Jacques Audiard

Un Prophète | Interview

„Im Gefängnis herrscht das pure Mittelalter“

| Thomas Abeltshauser |

Jacques Audiard über Gesellschaftsanalyse im Genrefilm und seine Inspiration zu „Un prophète

Was hat Sie daran interessiert, ein Gefängnisdrama zu drehen?
Jacques Audiard:
Es ist nur eine Anekdote, aber vielleicht beantwortet es Ihre Frage: Als ich meinen vorigen Film, Der wilde Schlag meines Herzens, fertig gestellt hatte, wurde ich von der Stadt Paris gefragt, ob ich den Film im Filmklub eines Gefängnisses zeigen wolle. Ich erklärte mich dazu bereit, doch die Erfahrung war für mich wie ein Schock. Als ich diese Inhaftierten sah und die Bedingungen, unter denen sie lebten, kam mir zum ersten Mal die Idee oder eher der Wunsch, etwas mit ihnen und über sie zu machen.

Was genau hat Sie daran so schockiert?
Jacques Audiard: In den Gefängnissen herrscht noch das pure Mittelalter. Und die Armut. Und der Fakt, dass dort kein einziger Weißer inhaftiert war, nur Araber und Afrikaner.

Welches Gefängnis war das?
Jacques Audiard: La Santé, das größte Gefängnis von Paris. Und sehr alt. Aber Un prophète ist natürlich keine Dokumentation über diese Verhältnisse, sondern Fiktion, ein Genrefilm mit all seinen Konventionen.

Was macht für Sie die Faszination des Genrekinos aus?
Jacques Audiard: Das ist weniger eine Faszination als Pragmatismus. Genre ist ein Mittel, um schnell und direkt mit dem Publikum zu kommunizieren. Es basiert auf einer Reihe von Codes und einem sozialen Kontext. Das Publikum weiß sofort, wo und woran es ist. Sobald man sie hat, kann man seine Geschichte erzählen und sie mit auf eine Reise nehmen.

Auch um die Konventionen zu verändern, auszuweiten, zu unterwandern?
Jacques Audiard: Daran liegt mir nichts. Ich gehe ganz anders vor: Ich versuche, die richtigen Bilder, die richtige Inszenierung, den richtigen Rhythmus für den Film zu finden. Ich überlege mir auch nie, einen Film in einem bestimmten Genre zu machen. So funktioniert es nicht. Zuerst finde ich eine Geschichte, und aus der ergibt sich ganz organisch, wie sie erzählt werden muss. Ich treffe da keine bewusste Entscheidung. Einer meiner Filme, Lippenbekenntnisse, hätte eine Komödie sein können, doch als ich an dem Stoff arbeitete, entwickelte es sich ganz automatisch in einen Thriller.

Es gibt in der französischen Kultur eine Tradition, das Gefängnis als Metapher zu sehen, von Foucault bis …
Jacques Audiard: Nein, nein! Das ist viel zu intellektuell!

Aber gedacht haben Sie sich doch sicher etwas dabei, nicht?
Jacques Audiard: Ich würde mich nie mit Foucault vergleichen. Aber natürlich arbeiten Genrewerke, ob im Kino oder in der Literatur, mit Metaphern. Auf eine Art geht es immer um eine Gesellschaftsanalyse. Man nimmt einen Teil der Gesellschaft unter die Lupe und betrachtet ihn in Großaufnahme.

Das Gefängnis als eine Art Labor, als Versuchsanordnung?
Jacques Audiard: Exakt. Es ist ein sehr dichter Fokus, ein sehr konzentriertes Universum, in dem bestimmte Aspekte deutlicher zu Tage treten. In Frankreich sind etwa acht Prozent der Bevölkerung Nordafrikaner, im Gefängnis sind es 75 Prozent. Allein durch die Kraft dieser Zahl ist eine überhöhte Situation geschaffen. Und darin angesiedelt eine fiktive Geschichte, die stärker sein kann als jeder Dokumentarfilm.

