Starporträtist Asif Kapadia (Senna, Amy) hat sich erstmals eine noch lebende Legende vorgenommen: Diego Maradona, den vielleicht begnadetsten und zugleich skandalumwehtesten Kicker aller Zeiten. Ein Gespräch mit dem Filmemacher über Fantum versus Distanz, unzuverlässige Erzähler und Kämpfernaturen.
Herr Kapadia, wie steht es um Ihre Liebe zum Fußball? Sind Sie ein Fan?
Asif Kapadia: In der Tat. Ich bin sogar ein großer Fußballfan und war es schon immer. In meiner Jugend habe ich auch selbst gespielt. Aber ich hoffe, dass der Film auch Leute anspricht, die sich nicht für den Sport interessieren. Dass er auch auf einer anderen Ebene funktioniert, ist mir sehr wichtig. Ganz ähnlich wie bei Senna. Denn weiß Gott nicht jeder ist ein Formel-Eins-Fan. Und was Amy angeht, musste man ihre Musik auch nicht zwingend mögen. Der Film ist also erneut für ein breites Publikum bestimmt. Auch für die Fans, aber nicht nur für sie.
Erleichtert es Ihre Arbeit als Dokumentarfilmer, wenn Sie sich mit dem Thema, dass Sie behandeln, auch vorab schon etwas besser auskennen?
Asif Kapadia: Nicht wirklich. Ich persönlich finde es eigentlich immer spannender, wenn ich mich auf etwas einlasse, wovon ich vorab noch keine genaue Vorstellung habe. Man muss allerdings dazu sagen, dass ich, obwohl ich ein Fußballfan bin, vorab nicht allzu viel über Maradona gewusst habe. Ich habe vor Jahren mal eine Biografie über ihn gelesen, aber ich wusste nichts Genaues über die Zeit in Neapel und bin selbst auch nie zuvor in Neapel oder Buenos Aires gewesen. Das heißt, es gab auch für mich noch jede Menge zu entdecken. Und als Regisseur geht es schließlich immer darum, das, was man persönlich interessant findet, so zu verpacken, dass es auch für die Zuschauer spannend wird. Schwierig wird es meiner Ansicht nach, wenn man sich mit einem Thema zu gut auskennt, weil man dann den nötigen Abstand verliert, nicht mehr unterscheiden kann, was tatsächlich wichtig und „filmtauglich“ ist und was nicht. Darüber hinaus verbringt man so viele Jahre mit einem Projekt wie diesem, da ist es extrem wichtig, dass es auch für einen selbst eine Entdeckungsreise ist – privat, auf die eigene Person bezogen, und gemeinsam mit der Crew. Sonst wird es schnell langweilig.
Ihre dokumentarischen Arbeiten basieren stets auf Unmengen von Archivmaterial, in dem Sie Ihre Geschichte finden, die den Film dann zu mehr als nur einer Aneinanderreihung von Footage macht. Wann haben Sie bei Maradona diese Dualität entdeckt, Diego auf der einen und Maradona auf der anderen Seite?
