The Great Gatsby 3D – Der große Illusionist

Der große Illusionist

| Christina Tilmann |

Anlässlich von Baz Luhrmanns 3D-Neuverfilmung von
„The Great Gatsby“: F. Scott Fitzgerald und das Kino.

Es bleibt der Sehnsuchtsort für Amerikaner, und auch die Sehnsuchtszeit: Paris in den Zwanzigern, die Goldenen Jahre, als sich mit Ernest Hemingway, Djuna Barnes, Gertrude Stein und eben auch F. Scott Fitzgerald und seiner Frau Zelda die junge Generation der Literaten und Künstler an der Seine zur großen Party einfand. „Paris, ein Fest fürs Leben“, titelte Hemingway seine Erinnerungen an diese Zeit, und beides, immerwährendes Fest und hemmungsloses Leben, evoziert auch der Sehnsuchtsamerikaner Woody Allen in seiner hinreißenden Hommage Midnight in Paris von 2011. Dort verschlägt es den etwas naiven Drehbuchautor und Möchtegern-Romancier Gil (Owen Wilson) während eines Urlaubs mit seiner Verlobten unversehens in die von ihm bewunderten zwanziger Jahre: Jede Nacht um Mitternacht fährt ein altmodisches Taxi vor und lädt zur Zeitreise. Und die ersten Menschen, denen er auf einer rauschenden Party zu Songs von Cole Porter begegnet, sind ein junges, glamouröses Paar namens Scott und Zelda, die nächtelang durch Liebe und Eifersucht, Ruhm und Alkoholexzesse taumeln und für Gil zu Führern durch die Welt der Zwanziger werden.
Ähnlichkeiten sind beabsichtigt: Gil, der sich als Drehbuchautor in der kalifornischen Filmindustrie verdingt und lieber von Europa träumt, ähnelt in wesentlichen Punkten nicht nur Woody Allen, sondern auch seinem Vorbild F. Scott Fitzgerald. Und nicht nur Woody Allen zog es in die Zwanziger zurück – die Welt von Cocktails und Charleston, Garden parties und Luxusleben strahlt derzeit auch auf urbritische Society-Porträts wie Downton Abbey (seit 2010) oder Wiedersehen mit Brideshead (2008) ab. Mit Baz Luhrmanns Verfilmung von F. Scott Fitzgeralds Meisterwerk „The Great Gatsby“, mit der am 10. Mai 2013 das 66. Filmfestival von Cannes eröffnet, steht nun das nächste Zwanziger-Jahre-Spektakel ins Haus. Wobei der Australier Luhrmann, der schon 2001 in Moulin Rouge eine Paris-Hommage der Jahrhundertwende großzügig mit zeitgenössischem Pop verband, auch bei Gatsby ein Best-of der aktuellen Musikszene mit Songs von Lana Del Rey über Beyoncé, Jay-Z und Kanye West auffährt. Ein postmodernes Pop-Spekakel ist zu erwarten, auf der Ausstattungsebene ein visueller Rausch, und der Cast ist vom Feinsten: Leonardo  DiCaprio, Tobey Maguire und die wunderbare Carey Mulligan.

