Matt Damon – Suburbicon
Julianne Moore und Matt Damon in "Suburbicon"

Matt Damon | Suburbicon

Unter Handwerkern

| Thomas Abeltshauser |

Matt Damon, einer der Top-Stars des Filmbusiness, über Hollywood als Spiegel der Gesellschaft, berufliche Herausforderungen, die Arbeit mit George Clooney und über die Organisation seines Familienlebens.

Matt Damon ist auch nach 20 Jahren in der Filmbranche noch immer einer der größten Stars in Hollywood, der sich auch längst als Produzent von Filmen wie Manchester by the Sea und Promised Land einen Namen gemacht hat. Als Agent Jason Bourne und als Teil der Ocean’s-Reihe prägte er das Blockbusterkino der Nuller Jahre maßgeblich mit. Mit seinem Jugendfreund Ben Affleck schrieb er das Drehbuch zu Good Will Hunting, wofür die beiden 1997 mit dem Oscar ausgezeichnet wurden. Eine besondere Freundschaft pflegt der 47-Jährige auch zu George Clooney, mit dem er sowohl vor als auch hinter der Kamera zusammenarbeitete. In Clooneys neuester, nunmehr sechster Regiearbeit Suburbicon über die scheinbar heile Welt einer US-Vorortsiedlung in den fünfziger Jahren, die von Familiendramen und offenem Rassismus erschüttert wird, spielt Matt Damon einen bieder-teigigen Mittelstandsfamilienvater, dessen beschauliches Leben durch den Einbruch zweier Gangster in sein Haus völlig aus den Fugen gerät.

Würden Sie zustimmen, wenn man Ihren neuen Film „Suburbicon“ als eine sehr düstere Satire über den Rassismus in den Vereinigten Staaten beschreibt?
Matt Damon:
Ich will gar nicht zu spezifisch werden, weil jeder Zuschauer seine eigene Erklärung findet, und die sind oft interessanter, als was ich über den Film und seine Bedeutung denke. Aber es ist natürlich erstaunlich, wie relevant sich Suburbicon in diesen Monaten anfühlt. Dabei stammt das Drehbuch von Ethan and Joel Coen aus den achtziger Jahren, sie haben es direkt nach Blood Simple geschrieben. Und es finden sich die typischen Coen-Elemente: die beiden Gangster, die ganz ähnlich in Fargo auftauchen, ein Protagonist, der verzweifelt versucht, die Situation unter Kontrolle zu bekommen…

Die politische Dimension haben dann aber sicher Regisseur George Clooney und sein Ko-Autor Grant Heslov hineingebracht, um das derzeitige politische Klima in den USA zu reflektieren?
Matt Damon: Das müssten Sie die beiden fragen, ich habe das Originaldrehbuch nie gelesen. Aber Filme sagen immer auch etwas über die Zeit aus, in der sie entstehen, ob sehr deutlich oder auch verklausuliert. Hollywood hält der Gesellschaft den Spiegel vor, das sehe ich als unseren Job. Die Filme, die während der Bush-Ära ins Kino kamen, waren ganz andere als die während der Präsidentschaft von Obama. Und die Filme jetzt sind eben eine Reaktion auf Trump, Populismus und den Rechtsruck. Aber das Erstaunliche ist, dass Suburbicon lange vor den Unruhen in Charlottesville und dem Sieg Trumps geschrieben wurden, auch die Fassung von George und Grant. Und plötzlich fühlen sie sich hochaktuell an und wir sehen Parallelen. Wir können gar nicht anders.

Sie sind seit Jahren eng mit George Clooney befreundet. Wie ist es, mit ihm zu arbeiten?
Matt Damon: Ich hasse es! Aber er hat ein paar kompromittierende Fotos von mir, die nie an die Öffentlichkeit gelangen dürfen. Er hat mich in der Hand, ich komme aus der Nummer nicht raus. Aber im Ernst: Wir arbeiten jetzt so lange zusammen, dass wir meist schon wissen, was der andere sagen wird, bevor er es getan hat. Wir diskutieren nicht über das Thema des Films oder den Zustand der amerikanischen Gesellschaft, wir sind eher wie Schuhmacher, wir geben uns handwerkliche Ratschläge: hier ein Schnitt, da ein Übergang, dort mehr Tempo. Wir haben unsere Shortcuts, das ist alles sehr entspannt und easy-going.

