Bennett Miller und Steve Carell
Bennett Miller und Steve Carell

Foxcatcher | Interview

Die Suche nach der Wahrheit

| Thomas Abeltshauser |
Bennett Miller über die Entstehung von „Foxcatcher“, den richtigen Umgang mit Schauspielern und die Kunst des Improvisierens

Foxcatcher beruht auf wahren Begebenheiten. Wie treu sind die dabei den Tatsachen geblieben?
Bennett Miller: Zu 87,5 Prozent, würde ich sagen. Wobei es meiner Ansicht nach einen Unterschied zwischen Wahrheitstreue und Faktentreue gibt. Der Film ist aber auch, was die Fakten angeht, sehr genau. Natürlich haben wir aus dramatischen Gründen Konzessionen gemacht, wie es im Grunde jeder Film muss, egal ob Spiel- oder Dokumentarfilm. Die Parameter waren alle, zumindest soweit ich das beurteilen kann, innerhalb der Grenzen des Wahrhaftigen und kommen den tatsächlichen Ereignissen, den Personen und ihrem Verhalten so nah wie möglich. Ich glaube nicht, dass es in diesem Film fiktionale Elemente gibt, die den Zuschauer zu fundamental anderen Schlussfolgerungen bringen würden als die simple Chronologie der Fakten. Fast alle, die damals die Ereignisse aus nächster Nähe miterlebt haben und den Film gesehen haben, sind sehr beeindruckt.

Wie kamen Sie auf diese Geschichte? Hatten Sie etwas über den Fall gelesen?
Bennett Miller: Es war kurz nach dem Kinostart von Capote, ich war gerade in einem Videoladen bei einer Signierstunde für die DVD meines Dokumentarfilms The Cruise, ein wirklich sehr kleines Event mit vielleicht einem Dutzend Leuten. Und dort tauchte ein wildfremder Mann mit einem dicken Umschlag auf. Er sagte, er habe eine Geschichte, die mich interessieren könnte, alles wäre in diesem Umschlag, den er mir nun übergeben werde. Ich wollte den eigentlich nicht annehmen, aber er ließ nicht locker. Der Umschlag lag dann lange ungeöffnet bei mir herum. Erst ein paar Monate später schaute ich rein und las den ersten Artikel. Da wusste ich sofort: Das muss ich machen.

Was stand denn in diesem Artikel?
Bennett Miller: Darin stand die ganze tragische Geschichte um einen Ringer und Olympiasieger und um einen der reichsten Männer Amerikas, und dass der Ringer mit einem Team auf dem Anwesen des Multimilliardärs gelebt und sich dort in einem Trainingslager für Wettkämpfe vorbereitet hatte, das dieser Milliardär nur für sie hatte bauen lassen. Und ich dachte: Wie bitte? Was zum Teufel ist das?! Ohne mehr darüber zu wissen, war mir sofort klar, dass in diesem Aufeinanderprallen zweier Welten und diesem merkwürdigen Mann, der ganz offensichtlich nicht ganz richtig tickte, eine faszinierende Geschichte steckte. Meine Neugierde war nicht nur geweckt, sondern hellwach. Ich begann weiter zu recherchieren und entdeckte dabei Stück für Stück immer neue Details. Ich traf viele Menschen in allen Teilen der Vereinigten Staaten, und mit jedem Puzzleteil war ich mehr und mehr angezogen. Ich konnte nicht mehr aufhören, auch wenn es am Ende ein Prozess wurde, der sich über viele Jahre hinzog.

Was genau haben Sie bei Ihren Recherchen entdeckt?
Bennett Miller: Zum einen ist es eine dieser Geschichten, die, obwohl sie auf Fakten beruht, viele Elemente enthält, die wie Allegorien anmuten. Ich will diese metaphorische Ebene gar nicht im Detail erklären, genauso wie der Film ja auch keinen moralischen Standpunkt einnimmt oder Schlüsse zieht. Ich hatte nur den Eindruck, dass man gar nichts erzwingen muss, sondern sich die großen Themen in dieser kleinen Geschichte wie von selbst anbieten. Es schwingen permanent Fragen zu gesellschaftlichen Themen wie Rasse, Reichtum, Macht, Korruption, Niedergang, Arroganz mit … und all das steckt in dieser kleinen, exzentrischen und komischen Geschichte mit ihrem letztlich tragischen und schrecklichen Ausgang.