Asif Kapadia: Recht früh eigentlich, im Lauf der Interviews. Viele der Menschen, mit denen ich sprach, haben mir immer wieder indirekt zu verstehen gegeben, dass sie sich wünschten, Maradona würde wieder der alte sein, der nette Typ, den sie von früher kannten. Immer wieder hieß es, etwas hätte ihn verändert. Und als Regisseur denkt man sich zunächst, na gut, das passiert halt, wenn einer vom einfachen Spieler zum Superstar wird. Und vielleicht ist da auch eine gewisse Portion Neid mit im Spiel, wenn die Leute das behaupten. Anderseits wird man hellhörig. Vor allem, wenn es immer wieder und aus verschiedenen Richtungen kommt. Und ähnlich wie bei Senna, wo es vor allem um Rivalität ging, und bei Amy, wo es verschiedene Antagonisten gab, wurde immer mehr deutlich, dass es bei Maradona diese große Dualität gibt. Der Mann, der die Sache schließlich auf den Punkt brachte, war Fernando Signorini, sein Personal Trainer. Ein großartiger Typ. Signorini erzählte mir von den zwei Persönlichkeiten, die er in Maradona sah. Auf der einen Seite, der liebeswürdige, verletzliche Diego, mit dem er gern Zeit verbrachte, und dann das große Ego, zu dem Maradona wurde, um mit dem ganzen Medienrummel um ihn herum fertig zu werden. Und das war für mich der Weg in die Geschichte, dieser Kampf Maradonas mit sich selbst und mit der Welt. Signorini ist nicht berühmt, keiner kennt ihn, aber er weiß so viel über Maradona, dass man ihm stundenlang zuhören könnte. Er kannte Maradona bereits, bevor er die Nummer eins wurde. Er hat ihn erlebt, als er verletzt war und nicht spielen konnte. Er kennt seinen Körper und weiß, was in seinem Kopf vorgeht. Und er wusste, was es braucht, um Maradona in Höchstform zu bringen. Er war sehr offen und ehrlich darüber, was seine enge Freundschaft und Verbundenheit mit Maradona angeht, aber er nahm auch kein Blatt vor den Mund. Denn er wusste, andernfalls der Sache nicht gerecht zu werden. Er musste ehrlich sein, wohingegen andere Leute, mit denen ich sprach, eine gewisse Angst in sich trugen aus Ehrfurcht und Respekt vor Maradona. Angst, eventuell zu viel zu verraten.
Sie haben auch mit Maradona selbst gesprochen. Wie war das? Wie haben Sie ihn als Menschen erlebt?
Asif Kapadia: Ich habe ihn ein paar Mal getroffen, immer ohne Kamera, da ich grundsätzlich keine Talking-Heads-Filme, sondern nur den Ton aufnehme. Er ist ein merkwürdiger Typ. Interessant, keine Frage, auch sehr nett und charmant und zuvorkommend. Aber ich hatte auch auf Anhieb das Gefühl, dass die Person, die ich 2016 vor mir sitzen hatte, wahrscheinlich nicht die verlässlichste Quelle für meinen Film sein würde, vor allem wenn es um seine Vergangenheit ging, also zum Beispiel um den Diego Maradona von 1984. In der Zwischenzeit ist eine Menge passiert, vieles ist Schnee von gestern, und er hat sich über die Jahre mehrere Male neu erfunden, um zu überleben. In der Hinsicht war es am Ende dann auch kein so großer Unterschied zu Senna und Amy, dass Maradona noch am Leben ist. Denn letztlich habe ich mich auch in seinem Fall wieder dafür entschieden, mich eher auf das Archivmaterial zu verlassen, dass ich zur Verfügung hatte, anstatt Maradona zu viel über sich selbst reden zu lassen. In den Bildern von damals, in seinen Augen und Gesten steckt so viel mehr als in den Worten. Zumal Maradona auch nicht der reflexive Typ ist, der auf sein Leben zurückblickt und öffentlich eingesteht, wo er vielleicht Fehler gemacht hat. Maradona macht keine Fehler, und er zeigt auch keine Schwäche im Film. Bis heute ist er in seinen Augen unbefleckt. Schuld an allem haben immer die anderen. So zumindest ist er mir begegnet. Und das bezieht sich nicht nur auf den Fußball. Seine Ex-Frau, mit der ich ebenfalls lange geredet habe, sagt natürlich auch was anderes. Sie zu überzeugen, einem Gespräch zuzustimmen, war nicht einfach, zumal die beiden nicht im Guten auseinander gegangen waren. Das spielt natürlich in die Art hinein, wie sie heute über ihn redet.
Denken Sie, Sie hätten den Film auch ohne Maradonas direkte Beteiligung bzw. ohne seine Einwilligung machen können?
