The Dog Stars

Der menschliche Faktor

| Oliver Stangl |
Altmeister Ridley Scott widmet sich mit seiner aktuellen Romanverfilmung der Humanität in Zeiten der Postapokalypse. In „The Dog Stars“ trifft die junge Garde Hollywoods (Jacob Elordi, Margaret Qualley) auf bewährte Kräfte (Josh Brolin, Guy Pearce). Gemeinsam kämpft man ums Überleben – und um die Bewahrung der eigenen Menschlichkeit.

Die US-Journalistin Jennifer Reese bewies Hellsichtigkeit, als sie im Jahr 2012 den Roman „The Dog Stars“ von Peter Heller für das Rundfunk-Syndikat „NPR“ besprach: „Mit seinem tiefgründigen Helden, den makabren Schurken, der zarten (wenn auch etwas dünnen) Liebesgeschichte und den in perfekt abgestimmten Abständen aufeinanderfolgenden Actionszenen entfaltet sich die Geschichte mit der Dynamik des Films, zu dem sie zweifellos werden wird. Doch sie überzeugt auch als eigenständiger Roman – düster, poetisch und humorvoll.“ Tatsächlich kommt nun 14 Jahre nach Erscheinen des Buchs dessen Verfilmung ins Kino – wie von der Journalistin prophezeit. Und das, was Reese über den Roman schrieb, trifft im Grunde auch auf den Film zu, der sich über weite Strecken relativ nahe an die Vorlage hält. 

SCOTT FREE

In der Filmografie des gebürtigen Briten Ridley Scott, Jahrgang 1937, finden sich kanonisierte Science-Fiction-Meisterwerke (Alien, Blade Runner), visuell beeindruckende Historienfilme (The Duellists), Unterhaltsam-Episches (Gladiator), unterschätztes Zwischenmenschliches (Matchstick Men), Polarisierendes (Prometheus) und von der Kritik Vernichtetes. Letztere Kategorie nahm vor allem in den letzten Jahren zu: Konnte Scott mit dem Feel-Good-Film The Martian (2015) einen großen Hit bei Publikum und Feuilleton landen, so sahen sich Werke wie das Alien-Prequel Covenant (2014), der Bibelfilm Exodus: Gods and Kings (2017), das Familiendrama House of Gucci (2021) oder das Biopic Napoleon (2023) teils harscher Kritik und enttäuschenden kommerziellen Ergebnissen gegenüber. Man muss natürlich nicht alle Filme in Scotts umfangreichem Werkkatalog schätzen, doch hat er sich allein für den Mut, sich an einer Vielzahl von Genres zu versuchen, höchsten Respekt verdient. In der harten Welt des Showbusiness ist mitunter strategisches Denken gefragt, und dies beherrscht der Engländer zweifellos: Um nicht völlig vom Goodwill der großen Studios abhängig zu sein, rief Ridley Scott 1995 gemeinsam mit seinem 2012 tragisch verstorbenen Bruder Tony (in dessen Werk sich stark stilisierte Genrefilme wie Top Gun oder The Last Boyscout finden) die Produktionsfirma Scott Free Productions ins Leben. Eine Entscheidung, die dem Regisseur und Produzenten Scott neben guten finanziellen Deals (u. a. mit Disney) auch ein großes Maß an künstlerischer Freiheit einbrachte. 

Den vollständigen Artikel lesen Sie in unserer Printausgabe 04/26.

Mögen sich einzelne Filme auch unterschiedlicher Bewertungen erfreuen, die visuelle Meisterschaft des ursprünglich aus der Werbung kommenden Ridley Scott ist unbestritten: Egal ob er industrielle Sci-Fi-Welten, Roadmovies oder Kriegsfilme in Szene setzt – Scott beherrscht die Kunst, Dinge ästhetisch wirken zu lassen, ohne in allzu große Schönfärberei oder Oberflächlichkeit abzugleiten. Besonderen Tiefgang erreichte er dabei im Science-Fiction-Genre: Vor allem mit diesen Arbeiten hat Scott immer wieder – besonders anhand von Replikanten bzw. Androiden – die Frage gestellt, was den Menschen eigentlich zum Menschen macht (einen ausführlichen Text zu künstlichen Menschen im Werk Ridley Scotts finden Sie in „ray“ 11/21). Hinzu kommen Kritik an menschlicher Hybris – die mächtigen Schöpferfiguren und Konzerne in Blade Runner und Alien/Prometheus – sowie Charaktere, die mit persönlichen oder geopolitischen Krisen konfrontiert sind und nicht selten ums Überleben kämpfen müssen.

