer mittendrin.
Wie kann man sich die erste Begegnung zwischen Ihnen und Vera Gemma vorstellen?
Tizza Covi: Wir sind zum ersten Mal 2015 während der Dreharbeiten zu unserem Film Mister Universo auf Vera aufmerksam geworden. Sie arbeitete parallel an einem Dokumentarfilm über Zirkuskünstler. Aber zu dem Zeitpunkt wussten wir nicht, wer sie war. Und als wir sie da im Zirkuszelt sitzen sahen, wo sie gerade eine Szene drehte, haben wir uns ein bisschen über sie unterhalten, so wie man das immer macht, wenn man sie sieht, mit einer gewissen Art von Fingerzeig. „Schau, diese Frau.“
Rainer Frimmel: Wir haben uns ehrlich gesagt unserer Vorurteile nicht erwehren können und sind auch in diese Falle getappt: Operierte Frau, provokant angezogen, all das. Erst später wurde sie uns dann als die Tochter von Giuliano Gemma vorgestellt.
Wann hat sich Ihr Bild von ihr verändert?
TC: In dem Moment, wo wir uns mit ihr unterhalten haben. Als wir gemerkt haben, wie viel sie über das Kino Bescheid weiß, und sie so originelle Geschichten erzählt hat, unheimlich selbstkritisch, aber auch sehr sozialkritisch. Wir haben neben einer interessanten Frau gesessen, und dann war das plötzlich alles egal, wie sie aussah oder wer ihr Vater war.
RF: Sie hat sehr reflektiert geredet, auch über ihre Art zu provozieren, denn sie meint: „Wenn jemand mit mir ein Problem hat, dann hat er selbst ein Problem.“ Das ist uns in Erinnerung geblieben. Und ich finde das auch sehr treffend, für sie, für den Film.
Wie ist daraus dann die Idee für den Film entstanden?
TC: Das ist ganz langsam vor sich gegangen. Irgendwann hat Vera mir ihre Autobiografie gegeben, ein kleines Büchlein, das im Eigenverlag erschienen ist. Und das hat mich extrem beeindruckt, weil sie darin zutiefst ehrlich schreibt. Und zwar ehrlich auf eine Art und Weise, die einem selbst eigentlich nichts Gutes tut. Wir wissen ja alle, was man sagen darf und was nicht. Nur wenn man derart offen über sich selbst redet, dass man vielleicht sogar unsympathisch erscheint oder unreflektiert, das finde ich bemerkenswert. Und Vera ist ein absolut aufrichtiger Mensch. Ihr Blick auf das Leben insgesamt, auf die Gesellschaft, hat mir sehr gut gefallen. Und dann besuchte ich sie oft, habe Tonaufnahmen mit ihr gemacht, weil es zunächst einmal ein ganz persönliches Interesse meinerseits war. Es ist eine Freundschaft zwischen uns entstanden, zwischen zwei Frauen, die vollkommen verschieden sind. Und irgendwann kam mir der Gedanke, dass man dieser Frau, der man im Grunde nie eine Hauptrolle anvertrauen würde, einmal genau diese Gelegenheit geben müsste. Erst daraufhin ist dann auch Rainer eingestiegen und wir haben gemeinsam begonnen zu überlegen, welche Form das Ganze annehmen könnte.
Wie offen stand Vera dieser Idee gegenüber?
TC: Als ich ihr erzählte, ich würde ein Drehbuch schreiben, hat sie zunächst geglaubt, wie das im Showbusiness üblich ist, dass man etwas verspricht, das man sowieso nie einhalten wird. Aber sie war immer offen. Sie mochte unseren Stil, sie kannte auch ein paar unserer Filme, La Pivellina und Mister Universo. Sie liebt das Arthouse-Kino und hat Verständnis für unser reduziertes Arbeiten gezeigt und für unser Set, das nur aus zwei bis drei Personen besteht. Auch wusste sie von Anfang an, dass wir nur ein geringes Budget haben und mit ihr hauptsächlich in einer der gefährlichsten Vorstädte von Rom drehen würden. All das war keine Hürde für sie.
RF: Weil es für Vera natürlich auch eine Möglichkeit war, sich einmal von einer anderen Seite zu zeigen. Diese Chance wollte sie nutzen.
TC: Vieles, was mir Vera in unseren Gesprächen erzählt hat, ist dann in mein Drehbuch eingeflossen, zum Beispiel, dass sie sich lieber am Schönheitsideal von Transpersonen orientiert, um zu einer Community dazuzugehören. Oder ihre Erfahrungen mit den Castings. Ich habe dann beim Schreiben überlegt: Wem könnte sie das erzählen, und an welchem Punkt? Denn so arbeiten wir. Das heißt, wir nehmen erst einmal alle Geschichten auf und versuchen dann, die für uns essenziellen Dinge, die eine Person ausmachen, in das Drehbuch einzubauen. Aber wie gesagt, es ist ein langer, langsamer Prozess, damit ich beim Schreiben keine falschen Töne anschlage.
Stellt sich nach diesem langen Prozess der Recherche dann irgendwann das Gefühl ein, jetzt ist es soweit, jetzt haben wir’s?
TC: Wir fühlen uns immer extrem unvorbereitet, bevor wir anfangen zu drehen. Dieses Gefühl, bereit zu sein, kennen wir eigentlich nicht. Es ist einfach irgendwann so weit, weil man ja solche Termine immer lange vorher fixieren muss. Aber natürlich hätten wir noch ewig weiter recherchieren, beobachten oder Leute aus ihrem Umfeld treffen können.
