In „True Grit“ zeigen die Coen-Brüder, wie der Westen gewonnen wird.
Wer John Waynes beeindruckende, mit einem Oscar ausgezeichnete Darbietung des „Rooster“ Cogburn in Henry Hathaways True Grit aus dem Jahr 1969 gesehen hat, wird es schwerfallen, Jeff Bridges in der selben Rolle zu schätzen. Bridges allerdings macht die Rolle zu seiner eigenen, teilweise auch deswegen, weil jene John-Wayne-Filme, an die man bei der neuen Adaptierung der Brüder Coen von Charles Portis herausragendem Roman denken muss, wohl vor allem The Searchers (1956) und The Man Who Shot Liberty Valance (1962) sind. Auch wenn es anmaßend klingen mag, so erreicht Bridges mit seiner Darstellung eine ähnliche Tiefe und Komplexität, wie sie John Wayne in jenen Meisterwerken hinbekommen hat. Die Coen Brüder, für ihren Teil, streben nach demselben Maß an Genialität, das John Ford erreichte. So wie er präsentieren und klären Joel und Ethan Coen die Paradoxien und Rätsel, die ihr Film aufwirft, und verwandeln so die Spielarten des Genres in eine eigene Kunstform.
Reifeprozess
Somit markiert True Grit einen weiteren Abschnitt im Reifeprozess, den die Coens in jüngerer Vergangenheit durchlaufen haben. Gemeinsam mit No Country for Old Men (2008) und A Serious Man (2009) demonstriert dieser Film ihre Entwicklung vom Zynismus zur Tragödie, vom Klugscheißer-Sadismus zur Ernsthaftigkeit des alten Testaments. Sie sind nun selbst ernsthafte Männer, bereit, sich dem ehrwürdigsten und profundesten aller Hollywood-Genres zu widmen – dem Western.
Nicht, dass sie sich zuvor noch nicht in dieses Terrain gewagt hätten. Fargo (1996) beispielsweise, wenngleich größtenteils ein Gaunerfilm mit schwarzem Humor, hat mit seinem Prärie-Setting, seiner geradlinigen Gesetzeshüterin und seinem manichäistischen Konflikt zwischen Gut und Böse, zivilisiertem Verhalten und grenzenloser Wildheit durchaus einige Western- elemente an sich. Ebenso nimmt ihre Adaption von Cormac McCarthys Roman No Country for Old Men (2007) durch das Setting, seine Charaktere und durch die Geschichte eines Terminator-ähnlichen Kopfgeldjägers (gespielt von Javier Bardem), und seines argwöhnischen Opfers, einem opportunistischen Viehtreiber (gespielt von Josh Brolin), Western-Konventionen in Anspruch.
True Grit ist allerdings der erste klassische Western der Coens, der voll und ganz den Regeln, der Ikonografie, den Leitmotiven und dem Geist des Genres folgt. Er wiederholt im Wesentlichen die gleiche Geschichte wie No Country for Old Men, mit allerdings signifikanten Unterschieden.
Der Kopfgeldjäger ist dieses Mal kein moderner, mit einem Schlachtschussapparat bewaffneter Soziopath, sondern Reuben Cogburn, ein traditioneller U.S. Marshal, vollständig ausgestattet mit sechs Waffen, einem übergroßen Cowboyhut und schlechten Manieren, der Fluch verzweifelter Schurken und die Instrumentalisierung der Wut der 14-jährige Mattie Ross (Hailee Steinfeld). In Bridges Darstellung wirkt Rooster vorerst eher wie der Dude aus The Big Lebowski (1998) als „The Duke“ John Wayne aus Monument Valley. Ungewaschen, clownartig und vom beschlagnahmten Whiskey besoffen ist er nicht gerade der rechtschaffenste Verteidiger des Gesetzes – insbesondere nicht die steinern-calvinistische Version, die Mattie Ross vorschwebt.