HUNDSTAGE

Existenzielle Fragen und Humanität (bzw. deren Mangel) stehen nun auch in The Dog Stars im Zentrum. Die Handlung spielt im Jahr 2035: Eine Pandemie hat den Großteil der Menschheit dahingerafft. Der ehemalige Mechaniker Hig (Jacob Elordie) und der waffenaffine Survivalist Bangley (Josh Brolin) haben sich auf einem verlassenen Flughafen in Eerie, Colorado eingerichtet und rund um das Flugfeld eine Verteidigungsanlage aufgebaut. Hig unternimmt mit einem Kleinflugzeug und seinem alternden Hund Jasper regelmäßig Erkundungsflüge und stattet seinem früheren Haus im verfallenen Denver oft Besuche ab. In der Geisterstadt gedenkt er seiner verstorbenen Frau und besorgt Vorräte, wobei er sich gelegentlich mit Waffengewalt gegen Angreifer wehren muss. Teile der aufgetriebenen Medikamente und Lebensmittel liefert er bei einer Mennonitenkolonie ab, in der auch sehr viele Kinder leben (und die Hig und Jasper geradezu vergöttern). Letzteres sehr zum Missfallen von Bangley, der Kontakte mit der Außenwelt als unnötiges Risiko sieht und jeden, der sich dem Flugfeld nähert, mit dem Scharfschützengewehr erschießt. Die Überreste zahlreicher verbrannter Leichen künden davon, dass schon viele Besucher das Flugfeld nicht mehr lebend verlassen haben.

Die unterschiedlichen Weltanschauungen von Hig und Bangley sorgen für Dauerspannungen in der Zweckgemeinschaft. Als Hig – der trotz aller Bemühungen um Optimismus von Selbstmordgedanken geplagt wird – seinen geliebten Hund verliert, entscheidet er sich, nach Grand Junction zu fliegen, von wo aus er immer wieder schwer verständliche Funksprüche empfangen hat. Dabei besteht treibstoffbedingt das Risiko, den Rückflug nach Eerie nicht mehr zu schaffen. Unterwegs bringt ihn allerdings eine Notlandung in die Gesellschaft des Farmers Pops (Guy Pearce) und seiner Tochter Cima (Margaret Qualley), die im alten Leben Ärztin war. Pops ist dabei ähnlich wie Bangley von Misstrauen erfüllt und möchte, dass Hig sich so schnell wie möglich wieder entfernt. Hig und Cima kommen sich dennoch näher – just dann, als sowohl über Eerie als auch über Pops Ranch Gefahr hereinbricht: Marodierende „Tribes“, die keine Gefangenen machen, nähern sich unaufhaltsam … 

Mit The Dog Stars legt Ridley Scott einen seiner besten Filme der letzten Jahre vor – vielleicht auch, weil das Werk deutlich intimer ist als viele der großen Hollywoodproduktionen, die der Regisseur in den letzten Jahren gestemmt hat. Und obwohl es durchaus wunderschöne Naturaufnahmen gibt – die besonders dann beeindrucken, wenn Higs Cessna Gebirgspanoramen durchstreift oder Wildtiere, die nun kaum noch von Menschen gestört werden, auftauchen –, glänzen die Bilder hier bewusst etwas weniger als üblich. Großteils legt die ruhige, manchmal fast statische Kamera Erik Messerschmidts Wert auf realistische Bilder, in der die Charaktere zur Geltung kommen. Das menschenleere, völlig verfallene Denver wird nicht demonstrativ ausgestellt, aber doch so ins Bild gerückt, dass der Zuseher sich intuitiv ein Bild von der Vorgeschichte machen kann – etwa als in einem Krankenhaus die Hinterlassenschaften von Triage-Abteilungen gezeigt werden. Dermaßen geerdet hat man die Postapokalypse selten in einem Hollywoodfilm gesehen. 

