The Trouble With Being Born

ÖSTERREICH – Ein Schwerpunkt

Berühren und berührt werden

| Marie Ketzscher |
Sandra Wollners Sci-Fi-Dystopie „The Trouble With Being Born“ sorgt für Kontroversen und wird mit Preisen überhäuft – zuletzt bei der Viennale. Zum zweiten Mal arbeitet die Regisseurin hier mit Jana McKinnon zusammen. Die Schauspielerin über heikle Szenen, über das frühe Ende der Kindheit und über die Sehnsucht nach Nähe.

Sie spritzt den Papa nass und taucht lachend unter: Als Elli (Jana McKinnon) durch den Pool schwimmt, wirkt sie wie ein selbstbestimmter Teenager. Es ist eine der wenigen Szenen in Sandra Wollners bei der Berlinale, Diagonale und Viennale ausgezeichnetem Sci-Fi-Drama The Trouble With Being Born, in der zwei „echte“ Menschen miteinander interagieren, Zufall und Missverständnis inklusive. Denn The Trouble With Being Born, der auf der Berlinale 2020 in der neuen kompetitiven Sektion „Encounters“ seine Premiere feierte und nun in die österreichischen Kinos kommt, ist eigentlich die Geschichte über das Trauma des Verlusts, in der Menschen ihre eigene Leere durch Roboter gewordene Erinnerungen kompensieren – und da gibt es nur Überraschungen, wenn die Festplatte hängt.

Dieses Verlorensein erzählt Sandra Wollner in zwei Episoden: Zuerst gibt es das Androidenmädchen Elli, das mit ihrem „Papa“ Georg (es wird nie klar, ob er wirklich ihr Papa ist), in einem abgeschiedenen Haus wohnt. Sie schwimmt, aber sie spielt nicht, wie es ein echtes Kind tun würde. Eher wartet sie darauf, was der Papa (Dominik Warta) von ihr wieder möchte – tanzen, fernschauen, dass sie für ihn nackt posiert, mit ihr schlafen. Dann läuft sie weg und wird neu programmiert, mit Kurzhaarschnitt. Jetzt ist sie Emil und verkörpert so für Frau Schikowa (Ingrid Burkhard) den kleinen Bruder, den sie schon im Kindesalter verlor. Einmal schaut Emil fern und wir sehen, wie über das Verschwinden eines Kindes berichtet wird – das Verschwinden von Elli, der echten Elli, die das Androidenkind zuvor nachspielen musste. Es ist schwere Kost, die Sandra Wollner da serviert. Eine düstere, kalte Sci-Fi-Dystopie, ohne Hoffnung. Noch dazu unheimlich in seiner Betrachtung einer, unserer Welt, in der Technik und Mensch immer stärker und intensiver miteinander interagieren.

Ursprünglich sollte die inzwischen 21-jährige österreichisch-australische Schauspielerin Jana McKinnon die Hauptrolle des zehnjährigen Androiden-Mädchens Elli/Emil den ganzen Film lang spielen. In den Vorbereitungen hat sich Jana McKinnon damals allerdings bewusst nicht mit unzähligen Filmen mit androiden Charakteren beschäftigt, im Gegenteil: „Beim Roboter ist es darum gegangen, sich so leer wie möglich zu machen, man darf ja mit seinem Blick nichts erzählen. Man wird zu der Hülle, die andere mit ihren Projektionen befüllen können“– vermutlich eine Herkules-Aufgabe für jede Schauspielerin, deren Kunst ja so sehr vom konkreten Hineinfühlen in die emotionalen Welten spezifischer Charaktere lebt. Die Rolle der Androiden-Elli wäre eine weitere prägnante Hauptrolle für McKinnon gewesen, die 2015 ihr Leinwanddebüt als Hauptdarstellerin feierte und seitdem im Grunde jedes Jahr in einer tragenden Rolle auf der großen Leinwand zu erleben war.

