Österreich ist der Arsch der Welt. Notizen zur heimischen Filmkomödie.
Frage: Könnte es sein, dass Allah eine Frau ist? Na, sicher nicht, würden sicher all die antworten, die genau zu wissen glauben, was und wer der Gott ist, der bei den Muslimen den arabischen Namen Allah trägt. Na, sicher nicht, müssten aber auch all die antworten, die gar nicht an Gott glauben, weder an einen mit arabischem noch an einen mit hebräischem noch an einen mit lateinischem, deutschem oder, meiner Seel’, türkischem oder tschuschischem Namen. Am Ende der Komödie Womit haben wir das verdient? von Eva Spreitzhofer gibt es zwar noch einen zaghaften Versuch, das oberste Wesen vor den Schwächen seiner Geschöpfe zu schützen: „Dass Menschen deppat sind, hat mit Allah nichts zu tun.“ Aber das geht sich natürlich nicht aus.
Der österreichische Kabarettist Alfred Dorfer leitet seine Pointen gern mit dem einfach so in den Raum gestellten Wort „Frage“ ein. Fragen tun Leute, die sich deppat stellen, um auf diese Weise ein bisschen gescheiter zu werden. Fragen tun Leute, die zwischen Glauben und Wissen nach einem dritten Weg suchen. Vom Fragen zum Antworten wird es entweder komisch oder tragisch. Oder brutal. In Österreich oft alles gleichzeitig.
In der Komödie Harri Pinter, Drecksau fragt sich der Held Harri Pinter, ein Kärntner („Kaantner“) Ex-Eishockey-Star, ob er seine Freundin „vielleicht im Bett zu sehr gefordert hat“. Wenige Szenen davor war zu sehen, wie er spätnachts in stark angeheitertem Zustand eine solche Liebesnacht einzuleiten versucht hat: In Eishockey-Montur und in am Arsch ausgeschnittener Unterhose traf er seine Ines in flagranti mit dem Kommunikationswissenschaftler Herwig Pansi an. Frage: Was ist komischer? Ein Mann, der sich als Liebhaber überschätzt, oder eine Frau, die sich zu einem Gott bekennt, der angeblich für Vollverschleierung zum Zweck der Ehrbarkeit ist?
Vor 25 Jahren, als Alfred Dorfer im österreichischen Kino seine Fragen zu stellen begann, und Josef Hader das damals noch vollkommen unbestrittene Recht auf Schnitzel praktisch durch häufigen Verzehr verteidigte, da war alles noch einfacher. Österreich lachte über sich selbst, und hatte einen relativ überschaubaren Begriff davon, was dieses Selbst war. Männliche Kabarettisten hielten diesem Selbst einen Spiegel vor, in dem man sich unbehaglich erkennen konnte. Der Blues in seiner cis- und transdanubischen Spielart zwischen Simmering und Kaisermühlen war die österreichische Witzigkeit.
Wenn man sich heute ein wenig mit der österreichischen Filmkomödie beschäftigt, kann man eigentlich nur staunen, was mit dem Land seither passiert ist. Noch in Hinterholz 8 (1998), dem einschlägigen Blockbuster, konnte man Witze auf Kosten eines Gastarbeiters machen: „roboti“, sonst gibt’s 30 Schilling statt 60 für das (dem Anschein nach eigentlich: sinnlose) Ausschaufeln einer Baugrube. Natürlich war auch da der eigentliche „Arsch“ des Witzes („the butt of the joke“, den genau zu bestimmen vor allem eine Leidenschaft der amerikanischen Kritikerin Pauline Kael war: also der, den es wirklich trifft) natürlich der provinzielle Parade-Österreicher mit unaussprechlichem Namen: Herbert Krcal, im Grunde ein guter Kerl, aber halt unter vielfachem Druck, darunter Ressentimentdruck, aber auch sexuelle Konkurrenz. Neben der Arbeiterklasse prackt es auch die Kleinbürger auf dem Weg ins Paradies gern auf.
Seinerzeit, in den neunziger Jahren, haderte die Filmkritik in Österreich sehr mit der Kabarettisierung der heimischen Komödien. Eine Tradition gab es ja nicht wirklich, also begann das Genre bei einem naheliegenden Punkt Null: bei Selbstdarstellern, die (immerhin ironisch) die Gosch’n aufrissen. Von den Neugebauers aus dem Gemeindebau in Muttertag (1993) von Harald Sicheritz führt ein ziemlich gerader Weg zu den Migrantigen (2017) von Arman T. Riahi. Unterwegs hat sich aber das Figurenpersonal so angereichert, dass man heute in alle Richtungen lachen kann – vor allem in Richtung auf ein Monopolfernsehen, das sich das Getto Rudolfsgrund nur zu gern vorspielen lässt, aber auch in Richtung auf eine Verehrung des Fetischs Differenz, die aus jedem Marko aus Ex-Jugoslawien einen Tschuschen macht. Oder jeden Mann mit leichtem Teint zu einem Omar zurechtorientalisiert.
Die Migrantigen kann man lesen wie eine Cremeschnitte in der Aida, also sozusagen archäologisch. Von Schicht zu Schicht kommt man tiefer auf den Grund der österreichischen Komödie: „I nimm eam“, sagt an einer Stelle ein Boxtrainer. Er wird gespielt von Klaus Rott, einem der Stars im Austro-Kino, der allerdings eine deutlich größere Karriere verdient gehabt hätte. Rott war bekanntlich der Karli von den Sackbauers. Mit den Sackbauers, also mit dem Volksschriftsteller Ernst Hinterberger, fing überhaupt alles an, davor ist alles so prähistorisch wie der Herr Karl, der sich noch an den Faschismus erinnern konnte (oder eben nicht).
