Die britische Schauspielerin Gemma Arterton, deren Filmkarriere als Bond-Gespielin begonnen hatte, ist im Juli in gleich zwei anspruchsvollen Hauptrollen zu sehen.
Gemma, so Wikipedia, war in den achtziger Jahren der drittbeliebteste Mädchenname im Vereinigten Königreich und hat mit Edelsteinen („gems“) zu tun. Passt gut, denn Gemma Arterton wurde 1986 geboren und funkelt inzwischen wie ein Juwel unter den jüngeren weiblichen Filmstars. Dieser Tage ist Frau Arterton gleich in zwei größer kalibrierten europäischen Romanverfilmungen zu bewundern: in Lone Scherfigs Weltkriegsdrama Their Finest (Ihre beste Stundei) und in Radu Mihaileanus episch-breitem The History of Love (Die Geschichte der Liebe), der ebenfalls in den düsteren Jahren des Nazi-Regimes ihren Ausgang nimmt und bis in die Gegenwart reicht. Die beiden Filme sind, neben fünf (!) weiteren Arbeiten, die sich in Produktion bzw. Fertigstellung befinden, der aktuelle Beweis, welch erstaunliche und erstaunlich vielfältige Karriere die 31-jährige Britin in den letzten zehn Jahren hingelegt hat.
Dass sie überhaupt in die Lage kam, eine solche Laufbahn zu ergreifen, war ihr nicht, wie man so sagt, in die Wiege gelegt. Geboren wurde sie in einfachen Verhältnissen in der kleinen Hafenstadt Gravesend in der Grafschaft Kent. Die Eltern ließen sich scheiden, als Gemma fünf und ihre Schwester Hannah drei war. Die Mutter zog die Mädchen alleine auf; Arterton erinnert sich an eine „Hippie-Kindheit“ mit viel Freiraum, aber wenig Begeisterung für das Leben in der Kleinstadt im Allgemeinen und für die Schule im Besonderen. Schon früh hegte sie den Wunsch, „raus aus Gravesend“ zu kommen und Schauspielerin zu werden, inspiriert, wie sie sagt, von Isabelle Huppert in Michael Hanekes Die Klavierspielerin und Emily Watson in Lars von Triers Breaking the Waves. Nach einer Zeit an der lokalen Schauspielschule bewarb sie sich bei mehreren Institutionen in London – und siehe da: Alle hätten sie akzeptiert. Sie musste sich tatsächlich entscheiden und wählte – wer kann es ihr verdenken – die gestrenge Royal Academy of Dramatic Art, wo sie zunächst vor allem lernen musste, ihren „thick accent“ abzulegen. Von diesem ist heute nichts mehr zu merken, sie spricht – je nach Rolle natürlich – ein besonders gepflegtes britisches Englisch, wie man es wohl nur nach so einer Ausbildung haben kann und das für eine Theaterkarriere in der Heimat Shakespeares unerlässlich ist. Auch ihr Aussehen weist sie als „klassische britische Schönheit“ aus, mit ihren leider allzu oft überschminkten Sommersprossen und ihren leicht rötlichen Haaren. Dem Männermagazin „GQ“ sind darüber hinaus, wie könnte es anders sein, auch ihre „creamy English curves“ nicht entgangen.
Very british startete auch ihre Filmkarriere, noch ehe sie am Theater so richtig Fuß fassen konnte. Schon 2007 feierte die 21-Jährige ihr Kinodebüt in der Komödie St. Trinian’s (Die Girls von St. Trinians), und weil ihr Talent so offensichtlich war, folgte umgehend ein Casting-Coup, der sie, wie sie sagt, selbst am meisten überraschte: Als britische Konsularbeamtin mit dem schönen Namen Strawberry Fields wurde Gemma Arterton für das zweite Daniel-Craig-Bond-Abenteuer Quantum of Solace (Ein Quantum Trost, 2008) verpflichtet. Die erste Szene, die sie zu drehen hatte, war – zu ihrer nicht geringen Irritation – ausgerechnet das Liebemachen mit dem Superagenten. Daniel Craig habe ihr, sagt sie, über die schwierige erste Zeit am Set hinweggeholfen. Vielleicht noch britischer als der Geheimdienst ihrer Majestät war die Titelrolle in der vierteiligen TV-Verfilmung von Thomas Hardys „Tess of the D’Urbervilles“ (2008), übrigens an der Seite eines weiteren zukünftigen Shooting Stars, nämlich Eddie Redmayne.
