Nach Donald Ray Pollocks Roman: Archaisches aus dem Ohio der sechziger Jahre, wo Religion und Scheinheiligkeit das Leben dominieren und man Konflikte unter Männern noch mit den Fäusten regelt.
Es ist eine Gegend, in der man nicht tot über den Zaun hängen möchte – und doch ist die Gefahr, dass man es tut, ziemlich groß, zumindest in den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren, in denen Donald Ray Pollocks Roman spielt. Der heute 66-jährige Autor, der selbst sein Leben lang im südlichen Ohio verbrachte, streut seiner Heimat keine Rosen. Wörtlich genannt sind das Kaff Knockemstiff (was für ein Name!), wo Pollock geboren wurde, und Meade, wo er lange Zeit in einer Papiermühle arbeitete, ehe jemand sein literarisches Talent entdeckte und ihn dazu bewog, sein Schreiben an der Universität zu verfeinern und später als Beruf zu ergreifen. Nach seiner Kurzgeschichtensammlung „Knockemstiff“ (2008) schlug der Roman „The Devil All the Time“ im Jahr 2011 groß ein; 2016 folgte „The Heavenly Table“.
Es ist eher überraschend, dass Pollocks düsterer, von verderbten und korrupten Seelen handelnder Debütroman so lange warten musste, bis ihn jemand verfilmte. Dabei ist das ein Stoff, so richtig für das Kino gemacht, auch wenn er jetzt, immerhin, bei Netflix gelandet ist. Und es ist eine schöne und schlaue Geste, dass Pollock selbst mit seinem dicken Southern-Ohio-Akzent den Off-Erzähler geben darf. Wie der eher nicht so prominente Regisseur und Drehbuchautor Antonio Campos, der zusammen mit seinem Bruder Paulo das Buch adaptiert hat, an seinen funkelnden Cast gekommen ist, ist eines der Mirakel des Filmbusiness. Tatsache ist aber, dass Hollywood-Star Jake Gyllenhaal produziert hat und seinen Kumpel, „Spider-Man“ Tom Holland, mitgebracht hat – eine hervorragende Wahl für die Hauptrolle des (erwachsenen) Arvin Russell, dessen Vater Willard (Bill Skarsgård) mit einem gewaltigen psychischen Knacks aus dem Pazifik-Krieg nach West Virginia heimgekehrt ist, dessen Mutter früh an Krebs stirbt und der dann, zusammen mit seiner Ziehschwester Lenora, bei seiner Großmutter in Knockemstiff, Ohio, aufwächst. Holland verleiht dem jungen Mann jene Schlaksigkeit und wortkarge Lakonie, wie man sie auch von Western-Haudegen kennt.
Tatsächlich erinnern Landschaft und Figurenpersonal an Western, wenn auch eher an solche der düsteren Sorte. Die Guten kann man an einer Hand abzählen, die Bösen sind so richtig böse, und Meinungsverschiedenheiten werden noch mit den Fäusten geregelt. So hat es Arvin von seinem Vater gelernt, und so praktiziert er das auch. Der örtliche Sheriff (Sebastian Stan, bekannt unter anderem als Bucky Barnes / Winter Soldier aus der Captain-America-Franchise) hat ebenso Dreck am Stecken wie seine Schwester Sandy (Riley Keough), die mit ihrem perversen Ehemann Carl (eindringlich morbid gespielt von Jason Clarke) mordend durch die Gegend zieht. Und last not least gibt Robert Pattinson, auf der Suche nach weiteren saftigen Rollen, mit offensichtlicher Lust den ganz, ganz bösen Prediger Preston Teagardin, der sein heiliges Amt vor allem dazu nützt, um naiven jungen Mädchen wie Lenora an die Wäsche zu gehen. Damit nicht genug, hat auch noch Mia Wasikowska einen kurzen Auftritt als Lenoras Mutter.
Von ferne grüßen solche modernen Klassiker wie Ang Lees Brokeback Mountain oder Debra Graniks Winter’s Bone, die sich ebenfalls mit den Schattenseiten des Lebens in den zutiefst ländlichen Gegenden der USA beschäftigten. Zusammen mit den eindrücklichen Schauspielleistungen ergibt das eine leicht überlanges, aber sehr sehenswertes Stück Americana. Und jetzt wird es Zeit, dass jemand Donald Ray Pollocks „The Heavenly Table“ verfilmt.
