Mischa Kamp – Romys Salon

Interview

Wenn Oma wieder zum Kind wird

| Bettina Schuler |
Ein Gespräch mit Regisseurin Mischa Kamp über ihren Film „Romys Salon“, über Vergänglichkeit und über den Umgang von Kindern mit einer schweren Erkrankung in der Familie.

Alt werden ist für keinen schön. Weder für uns noch für unsere Angehörigen. Doch wie geht man damit um, wenn die eigene Mutter nicht mehr weiß, was eine Schere ist, obwohl sie doch eigentlich Friseurmeisterin ist? Schickt man sie ins Heim? Oder holt man sie zu sich? Das sind Fragen, die uns Erwachsene beschäftigen, sobald ein Angehöriger die Diagnose Alzheimer erhält. Doch wie geht es eigentlich unseren Kindern damit, wenn Oma plötzlich unberechenbar wird? Besser, als wir denken. Zumindest, wenn es nach dem Film Romys Salon der niederländischen Regisseurin Mischa Kamp geht. Denn da kommen sich Großmutter und Enkelin erst durch die Krankheit der Großmutter wirklich nahe. Warum Nähe oft erst im Angesicht von Vergänglichkeit entsteht, weshalb Kinder mit schwierigen Situationen häufig besser umgehen können als wir Erwachsene und wie Mischa Kamp die großartige Vita Heijmen gefunden hat, darüber haben wir mit der Regisseurin gesprochen.

Alzheimer ist ein doch recht ungewöhnliches Thema für einen Kinderfilm. Wie sind Sie denn darauf gekommen?
Mischa Kamp: Durch die Autorin Tamara Bos, die nicht nur das gleichnamige Kinderbuch, sondern auch das Drehbuch für den Film geschrieben hat. Tamara hatte die Idee zu Romys Salon schon im Kopf, als wir 2005 gemeinsam an dem Film Ein Pferd für Winky gearbeitet haben. Wir haben nur eine Weile gebraucht, um sie zu realisieren. Tamara hat einen sehr persönlichen Zugang zu dem Thema, da sie selbst eine Großmutter hatte, die an Alzheimer gelitten hat. Tamara war allerdings schon erwachsen, als die Krankheit bei ihrer Oma ausgebrochen ist. Man kann die Geschichte also nicht eins zu eins auf Tamaras Leben übertragen. Auch wenn die Figur der Großmutter, insbesondere was den harschen Umgangston angeht, in vielem der von Tamara sehr ähnelt. So hat Tamara die andere, weiche Seite ihrer Großmutter ebenso wie Romy erst kennengelernt, als sie sich aufgrund der Krankheit nicht mehr komplett unter Kontrolle hatte.

Warum, meinen Sie, ist es für Kinder so viel einfacher, mit Demenz, Vergänglichkeit und Tod umzugehen?
Mischa Kamp: Ich glaube, im Fall von Romy liegt es daran, dass ihre Mutter ihrer Großmutter wesentlich näher steht. Immerhin wurde sie von ihr großgezogen. Ich glaube, es ist wesentlich schwerer, unsere Eltern altern beziehungsweise sterben zu sehen. Denn unsere Großeltern sind schon immer alt gewesen. Weshalb wir unterbewusst auch immer damit rechnen, dass sie bald sterben werden. Kinder gehen meist wesentlich unbefangener mit kranken oder sehr alten Menschen um. Bei Romy wirkt sich die Krankheit der Großmutter sogar positiv aus und bringt die beiden näher zusammen.

Trotz all der Traurigkeit gibt es in diesem Film auch sehr viele Momente von großer Nähe. Sind wir nur angesichts der Vergänglichkeit bereit, einander wirklich nahe zu sein?
Mischa Kamp: Uns ging es darum, zu zeigen, dass es auch – oder gerade in schwierigen Zeiten – immer wieder schöne Momente gibt, in denen man einander nahe ist. So wie es bei Romy und ihrer Großmutter der Fall ist. Ich glaube, für Kinder ist es noch leichter als für Erwachsene, solche Momente zuzulassen. Einfach, weil es ihnen per se leichter fällt, sich auf neue Situationen und Gegebenheiten einzustellen. Sie leben im Moment und machen sich noch nicht so viele Sorgen darüber, was in der Zukunft geschehen wird. Sicher auch, weil ihnen, zumindest, wenn sie in dem Alter von Romy sind, das Ausmaß und die Bedeutung einer solchen Krankheit noch nicht wirklich klar sind. Dadurch haben sie auch einen wesentlich unbeschwerteren Umgang damit als wir Erwachsenen.