Gatsby is mythical

Die Latte liegt hoch – und die Herausforderung ist groß. Denn Verfilmungen der Romane und Erzählungen von F. Scott Fitzgerald gab es schon zuhauf, mit den besten Ensembles und den opulentesten Ausstattungen, die im Hollywood-Kino zu haben waren. Und doch hat sich gerade das Werk dieses Autors, der so filmisch, atmosphärisch, drehbuchreif und zeitgeistig wie kein anderer schrieb, auf der Leinwand immer wieder als ausgesprochen tricky erwiesen, gerade was sein Hauptwerk angeht: „Gatsby is mythical, he’s make believe. He works fine on paper, but he doesn’t work on the screen“, mutmaßte der amerikanische Literaturprofessor und Fitzgerald-Biograf Matthew J. Bruccoli. Sollte sich gerade das Werk des großen Illusionisten Scott Fitzgerald der Illusionskunst Kino verschließen?
Die erste Verfilmung von „The Great Gatsby“, einen Stummfilm von 1926, von dem heute nur noch der Kurztrailer erhalten ist, habe Scott Fitzgerald selbst empört nach der Hälfte der Vorstellung verlassen, so wird es zumindest kolportiert. Und auch bei der Wiederbegegnung mit der klassischen Gatsby-Verfilmung von 1974 erscheinen die damaligen verhaltenen Kritiken verständlich. Sicher, Robert Redford ist ein ausgesprochen eleganter, enigmatischer Jay Gatsby, Mia Farrow eine eher unbehagliche Daisy Buchanan, und Francis Ford Coppola ist mit seinem Drehbuch der berühmten Vorlage sehr treu geblieben. Doch trotz aller heißen Charleston-Rhythmen, gerafften kurzen Röcke, blitzenden Fleisches und luxuriöser Massenpartys springt der Funke dieser Jahrhundert-Liebesgeschichte nicht wirklich über, will Magie nicht wirklich aufkommen. Was im übrigen Alan Ladd und Betty Field 1949 ebenso wenig gelang wie Toby Stephens und Mira Sorvino in der TV-Verfilmung von 2000: So sehr die Filme in Ausstattung schwelgen, so leblos bleiben die Charaktere. Es mag daran liegen, dass gerade das extrem Atmosphärisch-Zeitgeistige von Scott-Fitzgerald-Erzählungen dazu verleitet, die Oberfläche des „Jazz Age“ für das Eigentliche zu nehmen und im breit ausgemalten Sittenbild mit Star-Besetzung den identifikatorischen Kurzschluss zum Autor und seiner mindestens ebenso dramatisch-filmreifen Lebensgeschichte von Ruhm, Erfolg, Liebe und Niedergang zu suchen. Nicht umsonst gibt es mindestens so viele Scott-Fitzgerald-Biopics wie Roman-Verfilmungen, von frühen Versuchen wie Beloved Infidel (1956) mit Gregory Peck und Deborah Kerr über Scott Fitzgeralds letzte Jahre mit seiner Geliebten Sheila Graham, über die TV-Miniserie The Last of the Belles (1974) mit Richard Chamberlain als Fitzgerald, bis zu Last Call (2002), einer Verfilmung der Memoiren von Fitzgeralds letzter Sekretärin Frances Kroll, mit Jeremy Irons als Scott und Sissy Spacek als Zelda. Der Autor war nun mal ein cooler, gut aussehender Hund, kein Wunder, dass sich Schauspieler um diese Rollen reißen.

The curious case of …

Dass F. Scott Fitzgerald auch ein intimer Kenner der Filmindus-trie war, davon erzählt vor allem sein letzter, unvollendeter Roman „The Last Tycoon“. Fitzgerald, der sich nach finanziellem Ruin und dem Scheitern seiner Ehe in Hollywood als Drehbuchautor verdingte und zum Beispiel an George Cukors Klassiker The Women von 1939 mitschrieb – von der Mitwirkung an Gone with the Wind wurde er allerdings nach wenigen Tagen auf Wunsch von David O. Selznick gefeuert –, hat viel von seiner Kenntnis, aber auch von seinem Frust in dieses Buch gelegt, etwa in der Figur des unglücklichen Drehbuchautors George Boxley, der seinen Trost im Alkohol sucht. Elia Kazan hat mit The Last Tycoon unter Mitwirkung von Harold Pinter als Drehbuchautor 1976 seinen letzten Film und wahrscheinlich die beste Scott-Fitzgerald-Verfilmung geschaffen. Auch hier agiert ein All-Star-Ensemble mit dem jungen Robert de Niro als Filmproduzent Monroe Stahr, sowie Tony Curtis, Robert Mitchum, Jack Nicholson und Jeanne Moreau in tragenden Rollen. Der Abgesang auf das klassische Hollywood ist ein Sehnsuchtstopos, ebenbürtig dem Rückblick auf die Goldenen Zwanziger.
Der Versuch, die vergangene Zeit zurückzuholen, ist der Kern aller Fitzgerald-Werke – und macht diese so attraktiv für die Sehnsuchtsmaschine Film. Sehnsucht nach der verlorenen Zeit steht im Zentrum von Jay Gatsbys Versuch, seine Jugendliebe Daisy wiederzugewinnen, liegt aber auch im melancholischen Rückblick auf das Paris der fünfziger Jahre, den Richard Brooks 1954 mit The Last Time I Saw Paris nach Scott Fitzgeralds Kurzgeschichte „Babylon Revisited“ drehte, mit Elizabeth Taylor, Van Johnson und dem blutjungen Roger Moore. Und es steht ganz sicher auch im Zentrum der kuriosesten, aber gerade deshalb geglückten Fitzgerald-Verfilmung der jüngeren Zeit: The Curious Case of Benjamin Button, eine sehr freie Behandlung einer Fitzgerald-Kurzgeschichte durch David Fincher, mit Brad Pitt und Cate Blanchett, ist eine Reise rückwärts gegen die Zeit, vom Greisentum bis zum Säugling, eine melancholische, philosophische Science-Fiction-Version, die Fitzgeralds große Frage nach Liebe und Vergänglichkeit auf überraschende Weise beantwortet.
„So regen wir die Ruder und stemmen uns gegen den Strom – und treiben doch stetig zurück, dem Vergangenen zu.“ Der Schlusssatz aus „The Great Gatsby“ steht auf dem Grabstein von F. Scott Fitzgerald. Ob der übermächtige Sog der Vergangenheit auch in Zukunft stärker ist, lässt sich bald erneut überprüfen: ab Mitte Mai im Kino.