Wie kam es zu Ihrem Film?
Schon lange wollte ich einen Dokumentarfilm über den Maler Liu Xiaodong machen, weil ich finde, dass er die Einstellung der heutigen jungen Chinesen sehr gut verdeutlicht. [Der Film, Dong, wurde 2006 fertig gestellt.] Da Liu in den Drei Schluchten malen wollte, folgte ich ihm dorthin. Als ich das erste Mal in den Drei Schluchten war, überkam mich das Gefühl, hier würden durch den Bau des Staudamms mehr als 2000 Jahre Geschichte begraben, und mir tat das Herz weh. Es gibt so viele Gedichte über dieses Gebiet, die Legenden der Drei Königreiche usw. Der Ort Fengjie, um den es im Film geht, lag am Yangzi-Fluss in der Provinz Sichuan, gleich nördlich des Drei-Schluchten-Dammes. Er stand zum Teil noch, und die Menschen kamen mir vor wie Außerirdische. Ich wollte mit einem Film über die Drei Schluchten gleichzeitig die Geschichte des chinesischen Volkes beschreiben.
Sie sagten „wie Außerirdische“?
Ja, deshalb kommt auch das UFO im Film vor, und die paar surrealistischen Szenen, um auszudrücken, dass die Entwicklungen über unsere Vorstellung hinausgehen. Die Veränderungen gehen zu schnell vor sich.
Warum sind die Menschen in Ihrem Film so ruhig, fast phlegmatisch?
Mehr als zehn Millionen Menschen haben das Gebiet schon verlassen, das ist eine Tatsache. Die Menschen stehen vor einer Wahl und ich zeige, wie der Einzelne sich dem Schicksal stellt. Meine Darstellung ist sehr realistisch, die Chinesen haben viel Leid ertragen, auch mit Humor. Durch die Kulturrevolution mussten Menschen zusammenbleiben, die sich nicht liebten. Sanming [die männliche Hauptfigur im Film] musste eine Frau kaufen, er arbeitet in den Kohlengruben in der Provinz Shanxi, dahin kommen Frauen nicht freiwillig. Jetzt ist das anders, Frauen sind viel selbstständiger geworden. So trifft die Frau im Film ihre eigene Entscheidung. Ich sehe das als Fortschritt, es entwickelt sich ein neues Verständnis von der Frau in China. Neben den wirtschaftlichen Veränderungen gibt es auch viele gesellschaftliche.
Was verbindet die beiden Hauptfiguren des Films, außer dass sie jeweils ihre/n Ehepartner/in suchen?
Beide haben Probleme aus ihrer Vergangenheit, die sie jetzt lösen müssen. China hat auch Probleme aus seiner Vergangenheit – aber China will sich dem nicht stellen. Wenn man sie jedoch nicht löst, werden immer größere Probleme entstehen. Ich habe den Eindruck, dass Eltern in China ihren Kindern nicht viel oder nichts von der jüngeren Geschichte erzählen. Die Kinder glauben ihnen auch nicht. Was die Kulturrevolution und den 4. Juni 1989 angeht, da wissen die Jungen heute nur ungefähr, was passiert ist, aber sie können sich nichts darunter vorstellen. Es ist auch nicht wirklich erlaubt, das darzustellen. Der Regieassistent von Still Life z. B. ist 1989 geboren – er hat keine Ahnung von den damaligen Geschehnissen. Dieser Umstand ist für ein Land gefährlich, weil er eine Wiederholung möglich macht. Wir haben unsere Geschichte nicht in „Reichtum“ umgewandelt.
Die Chinesen, wie auch im Film dargestellt, verhalten sich den Veränderungen gegenüber passiv. Zum Höhepunkt des Staudamm-Baues waren bis zu 250 Journalisten täglich in den Drei Schluchten, jetzt ist das Gebiet wieder in Stille versunken. Seit Oktober 2006 ist der gefilmte Ort unter Wasser.
Der Film ist langsam und wortkarg, obwohl ich natürlich weiß, dass Actionfilme viel beliebter sind. Aber ich will ein wirkliches Verstehen ermöglichen. Dazu muss man schweigen können. Die weitaus komplexeren Geschichten spielen sich ja im Hintergrund ab.
Woran arbeiten Sie zurzeit?
Mein neuester Film heißt Useless [er wurde bei den Filmfestspielen in Venedig gezeigt]. Das ist eine Dokumentation über die chinesische Modedesignerin Ma Ke. Es interessiert mich die Verbindung zwischen Mode bzw. Kleidung und dem Menschen. Das nächste Projekt ist ein Spielfilm namens The Age of Tattoo.
Sie sind in der letzten Zeit immer wieder durch scharfe Kritik an den prominenten Regisseuren der Fünften Generation in die Medien gekommen. Worin besteht Ihre Kritik?
Diese Generation hat ihre unabhängige Einstellung zur Kunst verloren, sie unterwerfen sich den Financiers, der Werbung, kurz dem Geld.
Wie kann man jungen Regisseuren in China helfen?
Meine kleine Firma wird heuer zum ersten Mal einen Talent-Campus in Shanxi organisieren, das ist ein Forum vorwiegend zur Aus- und Fortbildung von jungen Regisseuren. Auch unterstütze ich kleine Filmprojekte junger Regisseure finanziell, z.B. Walking on the Wild Side von Han Jie.
Das Interview fand im Juli 2007 beim Shanghai International Film Festival statt.
