3 Engel für Charlie / Charlie’s Angels

Filmkritik

3 Engel für Charlie

| Manuel Simbürger |
Angestrengt modernisiertes Reboot mit feministischer Message, das an Herz und Leichtigkeit vermissen lässt.

Das Reboot/Remake/Fortsetzungs-Karussell in Hollywood dreht sich munter weiter: Nach Terminator: Dark Fate, Die Eiskönigin 2, Maleficent: Mächte der Finsternis, Jumanji: The Next Level, Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers (um nur einige zu nennen) und demnächst Bad Boys For Life dürfen (?) nun die altbekannten Engel rund um den mysteriösen Charlie erneut ran, um bösen Männern das Handwerk zu legen; als die vielleicht weltweit besten Verwandlungs- und Martial Arts-Künstlerinnen dabei natürlich stets gut aussehend und einen kecken Spruch auf den Lippen. Dieses Konzept funktionierte schon in den siebziger Jahren als bahnbrechende TV-Serie (u.a. mit Farah Fawcett und Jaclyn Smith), immerhin eine der ersten mit weiblichen Actionheldinnen im Fokus, und immer noch genauso gut im 2000er-Remake mit Cameron Diaz, Drew Barrymore und Lucy Liu, das dank überdrehter (aber visuell hervorragender) Action und an Satire grenzendem Humor sich selbst nicht allzu ernst nahm und wohl genau deshalb zum weltweiten Erfolg avancierte. Zudem sind weibliche Actionhelden spätestens seit Wonder Woman sowohl bei Kritikern als auch Fans en vogue. Nicht ganz überraschend also, dass man sich entschied, die drei Engel-Amazonen erneut auf die Leinwand zu holen und für die modernen Sehgewohnheiten des Publikums zu adaptieren.

3 Engel für Charlie will sich dabei nicht als Remake, sondern als Reboot verstanden wissen, also quasi als eine Fortsetzung sowohl der TV-Serie als auch der vergangenen beiden Kinofilme – weshalb diesmal eine neue Generation von Charlies Engeln im Mittelpunkt steht, ohne deren kultige Vorgängerinnen zu ignorieren. Das ist lobenswert, die Umsetzung ist allerdings etwas holprig und zu sehr angestrengt modern geraten: Die Privatdetektei Townsend hat mittlerweile ganz groß expandiert und beschäftigt weltweit jede Menge genauso sexy wie durchsetzungsfähige Frauen, die als Geheimagentinnen für all jene Situationen arbeiten, in denen Männer wohl scheitern würden. Auch gibt es nun nicht mehr nur einen einzigen Bosley, sondern gleich mehrere (Frauen wie Männer), die nach wie vor die Aufträge und Einsätze koordinieren und überwachen, also so etwas wie Ober-Engel sind. Den Original-Bosley gibt es aber nach wie vor, der ist aber bereits in die Jahre gekommen – und wird von Kultschauspieler Patrick Stewart dargestellt (der im Film viel zu wenig zu tun bekommt). Die Engel, um die es diesmal geht, sind jünger, als wir es bisher gewohnt sind, unterscheiden sich untereinander aber immer noch in ihren Charakterzügen und ihren Fähigkeiten, weshalb sie auch 2019 ein tolles Team abgeben: Die wilde und rebellische Sabina (Kristen Stewart), die ehemalige taffe MI6-Agentin Jane (Ella Balinska) und, als die Neue im Team, Ingenieurin und Whistleblowerin Elena (Naomi Scott). Die Powerfrauen bekommen den gefährlichen und scheinbar unmöglichen Auftrag, eine riskante Energie-Technologie zu verhindern.

Die Idee, aus den bis dato stets nur drei Engel-Agentinnen eine weltweite Frauenpower-Agentur zu machen, mag auf den ersten Blick interessant und originell anmuten, stiehlt im Grunde aber doch nur die Strahlkraft der einzelnen Engel – ganz nach dem Motto: eine von vielen, deshalb austauschbar. Die Message „Frauen können alles“, die dem Film zugrunde liegt, wird damit auf suspekte Weise sowohl verstärkt als auch untergraben. Insgesamt scheint der Film unbemerkt, ja sogar zelebrierend in die MeToo-Falle zu tappen: allzu gewollt feministisch, zu sehr politisch korrekt und deshalb auf eine bestimmte Weise auch anbiedernd. Die Entscheidung, Neo-Engel Elena zur Wistleblowerin zu machen, kommt ebenso wie eine „Das Engel-Franchise ist modern und in der Gegenwart angekommen“-Holzhammer-Message daher. Die Story selbst hat auf einen Bierdeckel Platz, wartet aber mit einigen überraschenden Twists auf. Auf Hochglanz polierte, fehlerlos inszenierte Action, schnelle Schnitte und trendiger Style stehen natürlich im Fokus – so sehr, dass einem mitunter langweilig wird, weil bei all der Perfektion das Herz fehlt. Dass die männlichen Gegner nichts anderes sind als flache Bösewicht-Abziehbilder und männliche Klischees, versteht sich von selbst und sei verziehen, immerhin müssen Frauen schon seit Ewigkeiten in Hollywood mit dieser Bürde leben – ein bisschen mehr Komplexität hätte hier aber dennoch nicht geschadet. Der Humor funktioniert nicht immer, zum Teil ist der Film gar unfreiwillig komisch, pointiertere Gags hätten hier geholfen.

Und der Cast selbst? Stewart, Scott und Balinska wurden schon vor dem Kinostart ausreichend kritisiert, von „klassischer Fehlbesetzung“ war öfters die Rede. Ganz so schlimm ist es nicht, besonders Stewarts rebellische Sabina ist ein interessanter Mix aus Verletzlichkeit und Rock-Chick, deren Androgynität für unterschwellige sexuelle Spannung zwischen den anderen Engeln sorgt. Die Schauspielerin scheint Spaß daran zu haben, sich endlich mal wieder in einem Mainstream-Popcorn-Blockbuster austoben zu dürfen. Scott und Balinska bleiben daneben etwas blass und können sich vor allem mit Vorgängerinnen wie Barrymore oder Liu nicht messen. Stärker als bisher werden die Engel verletzlich und menschlich gezeigt, leider aber fehlt zum Großteils die Chemie zwischen den Protagonistinnen. Elizabeth Banks, die hier als Autorin, Regisseurin und Schauspielerin in Personalunion agiert, gibt ihren Bosley aber mit einer gelungenen Mischung aus Mysterium und Arroganz und beweist, dass sie von Film zu Film besser wird. Schade, dass nicht sie selbst einer der Engel sein durfte.

In den USA zumindest ist die Neuinterpretation von 3 Engel für Charlie sang- und klanglos untergegangen: Am Startwochenende nicht mal neun Millionen Dollar eingespielt, reiht sich das Reboot nahtlos in die Riege der zahlreichen Blockbuster-Flops 2019 ein. Ein Desaster, das selbst Showbiz-Kenner überraschte und in Hollywood eine Debatte über die Sequel-Strategie auslösen ließ. Was vielleicht gar nicht mal das Schlechteste ist.