„Good Omens“ – Jon Hamm

Serie | Interview

Zwischen Himmel und Hölle

| Pamela Jahn |
Ein himmlisches Vergnügen: Jon Hamm spielt in der neuen Amazon-Serie „Good Omens“ den aufsichtsführenden Erzengel Gabriel. Ein Gespräch über glückliche Fügungen, nervige Chefs und warum Perfektion im Leben wie im Beruf überbewertet ist.

Ein gutes Omen lässt gern mal auf sich warten. Und einfach zu verfilmen ist es offenbar auch nicht. Zumindest stellte „Good Omens“, der Kultroman von Terry Pratchett und Neil Gaiman, lange eine Herausforderung für jeden dar, der die herrlich skurrile Geschichte von Gut und Böse im gemeinsamen Wettrennen gegen den bevorstehenden Weltuntergang auf die Leinwand bringen wollte. Sogar Terry Gilliam, dem es sonst nichts verquer genug sein kann, biss sich an dem Buch die Zähne aus. Nach Pratchetts Tod im Jahr 2015 nahm Gaiman die Sache schließlich selbst in die Hand und folgte Gilliams Rat, statt einen Film einen hochkarätig besetzten TV-Mehrteiler aus dem Fantasy-Spaß zu machen.

Das Ensemble von Good Omens kann sich sehen lassen: Neben Michael Sheen in der Rolle des sanften Engels Erziraphael und David Tennant als dessen Dämonenfreund Crowley, macht vor allem Jon Hamm als Erzengel Gabriel eine gute Figur. Im Maßanzug, mit stets perfekt sitzender Krawatte ist sein Chef-Engel der Inbegriff von Perfektion, Stil und Arroganz, wodurch er seinem Untertan Erziraphael das göttliche Leben auf Erden noch um einiges schwerer macht als es ohnehin ist. Denn das eigentliche Problem besteht darin, dass Armageddon unmittelbar bevorsteht, was Himmel wie Hölle in Aufruhr versetzt. Weder Erziraphael noch sein teuflischer Kollege Crowley haben Lust darauf, die Welt mitsamt ihrer Glückseligkeiten untergehen zu sehen. Also gilt es, mit allen Mitteln die Katastrophe zu verhindern. Und so fern und schräg die Methoden auch sein mögen, die das ungleiche Paar in seinen Bemühungen anwendet, der Bezug zur aktuellen Lage könnte passender kaum sein.

 


Jon Hamm im Interview

Mister Hamm, was ist so besonders an Neil Gaimans Art, das bevorstehende Ende der Welt zu beschreiben?
Jon Hamm:
Ich habe das Buch zum ersten Mal 1990 gelesen, gleich nachdem es veröffentlicht wurde. Und dass Neil jetzt auch das Drehbuch geschrieben hat, war eine geniale Idee. Was ich an seinem Schreiben so liebe und bewundere, ist, dass er die Sache nicht simplifiziert, um sie dadurch vielleicht einfacher zugänglich zu machen. Nein, er erwartet vom Leser einen gewissen Grad an Intelligenz und ein Grundwissen über die Gesellschaft, in der wir leben. Das macht die Sache für mich spannend. Auch wenn man vielleicht nicht immer alles sofort versteht, dann schaut man es eben im Netz nach oder anderswo. Davon abgesehen schafft Neil es, trotz aller Gegensätze von Himmel und Hölle, Gut und Böse und dem bevorstehenden Weltuntergang dazwischen, die Hoffnung nicht zu verlieren. Weder das Buch noch die Serie zeichnen ein schlichtweg nihilistisches, zynisches Endzeitszenario. Beiden ist genau der Sinn fürs Staunen eingeschrieben, der uns auf dem Weg zum Erwachsenwerden so oft verloren geht. Und ich weiß noch, als ich damals mit Anfang zwanzig dachte, ich wäre einer von den coolen Typen, weil ich mit Gaiman und Pratchett auf einer Wellenlänge lag.

Ist Neil Gaiman auf Sie zugekommen, als es darum ging, die Rolle des Erzengels Gabriel zu besetzen?
Jon Hamm:
Neil und ich haben uns zum ersten Mal 2014 auf einer Party getroffen. Ich war damals, wie gesagt, bereits ein großer Fan und, wie sich herausstellte, beruhte das auf Gegenseitigkeit. Wir haben uns dann eine ganze Weile lang voneinander vorgeschwärmt, aber das war‘s. Ich steckte damals mitten in den Dreharbeiten zu einem Film und dachte mir nichts weiter dabei. Dann bekam ich ein paar Wochen später ein Mail von Neil, in dem er mich fragte, ob ich nicht vielleicht Lust hätte, einen Engel zu spielen. Daraufhin habe ich sofort zugesagt. Ich hätte alles gespielt, egal ob Engel oder Teufel. Allerdings hatte ich zu dem Zeitpunkt noch einige andere Engagements und Neil war besorgt, dass es terminlich eng werden würde. Mir dagegen war das alles egal. Ich wollte mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen und hätte alles getan, um Teil von Neils Welt zu sein.

Hat es etwas Befreiendes, einen so nervigen, fiesen Boss zu spielen? Gab es Vorgesetzte in Ihrer eigenen Vergangenheit, an denen Sie sich orientieren konnten?
Jon Hamm:
Ich wette es gibt es paar Leute die sagen werden, moment mal, den Typen kenne ich doch. (Lacht.)