Asif Kapadia: Wahrscheinlich schon. Es gibt immer jemanden, der die Geschichte erzählen kann. Wenn man einen Film über eine Person im öffentlichen Leben macht, steht man in erster Linie vor dem Problem, dass man eine verlässliche Quelle finden muss, unabhängig von der eigentlichen Person, um die es geht. Die Einwilligung ist daher eher zweitrangig. Und bei Senna und Amy hatten wir ja auch keine freie Hand, obwohl sie nicht mehr am Leben waren. Da haben wir mit den Nachlassverwaltern verhandelt. Maradona war nicht viel mehr am Film beteiligt, obwohl er es hätte verlangen können. Er hat den Film bis heute nicht gesehen. Auch seine Anwälte haben nicht danach gefragt. Nur wäre es ohne seine Einwilligung hinsichtlich des Materials deutlich schwieriger gewesen. Denn wir hätten vieles nicht zeigen können, vor allem einen Großteil der Fußballaufnahmen. Und vielleicht hätte letztlich auch kaum jemand mit uns geredet, denn die erste Frage war immer: „Ist Maradona damit einverstanden? Weil, wenn nicht, dann gebe ich kein Interview.“
Er hat den Film bis heute tatsächlich nicht gesehen?
Asif Kapadia: Nein, und das ist der größte Unterschied zu den anderen beiden Dokus, denn da waren zumindest die Familien und Nachlassverwalter daran interessiert, den fertigen Film zu sehen. Im Grunde ist genau das Gegenteil eingetroffen von dem, was ich dachte: nämlich dass jemand, der noch am Leben ist, mehr Kontrolle über die ganze Sache haben will. Nicht so Maradona. Der Film kommt derzeit überall auf der Welt in die Kinos und er ist quasi der Einzige, der ihn noch nicht gesehen hat.
Wäre es Ihnen persönlich wichtig, dass er ihn doch irgendwann anschaut?
Asif Kapadia: Ich würde es mir wünschen. Es wäre eine Art Abschluss für mich. Aber ich weiß auch gar nicht, wo er gerade steckt. Er verändert sich und sein Leben ständig. Er stirbt und wird wieder neu geboren, und jedes Mal ist er ein anderer. Er ist wie ein Buddha, der mehr als ein Leben hat. Der, der er heute ist, ist nicht zwangsläufig der, der er war, als wir gedreht haben. Ich kann mir schon vorstellen, dass er den Film irgendwann anschaut, aber wahrscheinlich eher im Stillen für sich, zu Hause auf dem Sofa.
Sie haben einmal gesagt, wenn Sie an einem Dokumentarfilm arbeiten, beanspruchen Sie eine andere Hälfte Ihres Gehirns. Was macht denn die Hälfte, die für Spielfilme zuständig ist?
Asif Kapadia: Auch die kommt bei den Dokumentarfilmen mit ins Spiel, ganz so ist es nicht. Es sind ja trotzdem Geschichten, die ich erzähle, nur die Arbeitsweise ist eine andere. Das Spannende für mich ist, dass alle meine Filme immer sehr persönliche Projekte sind, für die ich mir lange Zeit lasse. Ein Spielfilm würde mir nicht schneller von der Hand gehen. In gewisser Hinsicht habe ich in den vergangenen Jahren anstatt von Spielfilmen eben mehr oder weniger Doku-Dramen inszeniert. Diese Zwischenräume und hybriden Ausdrucksformen zwischen narrativem Kino und Dokumentarfilm haben mich eigentlich immer mehr interessiert. Selbst meine Spielfilme haben ja etwas Dokumentarisches an sich. Andererseits sind sie sehr stark visuell ausgerichtet, wie meine dokumentarischen Arbeiten auch. Die beiden Seiten ergänzen sich also gegenseitig, das ist Teil des Prozesses an sich.
Als ich neulich wieder einmal Ihren Debütfilm The Warrior anschaute, fiel mir auf, dass eigentlich alle Ihre Hauptfiguren, ob lebendig, tot oder fiktional, auf die eine oder andere Art Kämpfernaturen sind. Sehen Sie diese Verbindung?
Asif Kapadia: Was Sie da sagen, gefällt mir gut. So genau habe ich mir das noch gar nicht überlegt. Aber es stimmt. Ich konzentriere mich irgendwie immer auf Außenseiter, auf Menschen, die gegen den Strom schwimmen bzw. sich einem System welcher Art auch immer entgegenstellen. Sie rebellieren gegen soziale und andere Strukturen, und in der Hinsicht sind sie tatsächlich alle Kämpfer und Krieger. Das werde ich mir merken.
