Schön retro: Guy Ritchies Adaption der gleichnamigen TV-Serie ist eine ebenso unterhaltsame wie stilvolle Hommage an die Eurospy-Thriller der sechziger Jahre und ein würdiger Beitrag zum inoffiziellen Jahr des Spionagefilms.
Man kann durchaus von einem Boom sprechen, den das Agentenfilmgenre dieses Jahr erlebt – ein Boom mit nostalgischen Zügen, der von der Sehnsucht nach klaren Fronten getragen scheint: So spielte etwa Matthew Vaughns gelungene Parodie Kingsman: The Secret Service im Frühjahr mit Retro-Elementen und ließ die Figuren den überlebensgroßen Bond-Bösewichten nachtrauern. Im aktuell laufenden, mit gekonnt choreografierten Actionszenen nicht geizenden Mission: Impossible – Rogue Nation ist Tom Cruise zwar in der Gegenwart zugange, doch basiert der Film immerhin auf einer Serie aus den sechziger Jahren (und erweist nebenbei Hitchcock seine Reverenz). Im Herbst steht mit Spielbergs Bridge of Spies ein Thriller ins Haus, der am Höhepunkt des Kalten Kriegs spielt und der neueste, im November anlaufende Bond-Film Spectre von Sam Mendes scheint den Trailern zufolge ebenfalls wieder zurück zu den Connery-Wurzeln zu gehen (Aston Martin, weißes Dinner Jacket, Christoph Waltz als überlebensgroßer Bösewicht). Zuvor gibt es mit Guy Ritchies The Man from U.N.C.L.E. allerdings noch einen Film zu sehen, der richtig retro ist – und das mit Stil.
Die TV-Serie (1964–1968), auf der der Film basiert, changierte zwischen Spionage und Sci-Fi (gegen Ende hin ging es in Richtung Selbstparodie) und zeichnete sich neben Spannung und Humor vor allem durch das unkonventionelle Duo aus: Napoleon Solo (Robert Vaughn) war der stets perfekt gekleidete amerikanische Womanizer, Ilya Kuryakin (David McCallum) der russische Meister aller Masken. Gemeinsam kämpften die beiden Agenten für die Geheimorganisation U.N.C.L.E. (United Network Command for Law Enforcment; Akronyme waren damals sehr populär) gegen globale Bedrohungen. Dass ein Russe und ein Ami ausgerechnet am Höhepunkt des Kalten Kriegs zusammenarbeiteten, war neu – und es war ein Erfolg. Da wurden Smokings getragen, Martinis in Penthouses geschlürft und waren Mini-Funkgeräte in Zigarettenpackungen verbaut. Guy Ritchies Adaption, die das Ende der sommerlichen Blockbuster-Saison einläutet, belässt die Handlung klugerweise in den Sechzigern, was für atmosphärischen Mehrwert sorgt.
Dadurch, dass der slicke, ehemalige Kunstdieb Solo (Henry Cavill) und der von Wutanfällen geplagte Kuryakin (Armie Hammer) einander hier erst kennenlernen, ist die Dynamik zwischen den Figuren zunächst noch anders als in der Serie, soll heißen: Sie können einander nicht ausstehen. Kein Wunder, sind doch beide in Ost-Berlin der sechziger Jahre für CIA respektive KGB hinter der sexy Automechanikerin Gaby Teller (Alicia Vikander) her, der entfremdeten Tochter eines Raketenwissenschaftlers, der einst für die Nazis arbeitete. Mittlerweile scheint dieser für eine aus Ex-Nazis bestehende Terrororganisation an einer Atombombe zu arbeiten, die alles bisher Gekannte in den Schatten stellt und eine Bedrohung für Ost wie West darstellt. „Cowboy“ Solo und „Genosse“ Kuryakin schenken einander nichts an Finten und Faustschlägen, doch um den gemeinsamen Feind zu besiegen, werden sie von ihren Chefs zur Zusammenarbeit verdammt und machen sich gemeinsam mit Gaby nach Rom auf, wohin alle Wege und Spuren führen. Unter den ehemaligen Nazis findet sich auch Gabys besonders sadistischer Onkel Rudi (Sylvester Groth), der dem Filmtitel eine Doppelbedeutung verleiht und entscheidend zur makabersten Szene des Films beiträgt. Doch auf welcher Seite steht die mysteriöse, blaublütige Victoria (Elizabeth Debicki)? Weiß Gaby wirklich von nichts? Kommen Kuryakin und Gaby, die sich als Pärchen tarnen, tatsächlich näher? Und wird man sich nach Ende der Mission, so man sie überlebt, wieder gegenseitig in den Rücken fallen?