Würden Sie sagen, Ihre Version des Erzengels Gabriel hat mehr mit Don Draper in Mad Men gemeinsam als mit einem himmlischen Gesandten?
Jon Hamm:
Da mag was dran sein. Im Grunde geht es nicht so sehr darum, einen Engel zu spielen, als darum, eine Idee von Perfektion zu verkörpern, die ganz klar ihre Macken hat und nicht tadellos ist. In diesem Sinn lassen sich sicherlich Überschneidungen von Don Draper und Gabriel finden.

Wie perfektionistisch sind Sie denn privat?
Jon Hamm:
Gar nicht. Und ich persönlich lege eher wenig Wert auf Äußeres. Glauben Sie mir, wenn ich nicht jemanden hätte, der mir die Haare zurecht macht und mich in Schale wirft, damit ich einigermaßen repräsentabel zum Interview erscheine, dann würde ich hier ganz anders vor Ihnen sitzen. Und zwar frei nach dem Motto: What you see is what you get. Ich mache mir nichts aus Perfektion.

Auch nicht im Beruf?
Jon Hamm:
Ich will gut sein. Richtig gut. Aber diese Vorstellung von Perfektion, die so viele Menschen anstreben, die gibt es nicht. Immer wenn man glaubt, jetzt hat man den Dreh bei einer Rolle endlich raus, dann fällt die letzte Klappe und der Film ist im Kasten. Das war‘s. Da gibt es kein zurück und noch mal was ändern, nur weil man plötzlich eine Idee hat, wie man es hätte besser machen können. Und ich glaube, das ist auch eine der großen Stärken von Good Omens. Die Serie schafft es, ein Gefühl dafür zu vermitteln, dass weder das perfekt Gute noch das perfekt Böse erstrebenswerte Positionen sind. Wirklich Spaß macht‘s nur in der Mitte und im Miteinander. Und da bin auch ich am liebsten.

Das Buch ist vor fast dreißig Jahren erschienen, wirkt heute aber aktueller denn je.
Jon Hamm:
Absolut. Man muss sich nur anschauen, wo wir politisch hingekommen sind und wie polarisiert unsere Welt heute ist. Da ist die extreme Rechte und die extreme Linke, und dazwischen herrscht Chaos. Und eines haben Neil und Terry bereits vor langer Zeit begriffen, nämlich dass der Ärger genau dann anfängt, wenn die einander gegenüberstehenden Lager nicht mehr miteinander kommunizieren. Dann ist es kein Wunder, wenn die Welt irgendwann untergeht, denn allein darauf kommt es an. Dass man miteinander redet und dem anderen zuhört. Wenn das wegbricht, wenn alle nur noch stur und mit Scheuklappen nach vorn preschen, dann wird‘s gefährlich.

 Sie sind privat ein leidenschaftlicher Leser. Können Sie eigentlich noch Bücher lesen, ohne sich sofort vorzustellen, wie das Ganze eventuell auf der Leinwand aussehen könnte, welchen Part Sie vielleicht spielen würden und wer die Geschichte verfilmen sollte?
Jon Hamm:
Nein, das habe ich schon als Kind nicht gekonnt. Ich weiß noch, wie das war, als ich To Kill a Mockingbird zum ersten gelesen habe. Ich muss vierzehn oder fünfzehn gewesen sein, und alles, woran ich denken konnte, war: Ich will Atticus Finch sein. Mit vierzehn wohlgemerkt. Natürlich hat das in erster Linie damit zu tun, dass man als Schauspieler diesen inneren Drang verspürt, eine andere Person und gleichzeitig sich selbst darzustellen. Ich könnte jetzt ganz weit ausholen und zu einem philosophisch-psychologischen Diskurs darüber ansetzen. Aber keine Sorge. Worauf es hinausläuft, ist, dass wir Aufmerksamkeit wollen, ob positiv oder negativ. Und wenn man als Schauspieler einen Roman liest und sich denkt, Mensch, das wäre ein toller Film, dann gibt man sich natürlich auch automatisch die beste Rolle im Kopf. Nun habe ich keinerlei Ambitionen, ins Produzentenfach zu wechseln und solche Ideen weiterzuverfolgen. Aber trotzdem, der Gedanke ist beim Lesen immer da.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass so viele TV-Serien, die in den letzten Jahren erschienen sind, wie etwa Lucifer oder The Good Place, im Himmel oder in der Hölle spielen?
Jon Hamm:
Gute Frage. Es scheint dem Zeitgeist zu entsprechen. Und ich denke tatsächlich, dass es damit zu tun hat, dass unsere Welt sich so polarisiert hat. Es scheint fast so, als müsse man sich automatisch auf eine der beiden Seiten stellen, dabei ist das natürlich völliger Quatsch. Aber im Fernsehen oder auch im Kino kann es Spaß machen, mit der Idee zu spielen – vor allem The Good Place gelingt das besonders gut. Im Grunde kommt aber auch dort alles auf den gleichen Nenner zurück, nämlich dass nichts und niemand perfekt ist, nicht mal im Himmel. Wir alle machen Fehler, wir geben unser Bestes und trotzdem scheitern wir. Man wurschtelt sich eben so durch. Das ist die herrliche Unberechenbarkeit des Lebens, und sie basiert auf der Einsicht, dass selbst Engel wie die Menschen fehlbar sind, im Himmel wie auf Erden.