Miniserie | Sky

Szenen einer Ehe

| Pamela Jahn |
Hagai Levi beweist in seinem Remake von Ingmar Bergmans Klassiker Mut zum Scheitern und macht dabei gutes Fernsehen.

Wer es mit Ingmar Bergman aufnimmt, der muss mit den Gefahren leben. Immerhin gilt Szenen einer Ehe, die Miniserie von 1973, in der Liv Ullmann und Erland Josephson unter der Regie des schwedischen Genies das Scheitern einer Beziehung als sechsteilige Versuchsanordnung exerzieren, nicht umsonst als Meilenstein der Filmgeschichte. Sein intimes, fast schon voyeuristisches Porträt einer sich im Prozess der Destruktion befindlichen Liebe hat über die Jahre mit Werken wie Richard Linklaters Before-Trilogie oder unlängst Noah Baumbachs Marriage Story unzählige Variationen sowohl im Kino als auch Fernsehen hervorgebracht, ganz zu schweigen von den unzähligen Theaterproduktionen, die seit der erstmals 1981 von Bergman selbst inszenierten Bühnenadaptionen weltweit kursieren. Doch hat bisher niemand ein so eindeutiges, unverkennbares Remake gewagt wie jetzt Hagai Levi, dessen aktuelle Neuverfilmung für HBO zeigt, warum das seine Gründe hat.

Dabei macht sich der israelische Regisseur mit besten Absichten daran, ausgehend von Bergmans Original einen neuen Zugang zum Material, einen neuen Rhythmus im Drama zu finden, der den heute zwar noch immer aktuellen, jedoch längst nicht mehr revolutionären Stoff für die Gegenwart relevant und reizvoll macht. Und bis zu einem gewissen Grad gelingt ihm das auch, nicht zuletzt dank seiner hervorragenden Besetzung. Dennoch scheint es streckenweise immer wieder so, als müssten sich auch Jessica Chastain und Oscar Isaac angesichts eines beinahe überbordenden Respekts für Bergmans Klassiker zunehmend Mut antrinken – erst mit Wein, dann mit Wodka, und schließlich mit allem, was ihnen in die Hände kommt.

Natürlich sind es vordergründig ihren Figuren, die im Verlauf der Handlung immer öfter, immer verzweifelter zum Glas greifen, je mehr ihre Ehe in Scherben liegt. Und das Unglück lässt sich bereits ahnen, als Jonathan und Mira, wie einst Johan und Marianne, zu Beginn auf dem Sofa sitzen und einer dritten Person Rede und Antwort stehen. Die junge Frau, in Levis Neufassung eine Psychologiestudentin, die sie aus Forschungszwecken zum Gespräch gebeten hat, versucht in der Eingangsszene zu ergründen, worin das Geheimnis moderner Ehen besteht, in denen die Frau das Geld nach Hause bringt, während der Mann sich neben seinem Beruf zudem um Haushalt und Nachwuchs kümmert. Und Jonathan, Philosophieprofessor an der Tufts University, macht sich daran, es ihr zu erklären, während Mira, die sich in einer Tech-Firma in die Chefetage hochgearbeitet hat, immer wieder nach den passenden Worten kramt.

Wie bei Bergman ist es zunächst der Mann, der die Antworten parat hat. Aber es ist bereits hier die grundlegende Änderung zu angelegt, die sich im Drehbuch alsbald Bahn brechen soll: Gemeint ist die Umkehrung, und zwar nicht nur, was die Stellung der Frau in der Ehe betrifft, sondern gleich die absolute Reversion. Denn es ist in Levis Scenes from a Marriage schließlich nicht der Mann, der die Frau betrügt und sitzenlässt, sondern umgedreht. Diese Überarbeitung ermöglicht nicht nur neue, bisweilen anregende Denkräume in der Interpretation, sondern gibt den beiden Hauptdarstellern nach ihrem phänomenalen Zusammenspiel in J. C. Chandors A Most Violent Year eine hervorragende Möglichkeit, einmal mehr zu beweisen, dass sie gemeinsam großes, emotionsgeladenes Kino zu erreichen im Stande sind, egal ob auf der Leinwand oder im Kleinbildformat.

Indes geht es Levi vor allem um Identität. Die Partner versuchen, sich selbst zu finden, streiten, kämpfen, schreien und verzweifeln schließlich an der Tatsache, dass ihre Vorstellung von der perfekten Beziehung nicht der Realität entspricht und ihre auf ewig geschworene Liebe keinem Härtetest standhält, ja nicht einmal einen kleinen Windstoß verträgt. Und so geht der Verfall, die Zerstückelung, die Demontage alles Gewesenen, alles Guten und Schönen seinen unaufhaltsamen Gang. Wem in diesem schmerzlichen Ringen um das eigene Ich letztendlich die stärkeren Sympathien des Publikums gelten, wechselt im Verlauf der einzelnen Episoden, so wie auch die Perspektive der Kamera, die zum Auftakt jeweils einen kurzen Blick hinter die Kulissen wirft, mal Chastain im Nacken sitzt, mal Isaac beobachtet, wie er sich für die nächste Szene positioniert, bevor die Klappe fällt und die „Action“ beginnt.

Einerseits schafft es Jonathan, dass man ihm die Rolle des treuen, gebrochenen Ehemanns abnimmt, der sich einfach und schlussendlich nach klaren Verhältnissen sehnt, anstatt im ewigen Limbo zu verharren. Anderseits ist es Mira, die bei aller Karrieresucht und Egozentrik ihre ganze innere Einsamkeit vor Jonathan (und damit vor dem Publikum) ausschüttet, die tief im Inneren an ihrer gebrochenen Seele frisst. Ihr gegenseitiges emotionales Tauziehen und Bloßstellen bis auf die Knochen wirkt noch einmal um so intensiver und durchdringender, wenn man weiß, dass die beiden Schauspieler auch privat eng befreundet und überhaupt von der gleichen Schule sind, was diese modernen, oder besser: modernisierten Szenen einer Ehe über weite Strecken allein aufgrund der persönlichen Vertrautheit und professionellen Kunstfertigkeit der ihnen vorstehenden Hollywood-Stars zu einem besonders spannenden Fernsehereignis macht.

Trotzdem lässt sich zu keinem Zeitpunkt in Levis Fünfteiler leugnen, dass sein Remake, so frisch und aufgeschlossen es sein will, es letztlich nicht ist, vielleicht niemals sein kann, weil Bergmans Schatten immer wieder zu gewaltig, zu allgegenwärtig über den Figuren schwebt. Es ist eine Gefahr, mit der man als ambitionierter Regisseur leben muss. Der schwedische Meister jedenfalls drehte mit Sarabande im Jahr 2003 noch eine Fortsetzung seiner Szenen einer Ehe, in der erneut Ullmann und Josephson die Hauptrollen übernahmen. Ob es zwischen Levi, Chastain und Isaac zu einer ähnlichen Wiederbegegnung kommt, ist bisher nicht zu vermuten, aber auch ausgeschlossen ist es nicht. Das Risiko zu scheitern – ob beruflich oder privat – bleibt einstweilen immanent.