Jakob, Mimmi und die sprechenden Hunde

Filmauswahl

Erzählen und Erzählung

| Franz Grafl |
„Hätti, Täti, wari“ ... ist sicherlich nicht die Lebensphilosophie jener Kinder, die im Mittelpunkt der aktuellen Filmauswahl stehen. Nach gefährlichen oder emotional schmerzhaften Umwegen nehmen sie ihr Leben manchmal mit Hilfe, aber meist ohne Unterstützung der Erwachsenen in die eigenen Hände.

Des filmischen Erzählens Vielfalt  wird in diesem Jahr besonders betont. Neben den gewohnten Spielfilmen werden ein Dokumentarfilm, ein liebevoll auf ein junges Alterssegment abgestimmtes Kurzfilmprogramm und ein filmisch-optisches Gedicht, das lyrisch-literarisch, tänzerisch-theatrale Erzählvariationen und Paraphrasen über das Gefühl des Begehrens, in Daniel,  angeboten. Mutig von den Autoren und Autorinnen, aber auch von Daniel und von uns, den Zusehern und Zuseherinnen, sich darauf einzulassen!

Ungewollt mutiger müssen auch die zu uns geflüchteten Yalda, Mohammed oder Aichad sein. Den Verlust an deren Lebensqualität signalisiert bereits der Titel Früher mochte ich das Meer. In diesem dokumentarischen Film für Kinder über Kinder wird gezeigt, wie eine  Folge von aufeinander abgestimmten Einstellungen und der dadurch entstehende Rhythmus eine respekt- und würdevolle Nähe zu den Kindern unpathetisch emphatisch entstehen lässt.

„Welche Farben haben unsere Gefühle,“ fragte sich nicht nur ein Filmkünstler wie Michelangelo Antonioni, sondern unter diesem Blickpunkt können auch die diesjährigen Beiträge gesehen werden. Die animierte personenbezogene Farbigkeit in Jakob, Mimmi und die sprechenden Hunde vor dem bräunlich grauen Hintergrund gibt den Hauptcharakteren zusätzliche emotionale Tiefe, die jenseits des Sprechens für uns nachvollziehbar werden kann.

Ebenso stellen in Die Rettung des Eulenwaldes die von Licht überstrahlten farblich lebendigen Bilder im Kontrast zum vorherrschenden Weiß des Schnees eine unwirkliche Atmosphäre her, die auf das utopisch märchenhafte der Erzählung verweist. „Farbe besitzt die Macht und die Kapazität, die Erzählung und deren Bedeutung zu unterwandern“, meint die Psychoanalytikerin und Literatin Julia Kristeva. Mit dem überlegten Einsatz von Farbgebung und Licht kann der erzählerische Zugang über die vordergründige Handlung hinaus erweitert werden.

Fast scheint es, dass Film auf Grund seiner vielfältigen Anregung der Sinne besonders geeignet ist, Fantasie, Träume, nicht nur von Kindern, und damit verbundene utopische Weltbilder einprägsam in Szene setzen zu können. Die Erzählungen kommen oft aus Gegenden – Chuskit etwa aus Ladakh, Indien –, von denen wir bis jetzt nicht einmal wussten, dass es diese Regionen und diese menschlichen Schicksale gibt. Warum lieben wir es so sehr, Erzählungen, anzusehen oder ihnen zuzuhören? Neben dem Bedürfnis nach Unterhaltung und Zerstreuung suchen wir immer wieder auch Geschichten, in denen das Leben vorgezeigt wird und mit denen positives und negatives Verhalten folgenlos nachgefühlt werden kann: Kennenzulernen, wie andere das Leben meistern. Ist das Erzählen nicht doch eine der ursprünglichsten und wichtigen Kulturtechniken, dessen Faszination ungebrochen anhält? Sie wird zwar nicht nur von Menschen angewandt, so fair sollten wir der Natur und den Tieren gegenüber sein, aber die Vielfalt menschlicher Ausdrucksmöglichkeiten ermöglicht es in besonderer Weise, differenzierte Sachverhalte und komplizierte Gefühlswelten auszutauschen. Ähnlich dem Lesen kann Film wichtige menschliche Schicksalsfragen in einer Form verhandeln, die, umfassender als Buchstaben, Ideen und Gefühle in Bewegung bringen kann.

