Diesen Sommer geht eine fast 20-jährige Kino-Ära zu Ende: „X-Men: Dark Phoenix“ ist der Schwanengesang auf eine Filmreihe, die das Superhelden-Genre für immer veränderte. Ein Streifzug durch die X-Men-Geschichten, die seit jeher vor allem eines waren: provokant-sensible Parabeln auf Fremdenhass.
2019 heißt es Abschiednehmen im Superhelden-Kino: Während die Überdrüber-Weltenretter-Gang The Avengers mit Endgame ihre letzte (Blockbuster-)Schlacht bereits hinter sich hat, geht es nun auch mit einem anderen Erfolgs-Marvel-Superhelden-Franchise zu Ende: X-Men: Dark Phoenix bildet den Abschluss der neu aufgelegten, modernisierten und zu Unrecht seit jeher im Avengers-Schatten stehenden X-Men-Filmreihe. Jener Reihe nämlich, ohne die das seit Jahren boomende Milliardengeschäft mit Comic-Verfilmungen nicht möglich gewesen wäre. Die dank mutiger Innovationen und einem totalen Einspielergebnis von 5,78 Milliarden US-Dollar zum sechsterfolgreichsten Filmfranchise aller Zeiten avancierte (und uns Deadpool schenkte!). Die polymorphe Mutter aller Superhelden-Filmreihen, sozusagen.
Spiegel der Zeit
X-Men sind eine Gruppe von Mutanten, sprich: Menschen, die aufgrund einer besonderen Gencodierung, dem sogenannten X-Gen, übermenschliche Fähigkeiten besitzen. Das Debüt aus der Feder von Comic-Mastermind Stan Lee und Zeichner Jack Kirby erschien 1963 und war ein authentischer und überraschend unverhohlener Spiegel seiner Zeit: Es erschien nur wenige Wochen nach dem geschichtsträchtigen „March on Washington“ – und ähnlich wie Martin Luther King hatte auch Professor X, quasi der Vater aller X-Men, einen Traum, nämlich jenen des friedlichen und respektvollen Zusammenlebens, jenseits aller Unterschiede und trotz aller Angst vor dem Fremden. Diese ist es nämlich, die uns Menschen Mutanten gegenüber mit Unterdrückung, Ablehnung und Fanatismus reagieren lässt. Anders als die strahlenden Superhelden Superman und Batman, die wir für ihr Anders-Sein bewundern, sind die X-Men seit jeher als gesellschaftliche Außenseiter dazu gezwungen, ihren Platz in der Welt zu suchen und dabei gegen Diskriminierung anzukämpfen – und das mit durchaus unterschiedlicher Vorgehensweise: Professor X steht sein Intim-Erzfeind Magneto gegenüber, der die Rolle des radikalen und streitbaren Malcom X einnimmt, somit vielmehr Unterschiede anstatt Gleichheit betont, und die Mutanten, immerhin die nächste Evolutionsstufe, als den Menschen überlegen sieht und diese als dominante Spezies ablösen möchte. Den besten Batman- und Superman-Storys liegt die Frage, wie wir mit dem Fremden unter uns umgehen sollen, zugrunde. Diese Thematik ist den X-Men a priori eingeschrieben.