Inhaltlich gibt es in den Dialogen zwar Exposition, doch ist diese recht unaufdringlich eingebaut – der Zuschauer erfährt so allmählich mehr über die Hintergründe der Welt, in der sich die wenigen Charaktere bewegen. Und so dominiert über weite Strecken eine menschliche Geschichte, in der es um den Widerstreit von Humanität und Misstrauen, Hilfsbereitschaft und Selbstsucht geht. Neben Elordi überzeugen wie üblich auch Brolin (dem es gelingt, sowohl die sympathischen als auch die unsympathischen Seiten des Survivalisten Bangley herauszuarbeiten), Pearce (der in Scotts Prometheus und Alien: Covenant den skrupellosen KI-Milliardär Peter Weyland gab, darf hier mehr Herz zeigen) und Qualley (die Trotz allen erfahrenen Leides Wärme und Optimismus ausstrahlt). Näher kommt man einander dabei nicht nur mit Worten, sondern auch mit dem Austausch von ungesunden, aus der Prä-Pandemiezeit stammenden Dingen wie Cola, Sprite und Zigaretten: Wenn man eine Pandemie überstanden hat und täglich ums Überleben kämpft, gibt es wohl nur noch wenig Grund, sich einem gesunden Lifestyle hinzugeben. Scott und seine Drehbuchautoren Mark L. Smith & Christopher Wilkinson laden den Figuren insgesamt also keine übergroße Komplexität auf, lassen ihnen aber genügend Raum zum Atmen. 

Dazwischen gibt es immer wieder Sequenzen voller Hochspannung und packender Action: Die plündernden Horden, die im letzten Filmdrittel auftreten, lassen einerseits an Mad Max denken, andererseits zitiert Scott Western, indem er sie wie einen Indianerstamm zum Angriff reiten lässt. Pearce (oft mit Hut) und Brolin sind dabei so etwas wie die Cowboyfiguren der Geschichte; wie in frühen Western werden die Feinde nicht individualisiert, sondern stehen für eine äußerliche Bedrohung, die eine kleine Gruppe noch stärker zusammenschweißt. 

Als emotionaler Anker des gesamten Films dient dabei die Performance von Elordi: Die Zerrissenheit zwischen Menschlichkeit, Verzweiflung und Schuldgefühlen bringt der Shooting Star scheinbar mühelos und mit stillem Charisma zum Ausdruck. So effektiv wie seine Interaktion mit Qualley, Brolin und Pearce gestaltet sich dabei auch das innige Verhältnis zum Hund Jasper, auf den auch nach dessen Tod immer wieder referenziert wird (das titelgebende Sternbild Canis Major – Großer Hund – beinhaltet mit Sirius übrigens den hellsten Stern am Nachthimmel). Warum die Karriere des australischen Schauspielers (heuer oscarnominiert für Guillermo del Tors Frankenstein) von der Fachpresse als unaufhaltsam bezeichnet wird, lässt sich anhand dieser introvertierten, aber sehr effektiven darstellerischen Leistung gut nachvollziehen. Und auch wenn die Annäherung zwischen Elordi und Qualley nicht völlig subtil und klischeefrei abläuft – was auch auf deren angedeutete Lebensgeschichten zutrifft –, ist die Chemie zwischen den beiden doch derart gut, dass sich Rührung einschleicht. 

Ob es eine bizarre, ungefähr 15-minütige Sequenz gegen Ende gebraucht hätte, in der ein vermeintliches Idyll als Hölle enttarnt wird, ist wohl Geschmackssache. Scott packt hier Themen wie Klassenunterschiede und pervertierte Eliten hinein und erzählt dabei durchaus ökonomisch recht viel in wenigen Minuten – allerdings schlägt sich diese mit visuellem Geschick vermittelte, aber völlig abgedrehte Episode tonal dann doch sehr stark mit dem Rest des Films. Insgesamt tut dies der stillen Qualität von The Dog Stars aber keinen Abbruch. Menschliches Drama und packende apokalyptische Action: Ridley Scott hat im Spätherbst seiner Karriere einen Film vorgelegt, in dem sich beides sehr gut ergänzt.