Doch kurz vor dem Dreh entschied sich Sandra Wollner dann mit Lena Watson (ein Pseudonym) für eine deutlich jüngere Darstellerin, ein Kind. Um die Schauspielerin und ihre Familie zu schützen, trägt Lena Watson den ganzen Film lang eine Silikonmaske, ein Uncanny-Valley-Effekt der besonderen Art, der gar kein CGI nötig macht. Für Jana McKinnon war diese kurzfristige Umbesetzung im Sinne des Films nachvollziehbar: „Ich habe die Entscheidung total verstanden“, sagt Jana McKinnon, „und ich bin froh, dass Sandra sich das getraut hat.“ Sie ist auch überzeugt, dass es notwendigerweise eine jüngere Hauptfigur gebraucht habe, denn „bei einem Kind ist noch das Väterliche dabei, das Beschützen und Umsorgen. Das löst ganz andere Dinge beim Zuschauenden aus.“ Wobei vielleicht nicht allen Zuschauerinnen und Zuschauern einleuchtet, was dieses väterlich-pädophile Verhältnis den augenscheinlicheren Themen des Films hinzufügt. Viele mögen es deshalb für eine Provokation um ihrer selbst willen halten.

Jana McKinnon ist nun in The Trouble With Being Born nur noch in der besagten Poolszene als Teenager Elli zu sehen, ohne Silikonmaske. Sie spielt die Wiedergängerin von Elli, beziehungsweise eine ältere Version des Kindes, das dem „Papa“ einst davon lief – und verkörpert damit eine Erinnerung an die Zukunft des Mädchens, die es nie geben wird. Für die Szenen um die echte Elli war ursprünglich noch mehr Spielraum vorgesehen, im Schnitt entstand schließlich eine andere Priorisierung. In seiner Kürze verweist der Moment im Pool nun allerdings umso deutlicher auf all das, was die Androiden-Elli nicht ist: Unbeschwert, aktiv aus eigenem Antrieb und Willen. Und der Papa sitzt daneben und sieht umso elender aus.

Es ist bereits die zweite Zusammenarbeit von Jana McKinnon mit Sandra Wollner nach Wollners an der Filmakademie Baden-Württemberg entstandenem Das unmögliche Bild (2016), der das Genre des Amateurfilms und der Familiendokumentation neu interpretiert. Auch hier ist McKinnon omnipräsent, aber nicht oft zu sehen: Sie spielt die Johanna, die von ihrem plötzlich verstorbenen Vater im Jahr 1956 die 8mm-Kamera erbt und die Tradition des Familienalbums aus ihrer eigenen Perspektive fortführt. Auf Krücken läuft sie hier als schmollender, zumeist sehr ernster Teenager durchs Bild. Das unmögliche Bild auf 16mm gedreht, zeigt tatsächlich unmögliche Bilder, die normal nicht auf dem Zelluloid landen oder schlicht nicht existieren können – den Alltag von Frauen in den fünfziger Jahren und gesellschaftliche Tabus, für die es keine Kameraaufzeichnungen gab, aber auch Geistererscheinungen und Bilder nach dem Tod. Auch die Geste des Selfies kannte diese Form des Amateurfilms natürlich noch nicht. Gemeinsam ist der Johanna aus Das unmögliche Bild und der Elli aus The Trouble With Being Born der frühe Verlust der Unschuld, das jähe Ende der Kindheit – und der ernste Blick, der immer schon zu viel gesehen hat. Ein Alleinstellungsmerkmal von Jana McKinnon, in deren Augen immer etwas Schwermut ist, auch wenn sie lächelt. Und die eine große Kontrolliertheit ausstrahlt.

Die Rolle der Elli habe ihr Sandra Wollner nach einer Vorführung von Das unmögliche Bild angeboten, und sie habe sofort zugesagt. Dass der Film schwierige Themen wie Pädophilie verhandelt, hat Jana McKinnon keinen Moment zweifeln lassen: „Ich kannte ja Sandra. Ich wusste, was sie für einen Blick auf Frauen und auf die Welt hat, und mir war da völlig klar, dass da nichts schieflaufen würde.“ Das sahen die Programmkuratoren des Melbourne Film Festivals anders, die ihn nach Kontroversen wieder aus dem Line-up nahmen. Für Jana McKinnon ein kontraproduktives Vorgehen: „Ich hätte nicht damit gerechnet, weil ich gedacht habe, dass wir da schon weiter sind. Man kann den Film ja auch in einen Kontext einbetten, man kann Gespräche darüber führen, ihn aufbereiten. Generell habe ich das Gefühl, dass wir momentan als Gesellschaft nicht wirklich zu komplexen Diskursen fähig sind. Meist ist es: Die Einen gegen die Anderen, und wer lauter sein kann.“ Sie sieht The Trouble With Being Born auch eher als ein Diskursangebot: „Ich empfinde es als Geschenk, wenn man es schafft, einen Film zu machen, der die Leute dazu bringt, miteinander zu reden, auf eine respektvolle und sachliche Art – vielleicht auch emotional, aber trotzdem respektvoll.“