Gesellschaftskritischer Eskapismus
Die gesellschaftspolitischen Untertöne kamen ab Mitte der siebziger Jahre, als die Comic-Reihe eine umfangreiche Neuausrichtung erfuhr, noch stärker zum Tragen: Ab nun präsentierte sich die Mutantenfamilie noch vielfältiger, die Metaphern für Ausgrenzung von gesellschaftlichen Minderheiten waren nicht mehr zu übersehen oder gar zu ignorieren. Egal ob schwarz oder weiß, jüdisch oder christlich, hetero- oder homosexuell, männlich oder weiblich, US-Amerikaner oder Europäer, jung oder alt, Punk, Hippie oder Uniprofessor, gut oder böse, polymorph oder fade: In der X-Men-Familie war jeder willkommen. Die Message: Wir alle sind anders, sind Außenseiter – und genau deshalb etwas Besonderes! „Mutant and proud“, wird das Motto in den späteren Filmen heißen. Die X-Men sind sympathischer und vor allem zeitloser als der bourgeoise Batman. Als Kinder der Gegenkultur befinden sie sich im steten Kampf gegen den Mainstream und mit dem eigenen Körper, der Waffe, Geschenk und Gefängnis zugleich ist. Rassismus, Homophobie oder auch Antisemitismus werden im X-Men-Portfolio genauso erzählt wie Zeitreisen, galaktische Kämpfe um Leben und Tod sowie jede Menge Soap-ähnliches Drama – Eskapismus und Gesellschaftskritik gleichermaßen also. Die Grenzen von Superman, Batman, Spider-Man und Iron Man sind die Stärken der X-Men: Dank der sich stets erweiternden Superhelden-Gruppe, die schier unendliche Möglichkeiten für neue Superkräfte, charakterliche Weiterentwicklung sowie diverse emotionale Irrungen und Wirrungen auf der dramaturgischen Spielwiese bietet, sind fesselnd-spannende Veränderungen natürlicher Bestandteil des X-Men-Kosmos und kommen weniger erzwungen daher als in anderen Superhelden-Storys. „The X-Men“ etablierte in der Comic-Welt die serielle Erzählweise, schockierende Cliffhanger und unberechenbare Twists inklusive. Nicht zu vergessen die zahlreichen starken Frauenfiguren, die retteten anstatt gerettet zu werden, dabei aber immer ihre weiblichen Vorzüge behielten.
Kino-Revolution
Der Mut zum Neuen, der Mix aus Ernsthaftigkeit und Camp kam an, allen voran bei pubertierenden Jungs, Nerds und gesellschaftlichen Minderheiten: „The X-Men“ wurde zur erfolgreichsten Comic-Buchreihe der achtziger und neunziger Jahre. Die Ausgabe „X-Men #1 (Vol. 2)“ mit einem Umsatz von sieben Millionen US-Dollar ist das bis heute erfolgreichste Comic-Heft aller Zeiten. Der darauffolgende popkulturelle Einfluss war – und ist – enorm. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis auch Hollywood an die Mutanten-Tür klopfte.
Als im Jahr 2000 der erste X-Men-Film unter der Regie von Bryan Singer in die Kinos kam, galten Comic-Verfilmungen noch als Nischenprodukte, interessant höchstens für unkritische Kinder. Der Batman-Kino-Hype aus den Achtzigern lag lange zurück, was danach an Superhelden-Filmen auf die Leinwand kam, war eher lauwarm als fulminant. Zur Jahrtausendwende konnte die Technik mit den Comics endlich Schritt halten, X-Men galt als technische, aber auch dramaturgische Revolution des Superhelden-Kinos, die dem darauffolgenden Boom rund um Spider-Man, Iron Man und Co. den Weg ebnete. Erstmals wurden Superhelden von Hollywood-Bossen ernst genommen, ohne dabei auf den Blockbuster-Genuss zu vergessen. Dafür sorgte auch der mit Starpower angereicherte Cast: Halle Berry, Anna Paquin und Famke Janssen waren ebenso mit von der Partie wie die Shakespeare-Interpreten Patrick Stewart und Sir Ian McKellen. Als „größte Neuentdeckung des Films“ galt der Australier Hugh Jackman, der mit der Rolle des Wolverine, angelegt irgendwo zwischen herber Maskulinität und sensibler Verletzlichkeit, seine Weltkarriere startete. Wolverine gilt bis heute als eine der am besten filmisch umgesetzten und besetzten Charaktere in der Comic- und Filmgeschichte (zu Hugh Jackman siehe auch DVD-Tipp The Front Runner auf S. 89).
Konventionell, aber tiefgreifend
Auch die beiden Nachfolger X-Men 2 (2003) und X-Men: The Last Stand (2006) lieferten Ideenkino mit Popcorngeschmack, die trotz konventionellem Grundgerüst vor ernsthaften und tiefgreifenden Zwischentönen nicht zurückschreckten: Die Allegorie des gesellschaftlichen Außenseitertums war nach wie vor, ja gar noch stärker als in den Comics, präsent, mit besonderem Fokus auf die LGBTI-Community: „Hast du versucht, kein Mutant zu sein?“, fragt zum Beispiel eine angewiderte Mutter den Mutanten-Teenagersohn in X-Men 2. Zwar beweist Singer Feingefühl für einen bedächtigen und stimmigen Erzählfluss, der neben all der explodierenden Action genug Freiraum für leise Töne lässt, zeigt jedoch von Beginn an auch einen Hang zum Überfluss an Figuren, was zu störendem Ungleichgewicht führt: Stars wie Halle Berry wurden zu Stichwortgebern degradiert, etliche Figuren blieben eindimensional und einfallslos. X-Men: The Last Stand unter Regisseur Bratt Ratner verkam schließlich zum konstruiert-groben Krawall-Spektakel mit falscher dramaturgischer Fokussierung, der dritte gilt folglich bis heute als schwächster Teil des Franchise.