Hatten Sie vorher schon ein Interesse an der Sportart Ringen gehabt?
Bennett Miller: Nein, gar keines. Ich hatte es lange für einen eher unbedeutenden, minderwertigen Sport gehalten. Ich fand es sonderbar, wie sich da zwei Männer in enganliegenden Trikots auf einer Matte wälzen. Ich wollte mir das nicht anschauen. Was ist denn mit den Typen los? Haben wir uns als Männer nicht weiterentwickelt? Aber ich habe Respekt für den Sport gelernt und verstehe jetzt, warum Männer ihn betreiben und welchen Wert es für sie hat, gut darin zu sein. Es bedeutet eine fast schon masochistische Selbstausopferung und damit kann ich mich als Filmemacher auch ein bisschen identifizieren.

Wie war die Zusammenarbeit mit Mark Schultz, dem realen Vorbild des von Channing Tatum gespielten Protagonisten?
Bennett Miller: Ich habe bei der Recherche die Erfahrung gemacht, dass jeder gewillt war zu reden. Aber jeder einzelne fühlte sich mit einem Teil der Geschichte auch extrem unwohl. Jeder redete um einen heißen Brei herum, aber nicht notwendigerweise um denselben. Als ich Mark kennenlernte, wollte er unbedingt seine Version der Geschichte publik machen. Und die war extrem einseitig und revisionistisch. Ich traf mit ihm eine Vereinbarung, dass ich die Rechte an seiner Geschichte erwerbe und er mir dabei hilft, sie zu verstehen, ich aber auch mit allen anderen reden würde. Und immer wenn mir jemand ein neues Detail erzählte, das er mir verschwiegen hatte, habe ich ihn damit konfrontiert. Ab einem gewissen Punkt hörte er auf, sich zu verweigern und begann zu erzählen. Ich fragte ihn etwa nach den Drogen und er sagte, du Pont habe gekokst, aber er selbst nie. Dann sagte ich: „Mark, jede einzelne Person, mit der ich gesprochen habe, hat von deinem Kokainkonsum mit du Pont berichtet.“ Erst dann gab er zu: „Ja, okay, stimmt. Ich habe es dir nicht erzählt, weil ich nicht will, dass es im Film vorkommt. Er ist doch der Bad Guy!“ Bevor er den Film gesehen hatte, war er wohl sehr nervös, wie sehr all das ans Licht gezerrt würde, was er nicht zeigen wollte. Aber er kam zur Weltpremiere nach Cannes, trug einen Smoking und genoss die stehenden Ovationen.

Hatten Sie auch Kontakt zur du Pont-Familie?
Bennett Miller: Familie ist ein kleines Wort, denn die du Ponts sind ein riesiger und weit verzweigter Clan. Es gibt einige tausend von ihnen. Ich traf ein paar, aber es gibt nur sehr wenige, die direkt mit John und dieser Sache zu tun hatten. Und keiner versuchte mich daran zu hindern, diesen Film zu drehen.

Können Sie Ihre Art der Schauspielführung beschreiben?
Bennett Miller: Schwierige Frage. Ich glaube, wir versuchen vor allem, wahrhaftig zu sein und den Figuren gerecht zu werden. Jeder Schauspieler ist anders und braucht eine andere Art der Zuwendung oder Zusammenarbeit. Grundsätzlich ist es hilfreich, wenn man klare Ansagen darüber macht, welche Qualität der Darstellung man erreichen will. Und mit Qualität meine ich nicht hohe oder mindere, sondern Dinge wie Wahrhaftigkeit, Unmittelbarkeit, Spontaneität. Dabei benötigt der eine Schauspieler Liebe und Zuspruch, der nächste braucht eher ein bisschen die Peitsche. Das ist alles sehr individuell, aber grundsätzlich ist es wichtig, ein Gespür dafür zu haben und das Spielerische und Entdeckerische zuzulassen. Ich arbeite sehr viel mit Improvisation, es gibt kaum eine Szene in dem Film, die nicht in großen Teilen improvisiert wurde. Im Vorfeld haben wir sehr viel recherchiert, wir konnten den Hauptdarstellern ausführlich Videomaterial zur Verfügung stellen, damit sie die realen Vorbilder ihrer Charaktere studieren konnten, ihre Stimmen, ihre Gesten. Wir hatten auch viel Material von Leuten, die über sie geredet haben. Und Channing Tatum konnte lange Zeit mit Mark Schultz persönlich verbringen, der ihn sogar für die Wrestlingszenen trainiert hat. Wenn wir eine Szene schließlich drehten, gab es nicht die eine schriftliche Version davon, sondern oft fünf oder sechs, und manchmal schrieb ich sogar morgens noch mal um. Meistens aber erklärte ich nur, an welcher Stelle der Geschichte wir gerade sind, was die jeweiligen Figuren gerade wollen und was jetzt in der Szene passiert. Und dann: lasst uns ausprobieren, wie es funktionieren könnte! Die Szene im Helikopter mit John du Ponts Zungenbrecher „Ornithologist, Philatelist, Philanthropist“ – das ist komplett improvisiert! Nichts davon stand so im Drehbuch. Aber es ist perfekt. Ich brauchte keine Minute, um die Szene zu schneiden. Und sie ist jetzt eine der besten des Films. An anderen habe ich monatelang immer wieder herumgedoktert, weil ich nicht zufrieden war.