Eingebettet in eine Umgebung, die von altgewohnten Sitten geprägt ist, setzt sich Rasul in Loknat – Stottern in den Kopf, seiner Schwester und der Dorfgemeinschaft eine Bibliothek zu organisieren. Schritt für Schritt in unaufgeregten Bildern und versöhnlichen Szenen zwischen den Generationen setzt er seinen Plan um. Rasul wie auch Lucia in Mein größter Weihnachtswunsch halten nichts von „Hätti, Täti, Wari“, sondern verfolgen, manchmal auch mit Augenzwickern uns, den Zuschauern und Zuschauerinnnen, gegenüber, ihr angestrebtes Ziel.     

Geflüchtete Kinder und Klima- und Umweltschutz fanden überraschend rasch Eingang in die aktuelle Kinderfilmproduktion. Aufregend im Kino zu erleben, wie diese Themen in unterschiedlicher Weise für altersadäquate Wahrnehmungserfahrungen erzählt werden, aber auch wie ähnliche Themen in verschiedenen Filmgattungen in Szene gesetzt werden.

Neben Früher mochte ich das Meer zum Beispiel auch Binti in Form einer geheimnisvollen und metaphernreichen Filmgeschichte. Aber auch der Widerstand gegen Bausünden und für Umweltschutz in Form des märchenhaften Films Die Rettung des Eulenwaldes oder in Jakob, Mimmi und die sprechenden Hunde als gezeichnetes Abenteuer. Werden diese Titel vorher im Bezug zur Farbendramaturgie genannt, werden sie  jetzt hinsichtlich ihrer thematischen Aspekte zitiert. Noch viel mehr Bezüge und Vergleiche zwischen den genannten und den übrigen Festivalbeiträgen können hergestellt werden. Erkennbar werden Synergien und Netze, die aus verschiedenen Erdteilen und Ländern kommen, die aber ähnliche Erzählungen mit international und generationsübergreifend verstehbaren formalen Mitteln anbieten. Nicht nur in der Stummfilmzeit, sondern heute durch das Vermittlungsmedium Internet bleibt der Film international. Für mich, für den die formale Gestaltung auch Teil des Inhalts ist, bleibt die Frage, ob nicht dank Internet  zwar viel gesehen, aber wenig erkannt wird, und ob das Gemeinsame des Kinoerlebnisses nicht zusätzliche Sinneseindrücke hinzufügen kann, die zu einem neuen Teil des Filmes werden.

Wie können Gefühle und Verhalten inszeniert werden, so dass sie von der Leinwand herabkommend für uns tatsächlich als wahrhaftig angenommen werden? Kann ich das Glück, sei es als jüngerer oder älterer Mensch, in Die Rettung des Eulenwaldes nachempfinden, das Begehren in Daniel, die Einsamkeit in Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess, das Gefühl der Liebe in Psychobitch oder die Hilfsbereitschaft und das Verständnis gegenüber der Großmutter in Romys Salon als erklärbar, aber auch vielleicht unter neuen Aspekten als erkennbar fühlen? Farbe und Licht sind nur zwei von vielen Möglichkeiten, über die Literatur hinausgehend, das Erzählen im Film zu erweitern. Sie, als Publikum, erhalten das Privileg, bereits in aller Welt preisgekrönte Filme der letzten zwölf Monate in konzentrierter Form sehen zu können. Preise sind natürlich nur relativ aussagekräftig, da diese von vielen organisatorischen Unabwägbarkeiten, aber auch von kultureller Erfahrung, Praxis und vom ästhetischen Bewusstsein abhängen. Kreieren Sie selbst ihre eigenen Erinnerungen und Aufregungen durch die angebotenen Bild-/Tonkompositionen während und nach der Festivalzeit!

Dr. Franz Grafl
Politik- und Theaterwissenschafter,
Mitarbeiter des Kinderfilmfestivals