Aber Matties Meinung nach hat Cogburn wahren Mut – „true grit“ also. Was sie damit meint, hat nicht so sehr mit Härte, Entschlossenheit oder Anstand zu tun, sondern mit der Art von Macho-Schonungslosigkeit, die ihren Willen ohne Rücksicht auf die gesetzlichen Formalitäten und Konsequenzen durchsetzt. Das ist genau die Eigenschaft die sie sucht, um ihre Mission zu erfüllen – Tom Chaney (Josh Brolin spielt wieder einmal den verfolgten Mann), der schmutzige Taugenichts, der in einem Anfall von trunkener Wut bei einem Bagatelldiebstahl ihren Vater kaltblütig erschossen hat, ausfindig zu machen. Und wie Cogburn mit wachsender Bewunderung bemerkt, ist wahrer Mut eine Eigenschaft, die Mattie selbst auch besitzt.
Sie ist eine jugendliche, steifere Version von Frances McDormands Gesetzeshüterin in Fargo, allerdings mit viel mehr Persönlichem, das in diesem Fall auf dem Spiel steht, ist doch ihre eigene Familie das Opfer des Verbrechens. Sie hat allerdings auch grundsätzliche, hochtrabende Gründe für ihre Entschlossenheit: Ihre Blutrache an Chaney ist nicht nur persönlicher Natur, es ist eine Prinzipienfrage. Obwohl Rache sicher eine Rolle in ihrer Besessenheit spielt, ist das, was sie am meisten antreibt, die religiöse Überzeugung, dass diejenigen, die gegen das Gesetz verstoßen, verfolgt und bestraft werden müssen.
Diese Thematik von zwanghafter Fügung und unausweichlicher, manchmal unverdienter Vergeltung ist in vielen Filmen der Coens aufgetaucht und geht zurück bis zu ihrem Debütfilm Blood Simple (1984), in dem alle Charaktere mit Makeln behaftet, dumm und böse sind und es zwangsläufig von einem rachsüchtigen Gott heimgezahlt bekommen. Oder Göttern, da ja die Schiedsrichter ihres Schicksals die Coen Brüder selbst sind.
In ihren jüngeren Filmen scheinen Joel und Ethan Coen allerdings Demut gelernt zu haben und anzuerkennen, dass es größere Mächte im Universum gibt, als sie selbst. In No Country for Old Men wird ihr sündiger Protagonist von einem Mörder verfolgt, der nichts weniger als die Personifizierung des Todes ist. Und in True Grit ist die unerbittliche, jugendliche Furie Mattie Ross mit rechtschaffener Wut ausgestattet, die ihre Wurzeln im alten Testament hat, wie es bereits in einem eingeblendeten Schriftzug mit einem Satz aus dem Buch der Sprüche angedeutet wird: „Die Gesetzlosen fliehen, wenn sie niemand verfolgt.“
Unfreiwillige Helden
Mattie Ross ist zumindest anfänglich mit ihrem begierigen Antrieb allein. Cogburn ist zweifellos nur hinter dem Geld her, genauso wie der eingebildete, geizige Texas Ranger LaBoeuf (Matt Damon), der ungebeten auftaucht, um sich der Suche anzuschließen. Welchen Mut er besitzt, wird sich noch zeigen, obwohl ihn Mattie von Anfang an als unbedeutenden Angeber abtut.
Gemeinsam suchen sie nach Chaney, durchkämmen das gesetzlose Indianer-Territorium in Oklahoma, eine Zuflucht für die Schurken. Eine trostlose, wunderschöne Landschaft, deren eindringliche Erhabenheit von Roger Deakins’ Kamera in Szene gesetzt wurde und die eigene Sichtweise der Coen Brüder von Monument Valley zeigt.
Chaney hat in der Zwischenzeit Zuflucht bei einer Bande gefunden, die ungefähr so ineffektiv ist wie die Kriminellen in The Ladykillers (2004). Im Verlauf ihrer holprig verlaufenden Jagd erfährt die skurrile Verfolgertruppe einen subtilen Annäherungsprozess – aneinander, bezüglich ihrer Suche und ihrem Platz in der Welt.