Spannung, Action und Humor gehen hier eine gelungene Mischung ein, und Stilist Ritchie nutzt das mondäne Setting – Luxushotels, Autorennstrecke, Penthouses, Mittelmeerinseln – voll aus. The Man from U.N.C.L.E. ist ein Film geworden, der in jeder Szene gut aussieht – John Mathiesons Kamera geht mit den Ausstattungs- und Kostümdepartments eine betörende Partnerschaft ein. Bei der geballten Ladung an Stil, die der Film bis in Details hinein entfesselt, sollte es wirklich niemanden mehr verwundern, warum die Sixties nun schon seit einer Weile einen Retro-Boom erleben. Die Leads sehen ebenfalls in jeder Szene gut aus, zudem ist die Chemie zwischen Cavill, Hammer und Vikander überaus stimmig (nebenbei bemerkt weckt das Casting auf der Metaebene – Brite Cavill spielt einen Amerikaner, Amerikaner Hammer einen Russen, Schwedin Vikander eine Deutsche und Australierin Debicki eine Italienerin – leichte Erinnerungen an die Eurospy- oder Europudding-Filme der sechziger Jahre, bei denen internationale Stars verschiedener Nationen vor der Kamera standen). Dass Vikander sich neben der an Buddy-Cop-Paarungen erinnernden Konstellation Hammer-Cavill behaupten kann, ist übrigens ein weiterer positiver Aspekt, wenn man bedenkt, dass Frauen in diesem Genre meist eher sekundäre Rollen einnehmen. Und da ein Spionagefilm wie dieser nun mal nicht von übertriebenem Tiefgang, sondern von Stil und überlebensgroßen Weltbedrohungsszenarien lebt, stört es auch nicht weiter, dass man ein, zwei Wendungen in der Handlung relativ leicht vorhersehen kann.
Großes Lob verdient Film Editor James Herbert, der sich auch bei Actionszenen (die Verfolgungsjagden mittels Auto, Boot und Motorrad inkludieren) allzu hektischen Schnitten verweigert und Bewegungsabläufe gut nachverfolgbar macht. Ebenfalls nicht zu verachten ist die melodisch-dynamische Musik Daniel Pembertons, die sich als schöne und eingängige Hommage an Sixties-Scores, insbesondere jene von Ennio Morricone, gestaltet.
Obwohl es an Humor (Solo: „Things could get a little messy. End of the world, that kind of thing.“), Bond-Anspielungen und einem gelegentlichen Augenzwinkern nicht fehlt, ist der Film weit von einer Parodie auf das Genre – wie sie etwa Michel Hazanavicius mit seinen OSS 117-Filmen unternommen hat – entfernt. The Man from U.N.C.L.E. steht zu gut auf eigenen Beinen, als dass er sich hinter der Maske der Ironie verstecken müsste.
Guy Ritchie (Snatch), dessen rasante Handschrift in den letzten Filmen mitunter zum Selbstzweck geriet, war hier genau der richtige Mann am Regiestuhl (das Drehbuch verfasste er gemeinsam mit Lionel Wigram). Wenn er etwa Split-Screens einsetzt, passt das perfekt zum Material und zur Ära. Mission accomplished.