RF: Andererseits ist es, glaube ich, auch immer vom Projekt und von der Hautperson abhängig. Bei anderen Filmen ist man vielleicht näher dran. Hier war es eher schon ein Sprung ins kalte Wasser. Und natürlich spielte auch Corona eine Rolle. Es gab wenig Handlungsspielraum, wir haben die Dreharbeiten zweimal verschieben müssen. Das kam noch hinzu.
Sie haben es bereits angesprochen: Vieles, was Vera sagt, ist herausfordernd und faszinierend zugleich.
TC: Ich finde, dass die Thesen, die sie aufstellt, eine große Lehre sein können, um die Dinge einmal anders zu sehen. Dazu gehört aber auch, zu ergründen, warum sie das sagt. Wie wird eine Person so, wie sie ist? Wenn sie zum Beispiel erzählt, dass es bei ihr zu Hause schlimmer war, dick zu sein als drogenabhängig, versteht man schon einiges über die Prioritäten der Familie Gemma. Oder dass es die Idee der Eltern war, dass sich die beiden Schwestern ihre Nasen operieren lassen. Es ist wichtig, dass man das weiß, dass man die Umstände miteinbezieht.
„Vera“ ist auch ein Film über das Kino. Sie haben sich vorher mit Zirkus, Musik, Theater beschäftigt. War es eine logische Folge Ihrer Arbeit, jetzt eine Person aus der Randzone der Filmindustrie ins Zentrum zu rücken?
RF: Ich denke schon. Der Film ist aus unserer Liebe zum Kino entstanden, vor allem in Rom, wo man das Kino und die kinematografische Geschichte an allen Ecken spürt, weil man quasi von einem legendären Schauplatz zum nächsten stolpert.
TC: Wir haben mit ihr auch sehr viele Szenen mehr gedreht. Wir wollten dem Kino eigentlich noch eine größere Bedeutung beimessen. Sie hatte eine ganz intensive Beziehung mit Sergio Leone. Der einzige Mann, sagt sie, der sie in ihrer Kindheit als talentierten und besonderen Menschen gesehen hat und der ihr eine Rolle geben wollte, kurz bevor er gestorben ist. Außerdem hatte sie eine lange Beziehung mit Franco Citti, der in Pasolinis Accattone und Mamma Roma die Hauptrolle gespielt hat. All diese Dinge haben wir zunächst in den Film miteinbauen wollen. Im Schnitt ist es dann anders gekommen, weil wir das Gefühl hatten, das es von ihr als Person ablenken würde. Wir wollten, dass man sie als Person interessant findet, ohne diesen Überbau, die ganze Vergangenheit und ihre tollen Beziehungen.
Die Spannung zwischen dem Dokumentarischen und dem Fiktionalen, die in Ihren Filmen immer eine große Rolle spielt, ist auch in „Vera“ stets präsent. Wann spielt sie, und wann ist sie sie selbst?
TC: Sie ist schon sehr sie selbst, aber vieles bezieht sich auf die Zeit, die schon eine Weile zurück liegt. Dass sie so erfolglos ist und nach Liebe sucht, das ist heute nicht mehr so. Sie hat sich inzwischen durch diverse Reality-Shows ein bisschen vorgearbeitet, ob man das jetzt gutheißen will oder nicht. Das Drehbuch ist bereits 2016/17 entstanden, seitdem hat sich sehr viel in ihrem Leben getan. Wir sind mit ihr eher wieder einen Schritt zurückgegangen, in die Zeit, als wir sie kennengelernt haben.
RF: Und was sie uns als Darstellerin gegeben hat, da ist sie zu hundert Prozent Vera. Das war auch ihr Anspruch, emotional wiederzugeben, wie sie sich in dieser oder jener speziellen Situation gefühlt hat. Und das ist ja auch das, was wir von unseren Protagonisten und Protagonistinnen verlangen, dass sie versuchen, aus ihrem emotionalen Gedächtnis zu schöpfen.
TC: Und muss man vielleicht noch dazusagen, Vera ist wirklich einmal von einem Verlobten im Hotelzimmer betäubt worden. Und sie hat diese Szene für uns nun nachgespielt, und natürlich haben wir die erste Klappe verwendet, denn es war für sie ein dramatisches Wiedererleben dieser Situation. In solchen Momenten müssen wir unseren Darstellerinnen und Darstellern gar nichts sagen. Sie wissen genau, wie sie sich bewegen und was sie sagen müssen. Das macht für uns das Dokumentarische aus. Wir befinden uns in einer fiktiven Geschichte, aber sie bewegen sich in dieser Fiktion vollkommen authentisch.
Wieviel Wahrheit kann im Kino liegen, das immer eine Form der Inszenierung ist?
TC: Die Wahrheit liegt bei den Menschen. Diese Menschen existieren und sie sind für uns auch in solchen fiktionalen Geschichten wahr, weil sie immer sie selbst sind. Jeder Mensch hat verschiedene Facetten, die man auch im Leben nicht immer alle auf Anhieb erkennt. Und genauso kann man im Kino in zwei Stunden nicht alles zeigen. Uns als Filmemacher hat die Frage interessiert: Wie lebt man im Schatten der Eltern?
RF: Es ist natürlich eine sehr philosophische Frage: Was ist Wahrheit? Vielleicht ist es bei uns auch eher eine Suche nach einer Wahrheit anhand der Wirklichkeit. Wir orientieren uns an der Realität und versuchen, authentisch zu sein, um eine Brücke zu schlagen und uns der Wahrheit anzunähern, die wir natürlich trotzdem nie ganz kennen werden.
