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The Terminal List

| Pamela Jahn |
Der Action-Regisseur und Produzent Antoine Fuqua im Gespräch über die neue achtteilige Serie The Terminal List, Kino im Fernsehformat und seine Liebe zum Beruf.

Der gleichnamige Roman von Jack Carr stand bereits hoch im Kurs, da war das Buch noch nicht einmal gedruckt. Antoine Fuqua und der Schauspieler Chris Pratt, den er 2016 für seine Neuverfilmung des Western-Klassikers The Magnificent Seven an der Seite von Denzel Washington und Ethan Hawke durch die Prärie geschickt hatte, buhlten jeweils um die Rechte an der Geschichte. Carr, selbst ein Ex-Navy- Seal, hatte ein Buch über die vermeintlich härteste Truppe des US-Militärs geschrieben, die das Interesse von ganz Hollywood auf sich zog. Im Zentrum des Geschehens steht der frühere Navy Seal James Reece (Pratt), unter dessen Kommando seine ganze Einheit bei einem risikoreichen Einsatz in Afghanistan ums Leben kommt. Daraufhin kehrt der Kommandant mit jeder Menge Schuldgefühlen und widersprüchlichen Erinnerungen an den Vorfall zu seiner Familie nach Amerika zurück. Es dauert nicht lang, bis ihm berechtigte Zweifel daran kommen, was bei dem Einsatz tatsächlich schief gelaufen ist. Schon bald deutet alles auf eine Verschwörung hin. Für Fuqua, der neben seiner Funktion als Produzent bei der ersten Folge selbst Regie geführt hat, bietet ein derartiger Plot eine hervorragende Gelegenheit, seine Action-Muskeln spielen zu lassen. Aber auch Pratt merkt man die Begeisterung für das Material an, das übrigens nur der Auftakt einer ganzen Buchreihe ist, die auf Fortsetzung drängt.

 

Herr Fuqua, wie kam es, dass Sie und Chris Pratt zum gleichen Zeitpunkt die Rechte an Jack Carrs Roman zu erwerben versuchten?
Antoine Fuqua:
Es war eine göttliche Fügung. Wir arbeiteten zu dem Zeitpunkt beide an verschiedenen Projekten. Aber ich habe einen Freund, der ein Navy Seal ist, der mir von dem Buch erzählt hat, und bei Chris war es genauso. Also jagten wir beide dem Manuskript hinterher, um die Rechte zu bekommen. Und dann hörte Chris, dass ich auch mitbiete und rief mich an. Er sagte: „Warum machen wir das nicht zusammen, anstatt gegeneinander zu bieten.“ Und es machte Sinn. Wir wollten nach The Magnificent Seven sowieso wieder zusammenarbeiten und hatten schon eine Weile versucht, das richtige Projekt zu finden. The Terminal List schien genau unseren Vorstellungen zu entsprechen.

Was hat Sie an dem Buch interessiert?
Ich mag den Schreibstil von Jack Carr, und es ist einfach eine super Geschichte. Ich liebe die Spannung und den Thrill des Buches. Vor allem fand ich es toll, dass es mehr als nur ein Actionbuch war. Es spielt mit dem Verstand.

James Reece ist ein Mann, der nicht abschließen kann mit dem, was mit ihm widerfahren ist. Gibt es etwas, ein Projekt, das Sie nicht loslassen können?
Ja, jeder Film, den ich je mache. Ich wünschte jedes Mal, ich könnte die Zeit zurückdrehen und es noch besser machen. Man lässt nie los, zumindest ist das das bei mir so. Ich finde immer etwas, wo ich Nachhinein denke, dass hättest du besser machen können. Manchmal ist es nur eine Einstellung, mit der ich nicht glücklich bin, oder eine schauspielerische Leistung, die nicht ganz dem entspricht, was ich mir gewünscht hätte, wo ich einfach ein bisschen mehr Zeit mit dem Darsteller oder der Darstellerin hätte verbringen sollen. Aber da kann man nichts machen.

Das Faszinierende an der Serie ist, wie sich die Handlung zwischen Psychothriller, Rachefeldzug und Verschwörungsplot bewegt. Wie sind Sie als Regisseur an diese verschiedenen Ebenen der Geschichte herangegangen?
Es war eine Herausforderung, denn es kommt darauf an, was man nicht sieht, die Auswahl von Blickwinkeln und Kompositionen. Es muss wirklich subtil sein, damit sich das Geheimnis entfalten kann, dass man zwischen Realität und Einbildung spielen kann. Denn es ist ja die Einbildung eines unzuverlässigen Erzählers, mit der wir es hier zu tun haben. James Reese hatte eine Gehirnerschütterung, demnach kann man nicht sicher sein, was die Wahrheit ist. Oft haben wir versucht, das auszudrücken, indem wir verschiedene Ebenen in eine Szene eingebaut haben. Oder ich habe mit meinem Kameramann überlegt eine spezielle Linse zu verwenden, die am Rand einen leichten unscharfen Effekt erzeugt, um ein Gefühl der Unklarheit und Unruhe zu erzeugen. Manchmal wird das im Bild sichtbar, manchmal nicht. Aber das Publikum nimmt solche Dinge unterbewusst wahr. Man kann es spüren.