In einer Szene drohen Sie ihrem 12-jährigen Filmsohn sehr brutal Gewalt an. Fällt es Ihnen schwer, solche Szenen zu spielen?
Matt Damon: Die Szene ist wirklich ziemlich abgefuckt. Aber Noah Jupe, der junge Bursche, war großartig. Ich habe schon mit vielen Kinderdarstellern gespielt, meist sind die Eltern mit dabei, und oft merkt man, dass die Kinder gar nicht hier sein wollen, sondern lieber draußen rumtollen. Aber Noah ist ein richtiger Schauspieler. Er liebt es und ist phänomenal darin. Ich versuche in solchen Momenten, zwischen Takes Scherze zu machen, um die Stimmung ein wenig aufzuheitern. Aber ich erfuhr am nächsten Tag, dass er nach Drehschluss in seinem Trailer weinte, weil ihn die Szene doch mehr mitgenommen hatte, als ich dachte. Da George noch nicht zufrieden war, hat er seine verstörte Reaktion auf meinen Monolog gedreht, als ich schon weg war und zeigte mir die Aufnahmen am nächsten Tag. Er weint und ist voller Panik, großartig gespielt. Und dann hört man George von hinter der Kamera: „Super, jetzt haben wir’s!“, und Noah gibt ihm stolz und übers ganze Gesicht strahlend einen High Five. Er ist ein echter Profi.

Sie sind selbst Vater von vier Töchtern. Wie würden Sie reagieren, wenn eine von ihnen Schauspielerin werden will?
Matt Damon: Wahrscheinlich sehr ähnlich wie meine Eltern damals. Ich habe viel Schultheater gespielt, sie haben mir alles erlaubt, aber keiner hat mir dabei geholfen. Und das war gut so. Als ich mit 16 Jahren nach New York ging, musste ich das ganz alleine schaffen und selbst finanzieren. Meine Eltern machten sich große Sorgen, weil ich nicht aufs College ging, und darüber, ob ich jemals einen Job bekommen würde. Sie rieten mir, weiter nebenbei ein bisschen Theater zu spielen, aber ich wollte es zu meinem Beruf machen und auf die Leinwand. Und es dauerte, bis ich 19 war, dass ich meine erste größere Rolle in Rising Son spielte. Und diese drei Jahre musste ich mich durchbeißen. Wenn jetzt eine meiner Töchter zu mir käme, würde ich sagen: Mach bei der Theatergruppe deiner Schule mit, nimm vielleicht auch Schauspielunterricht. Aber es ist ein brutaler Beruf, und man muss das wirklich wollen. Wenn mich Leute fragen, ob sie Schauspieler werden sollen, sage ich Nein. Weil mir auch jeder Nein gesagt hat. Und wenn meine Meinung deine Entscheidung beeinflusst und dich zweifeln lässt, dann solltest du es nicht tun. Wenn du wirklich Schauspieler werden willst, würdest du mit einem herzlichen „Fuck You!“ reagieren.

Sie sind ein sehr physischer Schauspieler. In Filmen wie der „Bourne“-Reihe sind Sie extrem gut trainiert, für Ihre Rollen in „Suburbicon“ und für die ebenfalls demnächst startende Science-Fiction-Satire „Downsizing“ von Alexander Payne haben Sie sich etliche Kilos angefuttert. Wie wichtig sind diese Transformationen für Ihre Arbeit?
Matt Damon: Als ich Alexander Payne für Downsizing traf, sagte er mir, dass er mich gut findet, weil ich nicht wie der perfekte Filmstar aussehe und er genau so einen Durchschnittstypen brauchte. Kein Problem, meinte ich. Aber dann kam noch der letzte Bourne dazwischen, und ich war entsprechend aufgepumpt. Da bekam Alexander Panik und schickte mir Textnachrichten wie: „Ich hoffe, du isst gerade Pasta mit Marshmellows! Wir fangen in einem Monat an zu drehen!“ Für den ersten Teil des Films habe ich dann tatsächlich einen kleinen Fettanzug getragen, die Pölsterchen hätte ich sonst nicht geschafft. Für Suburbicon habe ich dann sogar noch mehr Gewicht zugelegt. Macht es mir Spaß? Kommt darauf an. Zu essen, was ich will, ist natürlich toll. Aber es ist die Hölle, jeden Tag vier Stunden im Fitnessstudio zu trainieren und ständig Hunger zu haben, um den Körper für Jason Bourne zu bekommen.

Ist diese Reihe nun wirklich abgeschlossen?
Matt Damon: Wer weiß? Mit allem, was gerade in der Welt passiert, gibt es vielleicht einen guten Grund, ihn nochmal auf Einsatz zu schicken. Die ersten drei Teile zwischen 2002 und 2007 waren eine sehr offene Reaktion auf die Bush-Präsidentschaft. Wäre die letzte Wahl anders verlaufen, würde ich sagen, das war’s. Aber so? Gut möglich, dass es noch etwas zu erzählen gibt.