Haben Sie einen persönlichen Bezug zum Thema Demenz?
Mischa Kamp: Als wir vor über zehn Jahren die Idee zu dem Film hatten, gab es  noch keinen Bezug dazu. Aber mit dem Älterwerden ist Demenz natürlich auch in meinem Leben ein Thema geworden.

Wie haben Sie die Hauptdarstellerin Vita Heijmen gefunden?
Mischa Kamp: Es ist immer wieder schwierig, eine passende Hauptdarstellerin zu finden. Auch wenn ich vorab niemals einen bestimmten Typ vor Augen habe oder mir denke, das Mädchen muss so und so aussehen. Aber sie muss eben das entscheidende Etwas haben. Für Romys Salon hat sich unsere Castingdirektorin über 80 Kinder angesehen. Doch irgendwie ist niemand dabei gewesen. Dann, ganz plötzlich, kam mir Vita wieder in den Sinn. Ich habe sie während eines Screenings zu meinem letzten Film kennengelernt. Sie ist damals ganz privat, mit den Kinder von Freunden von mir bei dem Screening gewesen. Doch irgendwie ist sie mir schon damals ins Auge gesprungen. Also haben wir sie angerufen und sie gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, in einem Film mitzuspielen. Sie war sehr zögerlich, ist dann aber doch zum Casting gekommen, war aber schrecklich schüchtern. Das erste Casting war dementsprechend auch ein echter Reinfall, und auch das zweite war alles andere als gut. Aber irgendwie habe ich gewusst, dass sie für die Rolle die richtige ist. Auch wenn mich alle anderen vom Gegenteil überzeugen wollten. Doch spätestens bei dem letzten Casting, als Vita gemeinsam mit der Großmutter, Beppie Melissen, vor der Kamera stand, wussten alle, was ich in ihr gesehen habe.

Wussten Sie denn von Anfang an, welche Schauspielerin die Großmutter spielen wird?
Mischa Kamp: Lustigerweise haben wir damals schon über die Besetzung gesprochen. Doch Beppie Melissen wäre zu der Zeit noch viel zu jung für die Rolle gewesen. Weshalb es im Endeffekt gut gewesen ist, dass wir so lange mit der Realisierung des Filmes gewartet haben. Die Zeit hat quasi für uns gearbeitet. Sowohl, was die Rolle der Großmutter, als auch die von Romy angeht. Denn Vita ist damals ja noch nicht auf der Welt gewesen.

Haben Sie für den Film auch mit Institutionen zusammengearbeitet, die sich mit dem Thema Alzheimer beschäftigen?
Mischa Kamp:
Nicht direkt, aber wir haben anlässlich des Welt-Alzheimer-Tages eine Vorführung in einem Kino veranstaltet. Es war unglaublich spannend, zu sehen, was für unterschiedliche Menschen zu dem Screening
kamen. Vom achtjährigen Mädchen über die 30-jährige Pflegerin bis zu den alten Menschen, die dort lebten, war alles vertreten. Das war für mich eine tolle Erfahrung. Auch, weil ich sehen konnte, wie unterschiedlich der Film von den jeweiligen Altersklassen wahrgenommen wird. Ich finde es jedoch am schönsten, wenn man sich den Film gemeinsam, als Familie ansieht. Für viele Kinder sind die Abenteuer, die Romy mit ihrer Großmutter erlebt, so oder so viel wichtiger als ihre Krankheit. Ich habe das Gefühl, dass die Eltern heutzutage sehr ängstlich sind, was ihre Kinder angeht und immer befürchten, dass manchen Themen sie überfordern. Dabei kann man mit Kindern über alles sprechen. Zumindest, solange sie von ihren Eltern entsprechend aufgefangen und begleitet werden. Auch oder gerade über das Thema Alzheimer. Denn diese Krankheit kann schneller, als man denkt, auch die eigene Familie betreffen.