ANATOMIE EINES SKANDALS

Miniserie | Netflix

Anatomie eines Skandals

| Pamela Jahn |
Politthriller, Gerichtsdrama und Szenen einer Ehe: Die Netflix-Miniserie „Anatomie eines Skandals“ ist von allem etwas, aber im Kern mehr Schein als Sein.

Wenn es derzeit an etwas nicht mangelt in der britischen Regierung, dann sind es private Fehltritte. Von der „Partygate“-Affäre über jüngste Steuergeheimnisse bis hin zu sexueller Belästigung und Machtmissbrauch lässt sich in Westminster hinter verschlossenen Türen so ziemlich alles finden. Da kommt eine neue Netflix-Serie zum Thema gerade recht. Denn sie beschreibt neben dem eigentlichen Skandal, der hier titelgebend verhandelt wird, eben auch, wie in England heute Politik gemacht wird. Wie in Regierungskreisen lange Freundschaften gepflegt und alte Schulden beglichen werden. Und wie sich Entgleisungen und Führungsversagen ohne große Konsequenzen vor den Augen der Bevölkerung unter den Teppich kehren lassen. Zwar ist das nicht neu und verwundert insbesondere hierzulande wohl niemanden mehr, aber immer wieder alarmierend ist es doch.

Wie so oft fängt es zunächst relativ harmlos an: Eine vor kurzem beendete Liebschaft mit einer jungen Referentin (Naomi Scott) wird für den ehrgeizigen Minister James Whitehouse (Rupert Friend) unverhofft zum Problem. Als die Affäre aufzufliegen droht, gesteht er das Verhältnis noch rasch seiner Frau Sophie (Sienna Miller) und kurz darauf auch in der Öffentlichkeit. Alles scheint gerade noch glimpflich über die Bühne zu laufen, denn Sophie liebt ihren Mann, ihre Kinder, ihr gut betuchtes Leben. Das alles für einen angeblichen dummen Ausrutscher ihres charmanten Göttergatten aufs Spiel zu setzen, erscheint ihr trotz des gehörigen Schocks unangebracht. Außerdem würde es den Skandal in den Medien nur unnötig eskalieren, woran weder James noch dem Imageberater des Premierministers gelegen ist, der das Schlimmste verhindern soll. Doch die Sache wird kompliziert, als die verstoßene Geliebte plötzlich von Vergewaltigung spricht und James sich kurze Zeit später vor Gericht verantworten muss.

Anatomie eines Skandals, entstanden nach dem Bestseller von Sarah Vaughan, ist eigentlich zu gekünstelt und stilisiert, um wirklich sehenswert zu sein. Trotzdem schaut man die sechsteiligen Miniserie mit einer gewissen Leichtigkeit und Gefühllosigkeit einfach so weg. Speziell Michelle Dockery, die sich hier als verbissene Staatsanwältin präsentiert, gönnt man ihren gelungenen Auftritt jenseits von Downton Abbey, und auch Friend und Miller werden ihren Rollen als schickes Elite-Ehepaar mehr als gerecht. Sie sorgen dafür, dass man zumindest streckenweise in die Handlung mit ihren zunehmend unglaubwürdiger werdenden Wendungen investiert.

Woran das neueste Projekt von Serienspezialist David E. Kelley scheitert, ist das Drumherum: Es sind die zum Teil unmöglichen Dialoge, die so klingen, wie – hoffentlich – kein Mensch spricht. Die unzähligen Klischees, die darin ausgeschlachtet werden. Dazu kommen die unnötig verzerrten Rückblenden in die Oxford-Jahre von James und Sophie, die zeigen sollen, wie das Übel bereits während ihrer gemeinsamen Unizeit begann. Und schließlich die überengagierte Kameraarbeit der britischen Regisseurin S. J. Clarkson, die sich, anstatt auf die schauspielerischen Fähigkeiten des Ensembles zu vertrauen, bald ähnlich halsbrecherisch windet und wendet wie der ganze Plot.

All das nimmt man in Kauf, wenn man einmal drin ist in der Geschichte, frei nach dem Motto: mitgefangen – mitgehangen. Irgendwie, irgendwann will man dann doch wissen, wie es ausgeht. Und es wäre auch alles halb so wild, gäbe die Serie sich mit dem zufrieden, was sie ist: elegantes Trash-TV im Hochglanzformat. Doch Anatomie eines Skandals will mehr – und trifft genau damit, dass sie ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht wird, einen Nerv. Denn auch in Westminster hält man schon lange mehr von sich, als man ist, und selten das, was man verspricht. Da handeln sich selbst Premierminister Bußgeldstrafen ein, ohne dass es echte Konsequenzen hat. Und hier? Hier wird die befleckte Karriere eines Ex-Ministers – Achtung, Spoiler! – nach seiner Freisprechung nicht nur revitalisiert, sondern gleich mit einer Beförderung belohnt. Die eigentliche Frage, ob es tatsächlich eine Vergewaltigung oder einvernehmlicher Geschlechtsverkehr war, interessiert in dem Moment nur noch das Publikum. Die Frauen in der Serie scheinen die Antwort ohnehin zu wissen. Die Männer auch, aber „boys will be boys“. Tja, da kann man nichts machen. Wirklich?

Das ist besonders ärgerlich, weil man sich von David E. Kelley, dem Schöpfer von Ally McBeal, Big Little Lies und The Undoing, eigentlich mehr erhofft hätte. Erst recht, weil die britische Dramatikerin Melissa James Gibson (The Americans, House of Cards) ebenfalls am Drehbuch beteiligt war. Doch auch wenn es einige spannende Ansätze zum Thema Sex, Macht und Manipulation gibt, fällt das Ergebnis letztendlich zu platt und berechenbar aus. Zudem wird die Phantasie des Publikums im der zweiten Hälfte mitunter enorm überstrapaziert, anstatt jemals eine ernst gemeinte Diskussion anzustreben. Am Ende kommen die Politiker ungeschoren davon, und das Volk schaut zu. Alles wie immer, alles wie gehabt. Traurig, aber wahr.