Wie kam es zu Ihrem Film?
Schon lange wollte ich einen Dokumentarfilm über den Maler Liu Xiaodong machen, weil ich finde, dass er die Einstellung der heutigen jungen Chinesen sehr gut verdeutlicht. [Der Film, Dong, wurde 2006 fertig gestellt.] Da Liu in den Drei Schluchten malen wollte, folgte ich ihm dorthin. Als ich das erste Mal in den Drei Schluchten war, überkam mich das Gefühl, hier würden durch den Bau des Staudamms mehr als 2000 Jahre Geschichte begraben, und mir tat das Herz weh. Es gibt so viele Gedichte über dieses Gebiet, die Legenden der Drei Königreiche usw. Der Ort Fengjie, um den es im Film geht, lag am Yangzi-Fluss in der Provinz Sichuan, gleich nördlich des Drei-Schluchten-Dammes. Er stand zum Teil noch, und die Menschen kamen mir vor wie Außerirdische. Ich wollte mit einem Film über die Drei Schluchten gleichzeitig die Geschichte des chinesischen Volkes beschreiben.
Sie sagten „wie Außerirdische“?
Ja, deshalb kommt auch das UFO im Film vor, und die paar surrealistischen Szenen, um auszudrücken, dass die Entwicklungen über unsere Vorstellung hinausgehen. Die Veränderungen gehen zu schnell vor sich.
Warum sind die Menschen in Ihrem Film so ruhig, fast phlegmatisch?
Mehr als zehn Millionen Menschen haben das Gebiet schon verlassen, das ist eine Tatsache. Die Menschen stehen vor einer Wahl und ich zeige, wie der Einzelne sich dem Schicksal stellt. Meine Darstellung ist sehr realistisch, die Chinesen haben viel Leid ertragen, auch mit Humor. Durch die Kulturrevolution mussten Menschen zusammenbleiben, die sich nicht liebten. Sanming [die männliche Hauptfigur im Film] musste eine Frau kaufen, er arbeitet in den Kohlengruben in der Provinz Shanxi, dahin kommen Frauen nicht freiwillig. Jetzt ist das anders, Frauen sind viel selbstständiger geworden. So trifft die Frau im Film ihre eigene Entscheidung. Ich sehe das als Fortschritt, es entwickelt sich ein neues Verständnis von der Frau in China. Neben den wirtschaftlichen Veränderungen gibt es auch viele gesellschaftliche.
Was verbindet die beiden Hauptfiguren des Films, außer dass sie jeweils ihre/n Ehepartner/in suchen?
Beide haben Probleme aus ihrer Vergangenheit, die sie jetzt lösen müssen. China hat auch Probleme aus seiner Vergangenheit – aber China will sich dem nicht stellen. Wenn man sie jedoch nicht löst, werden immer größere Probleme entstehen. Ich habe den Eindruck, dass Eltern in China ihren Kindern nicht viel oder nichts von der jüngeren Geschichte erzählen. Die Kinder glauben ihnen auch nicht. Was die Kulturrevolution und den 4. Juni 1989 angeht, da wissen die Jungen heute nur ungefähr, was passiert ist, aber sie können sich nichts darunter vorstellen. Es ist auch nicht wirklich erlaubt, das darzustellen. Der Regieassistent von Still Life z. B. ist 1989 geboren – er hat keine Ahnung von den damaligen Geschehnissen. Dieser Umstand ist für ein Land gefährlich, weil er eine Wiederholung möglich macht. Wir haben unsere Geschichte nicht in „Reichtum“ umgewandelt.
Die Chinesen, wie auch im Film dargestellt, verhalten sich den Veränderungen gegenüber passiv. Zum Höhepunkt des Staudamm-Baues waren bis zu 250 Journalisten täglich in den Drei Schluchten, jetzt ist das Gebiet wieder in Stille versunken. Seit Oktober 2006 ist der gefilmte Ort unter Wasser.
Der Film ist langsam und wortkarg, obwohl ich natürlich weiß, dass Actionfilme viel beliebter sind. Aber ich will ein wirkliches Verstehen ermöglichen. Dazu muss man schweigen können. Die weitaus komplexeren Geschichten spielen sich ja im Hintergrund ab.
Woran arbeiten Sie zurzeit?
Mein neuester Film heißt Useless [er wurde bei den Filmfestspielen in Venedig gezeigt]. Das ist eine Dokumentation über die chinesische Modedesignerin Ma Ke. Es interessiert mich die Verbindung zwischen Mode bzw. Kleidung und dem Menschen. Das nächste Projekt ist ein Spielfilm namens The Age of Tattoo.
Sie sind in der letzten Zeit immer wieder durch scharfe Kritik an den prominenten Regisseuren der Fünften Generation in die Medien gekommen. Worin besteht Ihre Kritik?
Diese Generation hat ihre unabhängige Einstellung zur Kunst verloren, sie unterwerfen sich den Financiers, der Werbung, kurz dem Geld.
Wie kann man jungen Regisseuren in China helfen?
Meine kleine Firma wird heuer zum ersten Mal einen Talent-Campus in Shanxi organisieren, das ist ein Forum vorwiegend zur Aus- und Fortbildung von jungen Regisseuren. Auch unterstütze ich kleine Filmprojekte junger Regisseure finanziell, z.B. Walking on the Wild Side von Han Jie.
Das Interview fand im Juli 2007 beim Shanghai International Film Festival statt.