Sie haben in anderen Interviews betont, dass Sie „The Terminal List“ wie einen Film gedreht haben. Macht es für Sie einen Unterschied, dass die Serie am Ende „nur“ im Fernsehen ausgestrahlt wird?
Nein, weil die meisten Leute heutzutage sowieso fast alle große Flachbildschirme in ihren Wohnzimmern haben. Das Format hat sich geändert. Aber ich wechsle meine 35-mm-Objektive nicht, nur weil es sich um einen Streamer handelt. Der Ansatz ist der gleiche. Es steckt genauso viel Stress, Schweiß und Arbeit dahinter, wie bei einem Film. Ich hoffe, dass die Serie auch so aufgenommen wird.

Wann haben Sie entschieden, dass Sie aus dem Buch mehr als einen Kinofilm machen wollten?
Eigentlich sofort, einfach weil die Geschichte so umfangreich ist. Bei dem, was man heute im Fernsehen machen kann, hielt ich es für sinnvoll, den Figuren etwas mehr Zeit und Raum zu geben, anstatt alles in einen zweistündigen Kinofilm zu quetschen. Ich hätte gar nicht gewusst, wie wir es anders hätten machen sollen. Außerdem finde ich, dass heute viele extrem gute Leute zum Fernsehen überwechseln, und wir wollten nur die besten. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin immer noch ein großer Fan von Kinofilmen, daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Aber es ist auch gut, immer mal wieder über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen, sich neuen Herausforderungen zu stellen, etwas Neues zu lernen. Zum Beispiel denke ich, dass man bei den Streamingangeboten viel über das Publikum erfahren kann.

Denken Sie bei einer Serie mehr an das Publikum?
Nein, mir geht es um beides. Aber reizvoll ist es natürlich schon, dass beim Fernsehen so viele Augen sofort auf ein Projekt gerichtet sind. Bei Filmen verteilt sich das, auch weil es mitunter international verschiedene Starttermine gibt. Beim Streaming dagegen wird der Film oder die Serie meistens global am gleichen Tag ausgestrahlt. Dadurch bekommt man sofort ein besseres Gefühl dafür, wie das Publikum reagiert. Das ist viel wert.

Sie führen bei der ersten Folge Regie. Nach welchen Kriterien haben Sie die anderen Regisseure und Regisseurinnen ausgewählt, die ebenfalls dabei sind?
Man sieht sich ihre Arbeit an und dann trifft man sich, um zu schauen, ob man auf einer Wellenlänge liegt. Worauf es mir ankommt, ist, dass jeder seinen Job so gut wie möglich macht und dass die Zusammenarbeit mit den Schauspielern reibungslos funktioniert, denn das ist das Wichtigste.

Gleich in der ersten Folge gibt es eine Actionszene, die es in sich hat. Wie kommen Sie morgens ans Set, wenn Sie so eine Sequenz auf dem Drehplan haben? Ist das mittlerweile Routine?
Nein, ich bin immer wieder nervös. Die Angst, es zu vermasseln, verschwindet nicht. Aber ich bin vielleicht nicht mehr so verkrampft wie am Anfang. Und das ist gut so, denn dadurch kann ich mich freier bewegen, auch im Kopf. Trotzdem war es diesmal anstrengend genug, vor allem, wegen der Corona-Maßnahmen, die wir am Set einhalten mussten.

Vor kurzem haben Sie „Emancipation“ mit Will Smith und Ben Foster abgedreht, demnächst steht „Equalizer 3“ auf dem Programm, gerade sind Sie mit der Presse für „The Terminal List“ beschäftigt und zwischendurch haben Sie noch eine Dokuserie über die LA Lakers gedreht und mitproduziert. Arbeiten Sie gerne an mehreren Sachen gleichzeitig?
Nicht unbedingt, ich finde es manchmal ganz schön schwierig, alle Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten. Andererseits spornt es mich an. Ich war mein ganzes Leben lang wie ein Athlet unterwegs. Sobald ich mich einmal hinsetze, habe ich Angst einzurosten. Ich denke, man muss in Bewegung bleiben, nur so kann man besser werden. Als Produzent kenne ich aber auch die andere Seite. Ich glaube, ich habe über die Jahre ein paar Leute ganz schön zur Weißglut getrieben mit meiner Arbeitsweise. Vielleicht sollte ich die mal anrufen und mich entschuldigen.

„Training Day“ liegt nun ziemlich genau zwanzig Jahre zurück. Wie fühlt sich das an?
Es war eine unglaubliche Erfahrung. Ich habe bei Training Day viel über mich selbst gelernt. Und ich habe gelernt, warum ich es liebe, Filme zu machen, nämlich wegen Menschen wie Denzel Washington und Ethan Hawke. Es gab Tage mit ihnen im Auto, an denen ich vergessen habe, „Cut“ zu rufen, weil ich mich nur auf sie und ihre schauspielerische Leistung konzentrierte. Und das ist es, was mich so sehr an meinem Beruf begeistert, großartige Schauspieler bei der Arbeit zu beobachten. Darin liegt für mich die ganze Magie. Denken Sie nur an Humphrey Bogart in The Treasure of the Sierra Madre, an James Cagney oder Lawrence of Arabia. Was ich am Kino liebe, sind die Figuren.