Seither geht es Schlag auf Schlag, und so bleibt für ihre große Liebe, die Bühne, kaum Zeit, auch wenn sie selbst sich als „Theatertier“ bezeichnet und gerne darauf verweist, dass neun von zehn Drehbüchern, die man ihr anbiete, „Schrott“ seien. Doch noch bevor Hollywood sie verschrotten konnte, folgte Artertons erste Hauptrolle in dem Drei-Personen-Film The Disappearance of Alice Creed (Spurlos – Die Entführung der Alice Creed) von J Blakeson, in der sie nicht nur Nacktszenen zu spielen hatte („ich wollte das so“), sondern auch einiges an filmischer Brutalität über sich ergehen lassen musste. Möglicherweise war das ihr Ticket nach Hollywood, das ja seit einigen Jahren ohne die Dienste von Britinnen und Briten ziemlich alt aussehen würde, und wer kann es einer jungen Schauspielerin Anfang zwanzig verdenken, wenn sie den Lockungen der Traumfabrik erliegt?
Dass Arterton sich als Zeus-Geliebte Io in Louis Leterriers Clash of the Titans (2010) verirrte, sollte man als „Jugendsünde“ abhaken. Zur Erinnerung: Es handelt sich um jenes Machwerk, bei dem die (schlechten) 3D-Effekte erst nachträglich eingefügt wurden. Besser schlug sich die sauteure Videospiel-Verfilmung Prince of Persia: The Sands of Time (2010) unter der Regie des britischen Veteranen Mike Newell; allerdings blieben die Einspielergebnisse so sehr unter den Erwartungen, dass man auf die geplante Trilogie verzichtete. Gemma Arterton gab die Prinzessin Tamina, der Prinz wurde von keinem Geringeren als Jake Gyllenhaal gespielt. Für Arterton war der Film dennoch eine Lehre: „Sie schickten mich zum Fitness-Trainer, wollten meine Zähne ändern, verlangten eine Haarverlängerung, wollten, dass ich wie jemand anderer aussehe. Also ließ ich das machen. Ich ging ins Fitnessstudio, ich ließ mich bräunen, ich wurde zu dem Wesen, das sie für den Film haben wollten. Aber ich bin nicht damit einverstanden, was sie für schön halten – und das war nicht ich.” Seit dieser Erfahrung bezeichnet sie sich als “stille Feministin”, wie sie in einem Interview mit dem „Freitag“ ausführt: „Die Branche ist insgesamt chauvinistisch. Es gibt bestimmte Erwartungen, wie Frauen aussehen sollten, was sie sagen und tragen, wie ihre Haare sein und welche Hautfarbe sie haben sollten. So wird es immer sein. Am Theater oder bei Independent-Filmen ist das anders. Deshalb tendiere ich momentan eher in diese Richtung, weil ich sonst einen Kampf führen würde, der nicht zu gewinnen ist. Man handelt sich nur den Ruf des Großmauls ein, das Ärger hat, weil es sagt, was es denkt.“
Auch darüber, wie ihre Laufbahn aussehen soll, hatte sie schon 2009 eine recht klare Vorstellung: „Ich hätte gerne eine Karriere so in der Richtung von Rachel Weisz. Ich bewundere sie sehr: brillant, intelligent, humorvoll. Sie macht eine romantische Komödie – nicht, dass ich jemals eine machen wollte – und dann geht sie hin und dreht einen Film wie The Constant Gardener. Sie hat eine Familie und ein ziemlich normales Leben. Das gefällt mir.” Mit Stephen Frears’ Tamara Drewe (Immer Drama um Tamara, 2010) folgte zwar postwendend eine, wenn auch ungewöhnliche RomCom, in der sie gleich mehreren Männern unterschiedlichen Alters den Kopf verdreht, ansonsten aber begann sich Gemma Artertons Spektrum zu verbreitern. Sichtlich großen Spaß hatte sie in Tommy Wirkolas Überraschungserfolg Hansel and Gretel: Witch Hunters (2013), in dem sie sich an der Seite von Jeremy Renner recht brachial für die traumatischen Kindheitserlebnisse im Pfefferkuchenhaus rächt; Brad Furmans Casino-Thriller Runner Runner (2013) war ein weiterer (gelungener) Abstecher nach Hollywood mit prominenten Partnern wie Justin Timberlake und Ben Affleck, und in Anne Fontaines freier Flaubert-Bearbeitung Gemma Bovery (2014) passte sogar der Name der Hauptfigur zu dem der Hauptdarstellerin. In Marjane Satrapis düsterer Komödie The Voices gerät Gemma Arterton in die Hände des recht seltsamen Einzelgängers Jerry Hickfang (Ryan Reynolds). Mit ihrer Darstellung der einfühlsamen Lehrerin Helen Justineau in Colm McCarthys von der Kritik gefeiertem postapokalyptischem Zombie-Thriller The Girl with All the Gifts (2016) schließlich erreichte Artertons Schauspielkunst einen weiteren Höhepunkt. Zudem gab ihr der Film die Gelegenheit, zusammen mit der von ihr sehr verehrten Glenn Close aufzutreten.