Das Verhältnis zwischen John du Pont und Mark Schultz lässt sich psychologisch auf sehr vielen Ebenen sehen, wie Vater und Sohn, reich und arm, es gibt auch eine homoerotische Komponente. Hatten Sie überlegt, letztere eindeutiger zu machen?
Bennett Miller: Nach dem Stand meiner Recherchen ist die Art, wie es im Film dargestellt ist, das, wie es sich auch tatsächlich anfühlte. Da knistert etwas, es gibt eine Anziehung, aber sie ist nur ein weiteres Element, das verdrängt wird. So vieles in dieser Geschichte passiert, worüber die Protagonisten einfach schweigen, du Pont eingeschlossen. Bei denen Angehörigen und Angestellten, mit denen wir sprachen, reichten die Reaktionen von: „Nein, glaube ich nicht“ bis „Ziemlich sicher lief da was, aber gesehen hat man nie etwas“. Und aus du Ponts Perspektive ist es eine Gefühlsregung, die er sich noch nicht einmal eingestehen geschweige denn ausleben darf. Genauso wenig wie er sich eingestehen darf, dass er ein Dilettant ist. Aber die Sexualität ist nur ein Element, es ist kein Film über die homoerotische Beziehung zwischen den beiden, so wenig wie es ein Film über Drogenmissbrauch oder psychische Krankheiten ist. Es hätte sehr leicht so etwas werden können, aber dann wäre es plötzlich zu einem Nichts zusammengeschrumpft. Mich interessierten die großen Themen, diese Nebenschauplätze fügen dem Mix aus Verdrängen und Schweigen nur weitere Aspekte hinzu.

Steve Carell wird für seine darstellerische Leistung in dieser Rolle zu Recht gefeiert und wurde unter anderem für einen Oscar nominiert. Dabei war es sicher ein gewisses Risiko, den aus Komödien und der Sitcom The Office bekannten Carell in dieser Charakterrolle zu besetzen. Mussten Sie ihn manchmal bremsen?
Bennett Miller: Im Gegenteil. Steve ist von Natur aus ein sehr ernster Mensch. Als ich ihn zum ersten Mal traf und wir über den Film redeten, war ihm von Anfang an klar, dass es keine Komödie ist. Es ist ein Drama, auch wenn es darin humoristische Elemente gibt. Ich finde sogar sehr vieles davon rasend komisch. Und wenn es nicht mit Mord enden würde, wäre die Geschichte eine phantastische Grundlage für eine Komödie. Es ist wirklich sehr, sehr komisch. Eine absurde Farce über Klasse und Macht. Ich glaube, was Steve und viele andere mit ihm sehr ernüchtert hat, war das Treffen mit der Familie des Mordopfers. Sie besuchten mehrmals das Set, und das hatte auch Einfluss auf die Atmosphäre. Niemand versuchte, mit blöden Sprüchen oder Witzen aufzutrumpfen, weil jeder die Verpflichtung spürte, diesen Menschen und ihrer Geschichte gerecht zu werden.

Ihr Film erinnert immer wieder an Paul Thomas Andersons The Master
Bennett Miller: Den Vergleich höre ich öfter. Aber mein Projekt ist das ältere, ich habe mit der Entwicklung schon vor The Master begonnen. Das zog sich hin und wir waren schließlich in der Vorproduktion, als Andersons Film Premiere hatte. Aber Sie haben Recht, es gibt bemerkenswert viele Parallelen. Schon merkwürdig, wie unabhängig voneinander Projekte mit sehr ähnlichen Themen entstehen. Aber es ist purer Zufall.