In der ersten Staffel der dänischen Familiensaga „Die Erbschaft“ streiten vier ungleiche Geschwister um einen historischen Gutshof, der eigentlich nur ein MacGuffin ist.
Vier Kinder von drei verschiedenen Männern hat die Künstlerin Veronika Grønnegaard geboren, aber das ist lange her; die Männer sind längst alt, weg oder tot, und die Sprösslinge, zwischen Mitte 20 und Mitte 40, leben vor sich hin. Als Veronika an einem Weihnachtsabend stirbt, hinterlässt sie ihren großen Gutshof ausgerechnet ihrer jüngsten Tochter Signe, die nicht bei ihr aufgewachsen ist. Die drei Älteren können es nicht fassen, zumal sie alle schon eigene Pläne für das Haus geschmiedet hatten. Getrieben von Gier, Missgunst, Ehrgeiz und Angst kämpfen sie mit fiesen Mitteln um den Besitz des Hauses. Und jeder von ihnen hat gute Gründe zu glauben oder zu wünschen, dass ihm das Haus zustünde.
Zuallererst die elegante, weltläufige Gro, eine Kunstmanagerin und Kuratorin, die bereits zu Lebzeiten der Mutter mit ihr über die Verwendung des Hauses als Museum und Sammlungsort für deren Kunst gesprochen hat, und die sich damit unabhängig von den Intrigen der Kunstszene machen möchte. Trine Dyrholm, die sowohl Erfahrungen mit Dogma-95-Regisseuren wie Lars von Trier als auch in Fernsehserien sammelte, spielt die 42-jährige Gro mit einer Mischung aus Arroganz und Verletzlichkeit. Visagisten und Kostümbildner verpassten ihr ein glattes, glänzendes Äußeres: strenge Kurzhaarfrisur, Seiden- und Satinblusen, schmale Röcke und Hosen, perfektes Make-up. Damit hat ihre Figur Gro den Hamburger Galeristen ihrer Mutter, bezaubert. Aber der ist verheiratet, und so führen die beiden eine On-off-Beziehung, was Robert vielleicht mehr stört als Gro.
Gros Vater Thomas (Jesper Christensen), ein Experimentalmusiker, lebt als Alt-Hippie in einem ausgebauten Wohnwagen im Garten des riesigen Anwesens, wo er sich seinen Leidenschaften hingibt. Mit Veronika verband ihn ein freundschaftliches, aber distanziertes Verhältnis. Er möchte vor allem seine Ruhe, seine Joints, seine exotischen Instrumente und seinen Rotwein; die Erbauseinandersetzung lässt ihn kalt, bis sein bescheidenes Idyll bedroht ist.
Gros etwas jüngerer Bruder Frederik (Carsten Bjørnlund) ist der kantige, schneidige Karriereanwalt, der seine Frau und seine Kinder zu vernachlässigen beginnt, als sich herausstellt, dass er sein Vaterhaus, wie er den Gutshof nennt, vielleicht gar nicht erben wird. Er hatte sich vorgestellt, dort mit seiner Familie einzuziehen und glaubt jedes Recht dazu zu haben, zumal er nie über den frühen Verlust seines Vaters hinweggekommen ist. Sein jüngerer Bruder Emil (Mikkel Boe Følsgaard) hat den gleichen Vater, war bei dessen Verschwinden jedoch noch klein. Emil ist ein charmanter Nichtsnutz, der hier und da Projekte macht, zuletzt hat er ein Hostel in Thailand eröffnet. Er steckt tief in Schulden und kommt nach Dänemark zurück, um sein Erbe anzutreten, das ihn von seiner Schuldenlast befreit. Der Gutshof ist ihm eigentlich egal.
Alleinerbin des Gutshofes – ob rechtmäßig oder nicht, stellt sich erst heraus – ist aber nach Lage der Dinge offenbar Signe, die in einer Pflegefamilie aufwuchs. Die Mittzwanzigerin arbeitet in einem Blumenladen, lebt glücklich und zufrieden mit ihrem Freund, einem Handballstar in einem Provinzverein, zusammen und fungiert selbst als tanzendes Maskottchen im Club, wo ihr Vater als Trainer arbeitet. Signe (Marie Bach Hansen) ist eine fröhliche, etwas unbedarfte junge Frau, die das Erbe am liebsten ausschlagen würde. Aber dann auch wieder nicht.
Verlockung des fälschens
Soweit die Grundkonstellation, aus der in der ersten Staffel von Arvingerne / Die Erbschaft die Konflikte generiert werden, welche zunächst ein bisschen absehbar scheinen. Doch dann kommt plötzlich alles anders als man denkt. Interessanter ist die Entwicklung der Figuren, unterstützt durch teils brillante darstellerische Leistungen, einzig Maria Bach Hansen fällt ein wenig ab. Dennoch überrascht gerade ihre Figur Signe am meisten. Es ist entweder eine besonders begnadete Regieführung, die Signe zunächst wahnsinnig sympathisch und dann immer anstrengender wirken lässt, oder es ist schlicht das, was die Schauspielerin kann, und dann wäre die Besetzung doch wieder ein Glücksfall.
Etliche Nebenfiguren stehen den Protagonisten zur Seite: Frederiks Familie, Emils Geschäftspartner, Signes Eltern und Freunde und der Kunst-Jet-Set, der sich um Gro versammelt. Das ist ein schöner Nebenstrang des Plots, der genüsslich ausgebreitet wird: Gebaren und Sprechweisen der internationalen Kunstszene, die in dem Segment, wo Gro tätig ist, kaum noch hip, sondern eher superschick ist. Man bekommt eine Ahnung davon, wie ein Künstler – in diesem Fall Gros Mutter – plötzlich zum Liebling von Galeristen und Kunstmessen wird. Man begreift, dass der Markt nichts mit der Qualität der Produktion zu tun hat. Es geht ein bisschen um die Aura des Originals und die Verlockung des Fälschens und letztendlich auch um die im Kunst-Kontext immer wieder diskutierte Frage, was das Original von einer guten Fälschung unterscheidet.
Vielleicht liegt der internationale Erfolg dänischer Serien auch daran, dass in dem kleinen Land alles so übersichtlich und irgendwie beherrschbar erscheint. Die Originalschauplätze zeichnen sich durch schöne Landschaften und spektakuläre Architektur aus, die Ausstatter brauchen sich bloß auf die Wirkung des weltberühmten dänischen Designs zu verlassen, und die Schauspieler sind häufig nicht auf ein Medium festgelegt und deshalb flexibler, ein Typecasting findet nicht statt. Ein ganz kleines bisschen wirkt das TV-Serien-Dänemark trotzdem immer wie ein Märchenland. Und damit ist man wieder bei Die Erbschaft, wo es auch ein bisschen so zugeht, und das ist sehr unterhaltsam.
Leider ermöglich die deutschsprachige DVD-Edition nicht, das dänische Original mit Untertiteln anzuschauen, sondern zwingt zur synchronisierten Version. Das ist ein wirkliches Manko und dem offenbar unumstößlichen Widerwillen deutscher Fernsehkonsumenten gegen Untertitel geschuldet. Obwohl, so meinte eine dänische Schauspielerin aus gegebenem Anlass, durch die Synchronisation 60 Prozent der Schauspielleistung verloren gingen. Die Zahl scheint auf den ersten Blick ein wenig übertrieben, aber wenn man sich überlegt, wie sehr man Personen nach Sprachduktus, -melodie, Dialekten und Soziolekten einschätzt, wird klar, was gemeint ist.