Sie sind einer der bestbezahlten Schauspieler in Hollywood, scheinen aber oft Projekte zu wählen, die Ihnen auch persönlich etwas bedeuten. Ist das auch der Grund, vermehrt hinter der Kamera zu arbeiten?
Matt Damon: Ich sollte bereits zwei Filme als Regisseur inszenieren, die ich dann doch wieder abgegeben habe. Promised Land über Fracking hat dann Gus Van Sant gedreht, und bei Manchester by the Sea habe ich als Produzent ursprünglich Kenneth Lonergan „nur“ mit dem Drehbuch beauftragt. Aber dann war das Buch so gut, dass ich wusste, er muss das selbst inszenieren. Ich will nach wie vor selbst Regie führen, aber momentan habe ich keinen Stoff, der mich begeistert. Aber ich liebe es zu produzieren, ein Projekt wie Manchester by the Sea auf die Beine zu stellen, macht mich stolz. Es ist sehr erfüllend, Talente zu finden und ihnen dabei zu helfen, ihre Visionen zu realisieren. Kenneth zum Beispiel war in Hollywood abgeschrieben, weil er 2011 mit Margaret einen Flop geliefert hatte. Dabei ist er immer noch dasselbe Genie wie vor 17 Jahren bei You Can Count on Me. Aber so etwas vergisst Hollywood schnell, und es war toll, dass er alle daran erinnern konnte, wie gut er ist.

Sie haben zusammen mit Ben Affleck einen Oscar für das beste Drehbuch zu „Good Will Hunting“ erhalten. Gibt es Pläne, wieder selbst zu schreiben?
Matt Damon: Das Gute damals war, dass wir arbeitslose Schauspieler waren und keine Deadline hatten. Niemand wartete auf unser Skript, es interessierte einfach niemanden. Ben war 20, ich war 22 und wir hatten nichts Besseres zu tun. Wir sind einfach aufgestanden, wann wir wollten, haben Kaffee gemacht und angefangen zu schreiben. Das ist heute viel komplizierter, wir haben volle Terminkalender und Familienleben, wir müssten sehr viel effizienter und planmäßiger arbeiten. Die größte Herausforderung wäre die Logistik, aber ich würde sehr gerne wieder mit Ben schreiben. Das war eine der besten Zeiten meines Lebens, wir haben viel gelacht damals. Stoffe entwickeln und Drehbücher schreiben ist für mich ein sehr soziales Experiment, ich könnte nie alleine an einem Schreibtisch sitzen und mir etwas ausdenken.

Vermissen Sie diese Zeiten?
Matt Damon: Tun wir das nicht alle? Wenn man jung ist und sehr viel weniger Verantwortung hat, auch mal Fehler machen darf. Heute sind wir erwachsen und es wird erwartet, dass wir es besser wissen. Ich habe eine gewisse Sehnsucht nach dieser Phase, aber ich bin auch sehr glücklich mit der Richtung, die mein Leben genommen hat. Ich bereue nicht, keine 22 mehr zu sein.

Was erfüllt Sie an Ihrem Beruf am meisten?
Matt Damon: Ich würde da ungern wählen müssen. Natürlich gab und gibt es in meiner Karriere Hochs und Tiefs, aber ich liebe meinen Beruf und bin sehr froh, dass ich ihn ausüben kann. Denn es ist eine brutale Branche mit hartem Konkurrenzdenken. Ich hatte viel Glück. Auch in meinem Privatleben mit meiner Familie und meinen Freunden.

Ist es schwierig, da die Balance zu finden?
Matt Damon: In den letzten paar Jahren habe ich fünf Filme hintereinander gedreht, ohne Unterbrechung. Der Marsianer, The Great Wall, Jason Bourne, Downsizing und Suburbicon. Ich erinnere mich, als wir gerade Bourne in London drehten, bekam ich eine Mail von George, dass er ein Projekt in Atlanta plant. Ich schrieb zurück, du weißt, ich würde mich eher waterboarden lassen, als einen Film mit dir auslassen, aber ich kann nicht. Ich habe gerade zwei Jahre am Stück gedreht, ein Großteil davon in Asien und Europa. Ich muss zu meiner Familie. Eine halbe Stunde später kam seine Antwort: Und wenn wir in L.A. drehen? Meine Frau sah die Nachricht und meinte nur: Das musst du machen!

Nehmen Sie ihre Familie oft mit zu Dreharbeiten?
Matt Damon: Wir haben eine Zwei-Wochen-Regel, länger können wir nicht getrennt sein. Aber ich versuche, sie dafür nicht aus der Schule zu nehmen. Bei Der Marsianer teilte Ridley Scott den Drehplan so ein, dass ich zwischendurch immer von Budapest nach L.A. fliegen konnte. Aber wenn sie Schulferien haben, kommen sie auch mal für längere Zeit. Bei The Great Wall war es anders, weil wir dafür fünf Monate in China drehten. Da setzten wir uns dann als Familie zusammen und entscheiden, wie wir das anstellen. Aber sie wussten, dass ich seit 25 Jahren mit Zhang Yimou arbeiten wollte und dass das hier die einmalige Chance war. Also gaben sie mir das OK.