Und nun also zwei neue, in ihrer Gediegenheit und ihrem „Altmodischsein“ durchaus vergleichbare Filme: Radu Mihaileanu, rumänisch-französischer Spezialist für den breit angelegten europäischen Historienfilm, erzählt in The History of Love nach dem Roman von Nicole Krauss, eine mäandernde, fast 70 Jahre umspannende Geschichte, die im Nazi-okkupierten Polen beginnt und sich großteils im New York der neunziger Jahre und des 21. Jahrhunderts fortspinnt. Alma (Gemma Arterton) kann sich 1942 in ihrem polnischen Dorf nicht für einen ihrer drei allesamt literarisch versierten Verehrer entscheiden. Schließlich fällt die Wahl auf Leo Gurski, der verspricht, einen Roman nur für sie zu schreiben. Als Alma es schafft, in die USA zu flüchten, während die drei Burschen in Polen bleiben müssen, nehmen die Geschehnisse eine dramatische Wendung, die sich erst in einer zweiten, heutigen Erzählung erschließt, die von der 18-jährigen kanadischen Schauspielerin Sophie Nélisse (sie heißt im Film nicht ohne Grund ebenfalls Alma) ganz wunderbar getragen wird. Das alles geht einher mit Rück- und Vorausblenden, dramatischen Begegnungen, Missverständnissen und einer geballten Ladung Gefühl, das bisweilen überzuschwappen droht. Gemma muss viel weinen in dem Film, und zart besaitete Zuschauer und -innen werden das auch tun. The History of Love hat einige wirklich großartige Momente, zum Teil wunderbar reichhaltige Figuren (wie die bereits erwähnte junge Alma oder ihren kleinen Bruder Bird), aber er ächzt unter der überladenen Handlung, für die man gut und gerne vier Stunden gebraucht hätte und die in den eh langen 134 Minuten seltsam gequetscht wirkt. Ständig passiert etwas, es gibt kaum Verschnaufpausen, und so ist letztlich alles ein bisschen zu viel des Guten. Kleine Fußnote: Der 79-jährige Elliott Gould, einst Protagonist des New-Hollywood-Kinos und später u.a. bei Peter Patzak, spielt eine schöne Altersrolle.
Weinen muss Gemma Arterton auch in Their Finest, den die prominente dänische Regisseurin Lone Scherfig mit britischen Spitzenkräften zum Teil in den altehrwürdigen Pinewood Studios drehte. Nach dem Roman “Their Finest Hour and a Half” von Lissa Evans entstand ein stimmiges und bewegendes Zeitporträt aus dem London des Jahres 1940, als die ersten deutschen Bombenangriffe – der sprichwörtlich gewordene „Blitz“ – die Stadt erschüttern. Die Autorin Catrin Cole (Arterton) schreibt für das Informationsministerium Texte für kurze Filme, die die öffentliche Moral hochhalten sollen. Im Zuge dessen kommt sie der unglaublichen Geschichte von zwei Schwestern auf die Spur, die sich im Mai 1940 mit einem Segelboot aufmachten, um an der Evakuierung von mehr als 300.000 alliierten Soldaten im französischen Dunkerque mitzuwirken. Gemeinsam mit Tom Buckley (Sam Claflin) schreibt sie daraufhin das Drehbuch zu einem dramatischen Spielfilm, der so heißt wie das Segelboot: „Nancy Starling“. Um auch ein mögliches US-Publikum zu erreichen, wird im Auftrag des Kriegsministeriums sogar ein echter amerikanischer Soldat gecastet. Zwischen Ehekrise, neuer Liebe, Bombenangriffen und den kriegsüblichen Mangelerscheinungen, die auch den Filmdreharbeiten zusetzen, schaffen Scherfig und das hervorragende Ensemble nicht nur eine liebevolle Würdigung der einst so ruhmreichen britischen Filmindustrie, sondern auch ein veritables Liebesmelodram und ein glaubhaftes Zeugnis für die viel zitierte „Magie des Kinos“, auch oder gerade in schweren Zeiten. Gemma Arterton bietet in Their Finest gewiss die reifste und überzeugendste Leistung ihrer bisherigen Karriere. Sie ist hier natürlich besonders British – und schlicht überwältigend.