Die österreichische Komödie ist aber ein Genre, das von dem frischen Wind lebt, den die Kreisky-Jahre in die Gesellschaft brachten. Diesem Wind hält die Kömödie Figuren entgegen, die sich vom Wind des Fortschritts beuteln lassen – eine der berühmtesten Theorien des Komischen, die von Henri Bergson, handelt ja davon, dass eine Figur Gelächter auslöst, wenn sie zu starr ist. Tatsächlich ist die Komödie das Genre der Anpassungsschwierigkeiten, und je moderner eine Gesellschaft wird, desto mehr häufen sich diese Schwierigkeiten.
In Die Migrantigen haben sie sich schon so aufgetürmt, dass man von einer Kumulation (oder, etymologisch benachbart, von einem Kuddelmuddel) sprechen könnte. Man muss sich nur ein paar der weiteren Darsteller anschauen, um von der tiefsten Schicht allmählich wieder in die Gegenwart zurückzufinden: Josef Hader (Indien bis Wilde Maus), Margarethe Tiesel (der Kosmos Seidl mit seiner sehr eigenen Un-Komik), Alexander Jagsch (Schlawiner, Paul Harather), Dirk Stermann. Das sind alles Cameos, klar, aber auch Bohrungen, die etwas zutage fördern.
Die öffentliche Figur und den Körper von Josef Hader allein könnte man zu einem Exempel von Anpassungsarbeit nehmen: Hätte er immer dort weitergemacht, wo der Bösel in Indien am Anfang steht, wäre er heute schon rein körperlich ein zweiter Qualtinger. Aber es gab ja schon in Indien einige diätetische Signale, und seither spielt Hader mit seiner Physis fast so, wie Robert De Niro das im amerikanischen Kino vorgemacht hat: Im Grunde arbeitet er an einer Drahtigkeit, die ihm den Buckel als Pose erlaubt, den er gern andeutet. Hader überbrückt mit seinem Werdegang den klassischen Bildungsweg der Generation, die heute auch in der österreichischen Komödie allmählich ins Pensionsalter kommt: vom Land (Landkrimi) in die Stadt (Stadtkomödie), vom Trivialwissen (die Indianer greifen Forts an, Indien) zum Bildungswissen (Die Zauberflöte ist ein Singspiel, keine Oper: Wilde Maus).
Während Hader sich geformt hat, sind in Österreich die Generationen herangewachsen, die nun ein ganz anderes Land ergeben. Ein Land, in dem die im Grunde rassistischen Sidekick-Verhältnisse nicht mehr funktionieren, weil einfach die Hierarchien durcheinander geraten sind: Eine de facto komische Szene wie die von dem Favoritner Ausländerfeind, der sich in Uli Gladiks Dokumentarfilm Inland unter das Messer eines türkischen Friseurs begibt, wäre in einem Spielfilm jederzeit denkbar und würde dort genauso gut funktionieren; das jugendlich-vielfältige Wien „mit Migrationshintergrund“, das Barbara Albert 1999 mit ihrem Langfilmdebüt Nordrand zum ersten Mal weithin sichtbar filmreif gemacht hat, hat sich seither in eine so überbordende Komplexität von Stilen und Slangs und auch Problemen und Propaganda ausdifferenziert, dass im Grunde nur noch Komödien damit zurechtkommen können.
Da zeigt sich dann aber manchmal, dass ein leicht didaktischer oder volkspädagogischer Zug, wie er sich aus dem reformistischen ORF-Fernsehen der siebziger Jahre noch in Spuren gehalten hat, zu einem wesentlichen Faktor geworden ist. Die Provokation einer jungen „einheimischen“ Muslimin löst sich in Womit haben wir das verdient? in die Wunschvorstellung einer Islamreform 4.0 auf, und auch Die Migrantigen therapiert letztlich in erster Linie den (nicht genannten) ORF. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen bewirtschaftet die Vielfalt, in der auch der Islam in Österreich „daham“ ist, routiniert mit Stadtkomödien wie Herrgott für Anfänger. Damit holt Österreich im Grunde nur das auf, was auch international mit den Culture-Clash-Komödien schon seit vielen Jahren als eine Goldgrube für ein rückbezügliches Lachen entdeckt wurde: ein Lachen, mit dem sich ein ohnehin kulturell offenes (Gebühren-)Publikum seiner Offenheit versichert.
Aber da führt die Genre-Logik halt schnell an Grenzen. Auch international findet die Komödie selten über den Punkt hinaus, an dem man – Gag pro toto – den rotbärtigen Simon Schwarz in eine Burka steckt und ihn aus einer Polizeikontrolle mit dem rettenden Stichwort „Gschnas“ entkommen lässt. Eine performative, experimentelle Komik (nach wie vor wichtigster Protagonist: Borat) kann man auf den Straßen von Wien und vielleicht sogar Kapfenberg oder Bludenz wahrscheinlich alltagskulturell voraussetzen. Der Schmäh hat es ja an sich, dass er es sich nicht gemütlich machen kann. Er lebt nur als Transgression. Es wird aber noch ein paar halbe Generationen (aber hoffentlich keine weiteren tiefschwarzblauen Koalitionen mehr) brauchen, bis sich das dann irgendwo zeigt. So lange lachen wir halt über einarmige Keyboarder (Love Machine) und vertrottelte Oligarchen (Kaviar), und warten darauf, dass jemand eine Frage stellt, auf die es keine Wuchtel als Antwort tut.