Das frühe Ende der Kindheit – dieser rote Faden setzt sich auch in ihrem jüngsten Engagement fort: Jana McKinnon spielt in der Constantin-Television-Serienadaption des Klassikers Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, die 2021 auf Amazon Prime in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu sehen sein wird, die legendäre Figur der Christiane F. – und damit ein weiteres Mädchen, das in jungen Jahren mit den dunklen Seiten des Lebens vertraut wurde. Fast schon ein „kosmischer Zufall“ für Jana McKinnon, die „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ gerade verschlang, als sie 2019 nach Berlin zog und wenige Tage später von ihrer Agentin gefragt wurde, ob sie sie selbst spielen wolle. Die achtteilige Serie basiert wie Ulrich Edels Film von 1981 auf dem biografischen Buch und Bestseller von 1978, der das reale Schicksal von Christiane Felscherinow nachzeichnete. Bereits mit 12 Jahren nahm Felscherinow die ersten Drogen, prostituierte sich mit 14 Jahren heroinabhängig am Bahnhof Zoo, wurde rückfällig, und schaffte es aber schließlich, auszusteigen. Ein Mythos, ein stehender Begriff: Selbst Menschen, die das Buch oder den Film nicht kennen, können sofort etwas mit dem Namen anfangen.

2018 hat Jana McKinnon bereits einmal Extremerfahrungen gespielt, an die sie vielleicht mit Christiane F. anknüpfen konnte, auch wenn sie von sich sagt: „Ich habe bei jedem Projekt das Gefühl, dass ich neu lernen muss, wie ich an eine Figur herangehe.“ In Kim Franks atemlosen Wach, der 2018 im ZDF ausgestrahlt und gleichzeitig kostenlos auf YouTube veröffentlicht wurde – und dort zum für den Grimme-Preis nominierten Klickhit am Puls der Generation Z avancierte. In Wach verkörpert McKinnon C., die mit ihrer Freundin Nike auf Teufel komm raus wach bleiben will. Ein Zustand, den die beiden einmal „Es ist krasser als High-Sein“ nennen – also ein Zustand vollkommener Entrücktheit, wie ihn auch die Kinder vom Bahnhof Zoo suchten.

Im Vergleich zu C. – ein Kind der heutigen Zeit –, die man gleichsam neu erfinden kann, ist Christiane F. aber natürlich besetzt mit unzähligen Bildern und Assoziationen. Kein leichtes Erbe. Jana McKinnon hat also versucht, ihre ganz eigene Christiane F. zu finden – und sich von allen Erwartungshaltungen ein Stück weit zu emanzipieren. Das Buch blieb für sie in der Vorbereitung die wichtigste Quelle, ebenso wie das Drehbuch, andere filmische Inspirationen wie Ben und Joshua Safdies Heaven Knows What und der körperliche Zugang zur Rolle mittels Musik und Tanz. Doch natürlich bleibt der Bezug zum Original bestehen, allein durch den Veröffentlichungstermin von Wir Kinder vom Bahnhof Zoo Anfang 2021, 40 Jahre nach dem Erscheinen des Kultfilms. Aber was kann uns „Christiane F.“ 2021 überhaupt noch Neues erzählen, ist der Stoff noch relevant für das Hier und Jetzt? Jana McKinnon ist überzeugt: „Klar ist er das. Es geht ja um Kinder, die von zu hause kein Selbstvertrauen mitbekommen, keine Stärkung und keinen Schutz, und die versuchen, sich das auf anderem Wege zu holen.“ Hier sieht sie auch eine klare Analogie zu The Trouble With Being Born – in beiden Filmen gehe es doch letztendlich um Einsamkeit und die Sehnsucht, „berührt zu werden und zu berühren.“