Re-Sprequel
Trotzdem wollte die X-Cashcow weiter gemolken werden: Anhand eines neuen Casts (u.a. James McAvoy, Michael Fassbender, Jennifer Lawrence), einer neuen etablierten Timeline und der Verknüpfung der X-Men-Historie mit real-zeitgeschichtlichen Ereignissen wurde dem Franchise im Jahr 2011 mit X-Men: First Class eine moderne Verjüngungskur verpasst. Die Filme befassen sich, ganz im Star-Wars-Stil, mit der Vergangenheit und den Anfängen der X-Men. Die „neue“ Filmreihe, die insgesamt aus vier Teilen besteht, bleibt dem „alten“ Stilmix aus bombastischen Spezialeffekt-Kaskaden und großem Herz für menschliche Dimensionen treu, diesmal jedoch mit teils klassizistischer Anmutung und dichteren Storylines. Statt Action-Bombast liegt der Fokus nun wieder auf Superhelden-Seifenoper in Reinkultur: Nicht um Krawall und Zerstörung geht es, sondern um die Beziehungen zwischen den Mutanten, deren persönliche Entwicklung, um versteckten Schmerz und stille, intensive Charaktermomente, gepaart mit – klar – engagierten, mehrdeutigen Gesellschaftskommentaren, die mitunter mit der Holzhammer-Methode serviert werden, sodass der Subtext immer öfter zum Text wird. Sei’s drum: Den Figuren wird somit endlich die dringend nötige Tiefe verliehen. Die Filme verweigern sich zudem mit erfrischender Sturheit dem Trend, Superhelden-Storys eine gewaltige Brise an (erzwungenem) Humor unterzujubeln, bleiben gewohnt düster, bloß hier und da gibt’s selbstreferenzielle Gags für Insider. Der größte Clou gelang Singer allerdings mit X-Men: Days of Future Past (2014), als er die Grenzen zwischen Prequel, Sequel und Reboot außer Kraft setzte und somit einen Neustart der Filmreihe ermöglichte, ohne die Vorgänger dabei auszulöschen (und das dann irgendwie doch wieder tut).
Ungewisse Zukunft
Mittlerweile umfasst das X-Men-Franchise 13 Filme, darunter drei Wolverine-Spin-Offs sowie zwei weitere höchst erfolgreiche Ableger rund um den tabulosen und satirischen Anti-Helden Deadpool. Dass X-Men: Dark Phoenix ähnliche Kassenerfolge verbuchen wird, darf bezweifelt werden, blieb doch schon der Vorgänger X-Men: Apocaplyse (2016) hinter den finanziellen Erwartungen zurück. Die Spitze der Kinocharts dürfte trotzdem drin sein, immerhin gilt die Story rund um Jean Grey als eine der besten Comic-Sagas ever und funktioniert auch rund vier Jahrzehnte nach ihrem Debüt immer noch bestens als punktgenaue Parabel für Selbstfindung, Identitätsverlust, Verrat sowie Selbst- und Fremdbestimmung. Schlägt sich der neue Film an den Kassen überdurchschnittlich, dürfte ein Fortbestand der X-Men-Filmreihe gesichert sein, aufgrund des (intern durchaus umstrittenen) Fox/Disney-Deals ist die Zukunft der Mutanten allerdings ungewisser denn je. Es sei zwar nicht auszuschließen, die X-Men ins bereits etablierte Marvel-Universum einzuführen, ließ MCU-Oberhaupt Kevin Feige verlautbaren, aber bis es, wenn überhaupt, so weit sei, würde es „noch sehr lange Zeit dauern“. Zumindest die für 2020 geplanten Spin-Offs New Mutants und Gambit dürften fix sein. Wer wohl danach für uns Außenseiter kämpfen wird …?
