Corpus Christi

Interview

Schlafentzug für den Junkie-Look

| Dieter Oßwald |
Interview mit dem polnischen European Shooting Star Bartosz Bielenia zu „Corpus Christi“

Bartosz Bielenia, Jahrgang 1992, studierte in Krakau Theater und trat in zahlreichen Stücken auf. Sein Kinodebüt gab der Schauspieler vor vier Jahren in der Musikkomödie Disco Polo. Für seine Darstellung des Hochstaplers im Priesterrock in Corpus Christi wurde Bielenia als European Shooting Star gewürdigt – wie einst schon 007-Darsteller Daniel Craig. Nach der Premiere auf dem Filmfestival von Venedig wurde das rigorose Drama des Regisseurs Jan Komasa von Polen für den Auslands-Oscar vorgeschlagen und schaffte es bis zur Nominierung – musste sich dann jedoch Parasite geschlagen geben.

 

Herr Bielenia, haben Sie für den Oscar gebetet?
Bartosz Bielenia:
Tatsächlich haben wir einen Tag vor der Nominierung wir in Los Angeles eine Gospel-Kirche besucht. Das scheint also geholfen zu haben! Vielleicht hätten wir danach besser nochmals in die Kirche gehen sollen. (Lacht) Aber natürlich ist es eine unglaublich große Ehre, in einer Reihe mit Filmen wie Parasite, Les Misérables, Leid und Herrlichkeit und Honeyland zu stehen.

Was bedeutet der European Shooting Star für Sie?
Zusammen sind wir zehn Schauspieler und Schauspielerinnen, die als European Shooting Stars auf die Berlinale kamen. Das war ein schönes Gemeinschaftserlebnis, bei dem wir über unsere Erfahrungen in den unterschiedlichen Ländern reden konnten. Außerdem hilft das natürlich der internationalen Bekanntheit.

Mit welchen Gefühlen sehen Sie jene Szenen, in den Sie brutal zusammengeschlagen werden?
In der Realität mag ich Prügeleien überhaupt nicht, vor der Kamera gefallen mir solche Schlägereien allerdings ganz gut. Die Abläufe werden vorher so penibel genau geprobt, dass das Verletzungsrisiko sehr gering ist. Es gibt eine festgelegte Choreografie und man fühlt sich bei diesen Prügeleien tatsächlich wie bei einem Tanz.

Wie bekommt man das Aussehen eines Junkies glaubhaft hin?
Gutes Makeup und wenig Schlaf sorgen für den richtigen Junkie-Look! (Lacht) Für mich war es ein besonderes Erlebnis, mich auf diese Weise auf der Leinwand zu sehen: Anders als sonst war ich mir selbst regelrecht fremd und konnte den Film mit großer Distanz anschauen. Wobei meine Theaterlehrerin schon immer sagte, ich würde aussehen wie ein Drogenabhängiger – was ich jedoch überhaupt nicht gewesen bin.

Mögen Sie den falschen Priester, den Sie spielen?
Meine Figur Daniel mag ich sehr, denn er ist nett, ehrlich und er möchte Gutes tun. Außerdem mag er gerne Spaß, mit einem wie ihm kann man auf alle Fälle gut feiern!

Brauchen Sie Gemeinsamkeiten mit den Figuren, die Sie spielen?
Nein, ich könnte auch einen KZ-Aufseher spielen, sofern die Rolle gut geschrieben ist und der Film ein Anliegen hat. Schließlich geht es in unserem Beruf darum, einen Teil der Wirklichkeit abzubilden.

Wie waren die Reaktionen in Ihrer katholischen Heimat auf den Film mit einem falschen Priester und heuchlerischer Moral?
Die Reaktionen waren ausgesprochen gut, und zwar von Links und Rechts gleichermaßen. Sehr konservative Zeitungen lobten den Film als wahrhaftig und bescheinigten ihm ein gutes Anliegen. Auch der Erfolg beim Publikum war enorm: Wir hatten mehr als eineinhalb Millionen Zuschauer, was für einen Arthaus-Film absolut außergewöhnlich ist.

Wie hat sich Ihre Leben dadurch verändert?
Es gibt mittlerweile schon paar Selfie-Wünsche (Lacht). Wenn man Zuschauern damit eine Freude machen kann, ist das das doch eine schöne Sache.

Was hat die Kirche gesagt?
Es gab nie eine offizielle Reaktion der Kirche auf den Film. Wir wissen aber, dass Corpus Christi unter jungen Priestern sehr viel diskutiert wird. Auch Nonnen wurden im Kino gesehen – mein großer Wunsch wäre, dass der Papst sich unseren Film anschaut!

Besteht nicht die Gefahr, dass Leute dem Beispiel des Hochstaplers folgen?
Hoffentlich! Der Film basiert schließlich auf einer wahren Geschichte. Zudem gibt es jedes Jahr ein Dutzend Fälle, bei denen Leute sich als Priester ausgeben, um an etwas Geld zu kommen.

Was ist die wichtigste Eigenschaft in Ihrem Beruf?
Man sollte bereit sein, die Kontrolle über sich zu verlieren – zumindest für ein paar Sekunden.