Haben Sie sich dabei von Filmen oder Serien wie „Prison Break“ inspirieren lassen?
Jacques Audiard: Es ist schwierig, als Cineast einen konkreten Einfluss zu nennen, weil man nicht genau sagen kann, wo etwas herkommt. Wenn ich einen Film nennen müsste, wäre es kein Gefängnisfilm, aber etwas in der Art: One Flew Over the Cuckoo´s Nest. Er ist in der Analyse sehr nah an dem, was ich versucht habe. Ich schaue kein Fernsehen und ich erlaube es auch meinen Kindern nicht. Ich habe „Prison Break“ nie gesehen, ich bin, was das angeht, sehr altmodisch. Mir würden solche Serien aber auch nicht helfen, ich muss die Antworten auf meine Fragen woanders finden.

Was haben Sie denn gegen das Fernsehen?
Jacques Audiard: Mich interessiert es einfach nicht. Nein, es geht noch weiter: Es widert mich regelrecht an, ich ertrage es nicht. Es ist voller Propaganda und die reinste Umweltverschmutzung. Es trivialisiert alles, die Kultur leidet sehr darunter, weil es alles nivelliert. Die Bilder, die Worte, alles wird gleichgemacht. Durch das Fernsehen werden aus Zuschauern bloße Konsumenten.

Ist Ihr Film nicht zum Teil von Fernsehsendern finanziert?
Jacques Audiard: Das ist das Paradoxe daran. Oder das Problem. Im Gegensatz zum Fernsehen geht es bei mir um eine Reflexion der Bilder, ein Nachdenken über ihre Entstehung und ihre Bedeutung. Das wäre im Fernsehen absolut unmöglich.

Ist Wut ein Antrieb für Sie?
Jacques Audiard: In Bezug auf Un prophète ganz sicher. Nachdem ich das Gefängnis besucht hatte, war klar, dass ich über diese Zustände einen Film machen muss.

Glauben Sie an die Kraft des Kinos, die Verhältnisse zu ändern?
Jacques Audiard: Absolut nicht. Das war auch nicht der Grund, ihn zu drehen. Filme verändern nicht das Leben, höchstens meins, weil ich ihn mache. Wenn jemand sagt: „Der Film hat mein Leben verändert“, betrifft das diesen einen Zuschauer, weil der Film bei ihm auf einer ganz persönlichen Ebene etwas angestoßen hat. Aber generell? Was soll er verändern? Den Speiseplan für die Inhaftierten? Woran ich dagegen sehr wohl glaube, ist die ästhetische Macht und die emotionale Kraft des Kinos.

Die Botschaft Ihres Films ist doch aber …
Jacques Audiard: Mein Film hat keine Botschaft!

Er zeigt doch, dass Haftstrafen nichts bringen, weil das Gefängnis aus vormals Unschuldigen Kriminelle macht.
Jacques Audiard: Das ist aber nicht die Botschaft oder Bedeutung des Films, sondern schlicht eine Tatsache. Und ich nutze diesen Kontext und mache daraus ein Paradox. Was wäre aus Malik geworden, wenn er nicht das „Glück“ gehabt hätte, ins Gefängnis zu kommen?

Was interessiert Sie an Outsidern?
Jacques Audiard: Sie sind einfach interessanter! Sie haben eine Geschichte und ein Ziel, sie wollen etwas erreichen. Was gäbe es über Reiche zu erzählen? Das wäre nur interessant, wenn man sie scheitern sehen würde.

Lässt sich die Gesellschaft besser vom Rand her, aus einer gewissen Distanz, betrachten?
Jacques Audiard: Das kann man nicht verallgemeinern. Es kommt immer auf die Geschichte an, aus welcher Sicht sie zu erzählen ist. Aber mein Ziel war es auch, mit diesem Film jenen Menschen ein Gesicht zu geben, die in der französischen Gesellschaft nicht wahrgenommen werden und Schwierigkeiten haben, Fuß zu fassen.

In Ihren Filmen geht es immer wieder um die Schwierigkeit, miteinander zu kommunizieren. Sehen Sie darin das größte Problem der Moderne?
Jacques Audiard: Es war bereits im 19. Jahrhundert ein großes Problem, aber das wurde nicht wahrgenommen. Und heute leben wir in einer völlig durchmedialisierten Welt, in der dauernd kommuniziert wird und doch alle aneinander vorbeireden. Also: ja.

Mit Der Wilde Schlag meines Herzens haben Sie ein Remake des US-Dramas Fingers von James Toback gedreht. Würden Sie auch in Hollywood arbeiten wollen?
Jacques Audiard: Überhaupt nicht! Wovon ich erzählen will, ist hier in Europa. Die USA interessieren mich als Filmemacher nicht im Geringsten.