Das ist die Stelle im Film, wo sich die charakteristische Sensibilität der Coens durchsetzt, umso mehr, weil sie originalgetreu ist. Wie in Portis’ Roman haben sie ein scharfes Ohr und Auge für surreale Absurditäten, trockene Ironie und eloquent-alberne Dialoge.
Ebenfalls wie im Buch und nicht wie in der Hathaway-Adaption, scheuen sich die Coens nicht vor der sexuellen Spannung, die von einem minderjährigen weiblichen Teenager ausgeht, welcher mit zwei nicht gerade sehr ehrenhaften Männern durch die Wildnis streift. Vor allem Damons LaBoeuf wirkt ziemlich ungut, als er zugibt, dass er Mattie küssen würde, wenn sie nicht so unattraktiv wäre. Später hat er übermäßigen Gefallen daran, ihr den Hintern mit einem Ast zu versohlen. Man darf nicht vergessen, dass dieser Film im Westen der 1870er angesiedelt ist, eine Zeit und ein Ort, wo 14-jährige Bräute nicht unüblich waren.
Jeff Bridges’ Cogburn hingegen entwickelt eine onkelhaftere, fast väterliche Zuneigung für Mattie. Als sie durch die Herausforderungen der Reise erstarkt, bringt er widerstrebend seinen Stolz auf sie zum Ausdruck, eine Art von eifersüchtiger Besitzergreifung und widerwilligem Beschützertum. So entsteht trotz ihrem gegenseitigen Misstrauen und ihrer Feindseligkeit ein seltsames, romantisches Dreieck zwischen den unähnlichen Reisekameraden – eine Dynamik, die Mattie, vielleicht sogar unbewusst, zu ihrem Vorteil nutzt.
Viel wichtiger aber ist, dass die beiden Männer beginnen, in Mattie einen Menschen zu sehen, der ihrer engstirnigen Eigennützigkeit und ihren Grundtrieben moralisch überlegen ist. Von dem Zeitpunkt an, als sie das erste Mal das indianische Territorium durchquert und furchtlos den Fluss auf einem Pferd durchwatet, bis zu einer Szene gegen Ende, als sie ein Nest voller Giftschlangen bekämpft, die im Brustkorb eines toten Schurken verschüttet sind, gewinnt Mattie in den Augen ihrer Begleiter an Größe – vom unumgänglichen Quälgeist zu Inspiration und intellektueller Anführerin.
Mehr als Cogburn und vor allem LaBoeuf weiß sie dabei eine moralisch anständige Gesellschaft, wenn nicht sogar eine patriarchalisch geprägte Zivilisation hinter sich. So wie in vielen großen Western, von Stagecoach (1939) über McCabe & Mrs. Miller (1971), bis hin zu Unforgiven (1992) – die allesamt den Macho-Ethos zu feiern scheinen, in denen jedoch Frauen diejenigen sind, die wirklich den Ton angeben – manipuliert sie die Aggressivität ihrer männlichen Beschützer und wendet diese gegen die bösen Kerle, die in Wirklichkeit bloße Manifestationen der schlimmsten Wünsche der guten Jungs sind. Ob sie sich dessen nun bewusst sind oder nicht, als diese ernannten Helden schließlich ihrem Opfer den Garaus machen und dem Mädchen, dem sie dienen – und damit auch dem Gesetz, das sie repräsentiert – , das Recht zurückgeben, beenden sie auch metaphorisch, wenn nicht sogar buchstäblich, ihre eigene Freiheit und Unabhängigkeit.
Dieses Paradoxon stellt sich am ergreifendsten dar, als Cogburn die verletzte Mattie hochhebt, um sie in Sicherheit zu bringen. Diese Szene hat denselben emotionalen Tiefgang wie der filmische Höhepunkt von The Searchers, als John Waynes Charakter Ethan Edwards schließlich am Ende seiner Suche angelangt ist. Jene Thematik von moralischem Triumph und Heldentragödie liegt auch dem Ende von True Grit zugrunde, das – wie jenes in The Man Who Shot Liberty Valance – an einer Grabstätte stattfindet, wo eine unnahbare Dame der Gesellschaft jemandem die letzte Ehre erweist.
